didacta-Themendienst

„Für mehr Ruhe und Verlässlichkeit an den Schulen sorgen“

Wurde in Baden-Württemberg zu viel über Schulstruktur diskutiert und zu wenig über Unterricht? Dr. Susanne Eisenmann ist seit Anfang 2016 Kultusministerin im Ländle und möchte sich wieder verstärkt der qualitativen Schulentwicklung zuwenden.

09.01.2017 Baden-Württemberg Artikel Anika Wacker, Anna Petersen
  • © Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg Seit Mai 2016 ist Dr. Susanne Eisenmann Kultusministerin in Baden-Württemberg.

Frau Dr. Eisenmann, was zeichnet das Schulsystem in Baden-Württemberg aus?
Unser Schulsystem ist breit aufgestellt und zeichnet sich dadurch aus, dass es für alle Kinder und Jugendlichen die individuell passende Fördermöglichkeit bietet. Einen Punkt möchte ich an dieser Stelle herausgreifen, und zwar unser seit vielen Jahren gut ausgebautes berufliches Bildungswesen. Neben der traditionell zentralen Aufgabe, ein verlässlicher und qualitativ hochwertiger Partner des Handwerks und der Wirtschaft in der dualen Ausbildung zu sein, tragen unsere beruflichen Schulen ganz erheblich zur Durchlässigkeit unseres Schulwesens bei. Eine Besonderheit im beruflichen Schulwesen in Baden-Württemberg stellen die beruflichen Gymnasien dar. Diese circa 220 öffentlichen Schulen sind eine echte Alternative für alle, die sich einen neunjährigen Weg zur Hochschulreife wünschen. Ungefähr ein Drittel aller Abiturienten in Baden-Württemberg erwerben ihre Hochschulreife an einem beruflichen Gymnasium. Studien wie die „TOSCA“-Studie haben den beruflichen Gymnasien in Baden-Württemberg in vielerlei Hinsicht Vorbildcharakter bescheinigt, insbesondere bei der Integration von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund.

TOSCA steht für Transformation des Sekundarschulsystems und akademische Karrieren. Das Projekt untersucht die Bildungsbiografien von Absolventen des Gymnasiums und der Realschule über einen Zeitraum von mehreren Jahren.

In Baden-Württemberg gibt es im Vergleich zu anderen Bundesländern eine relativ große Vielfalt an Schultypen (Gymnasium, Gemeinschaftsschule, Realschule, Werkrealschule, Hauptschule). Wie spielen diese zusammen und wie ergänzen sie sich?
Es ist richtig, wir haben diese Vielfalt. Der Versuch der Vorgängerregierung, das Bildungswesen in ein Zwei-Säulen-System umzuwandeln, ist nicht aufgegangen. Im Gegenteil, mit der Einführung der Gemeinschaftsschule wurde das Schulsystem sogar noch erweitert. Doch mit mir wird es keine weiteren Strukturdiskussionen geben. Wir haben diese Struktur, und die Vielfalt der Schularten spiegelt auch die Vielfalt an Begabungen und Interessen der Schülerinnen und Schüler wider. Worauf wir uns nun konzentrieren müssen, ist erstens wieder für mehr Ruhe und Verlässlichkeit an den Schulen zu sorgen. Und zweitens müssen wir uns dringend der qualitativen Entwicklung unserer Schulen zuwenden.

Wie beurteilen Sie den Mehrwert der Gemeinschaftsschule?

Für mich ist die Gemeinschaftsschule eine der weiterführenden Schularten mit einem besonderen pädagogischen Konzept. Bei Eltern gibt es durchaus einen Zuspruch für diese Schulart. Das stelle ich nicht in Frage. Gleichzeitig wollen wir diesen Schulen aber ermöglichen, in eigener Verantwortung ab Klasse 8 in den Fächern Deutsch, Mathematik, Fremdsprachen sowie in den Naturwissenschaften in Gruppen mit unterschiedlichen Leistungsanforderungen zu unterrichten. Was die Anzahl der Standorte angeht, halte ich den Bedarf mit landesweit fast 300 Schulen weitgehend für gedeckt.

Beim IQB-Ländervergleich hat Baden-Württemberg dieses Mal schlechter abgeschnitten als in der Vergangenheit. Was denken Sie, woran das liegt und was muss jetzt passieren?

Gerade in Baden-Württemberg haben die Schulen in den vergangenen Jahren bewegte Zeiten erlebt. Eine Reform folgte auf die Nächste. Vieles war sicherlich notwendig. Doch einige Veränderungen folgten einem pädagogischen Zeitgeist, der sich leider nicht an Leistung und Qualität orientiert. Dazu kommt, dass die weitreichenden strukturellen Veränderungen unseres Schulsystems den Schulen und Lehrerinnen und Lehrern Zeit und Aufmerksamkeit entzogen haben. Einen zentralen Ansatz sehe ich deshalb darin, dass wir für mehr Stabilität in den Schulen sorgen müssen. Der IQB-Ländervergleich führt uns außerdem drastisch vor Augen, dass wir uns wieder stärker auf Grundfertigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen konzentrieren müssen.

Welche Maßnahmen zur Qualitätsentwicklung und -sicherung des Unterrichts unternehmen Sie gegenwärtig?
Anhaltspunkte erhoffen wir uns zum einen durch ein strategisches Bildungscontrolling, das wir derzeit entwickeln. Dabei sollen bereits vorhandene Daten zu den Leistungen der einzelnen Schulen sowie statistische Informationen über Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und das sozioökonomische Umfeld der Schule zusammengeführt und analysiert werden. Ziel ist es, gezielt auf Schulen mit Problemen zuzugehen und sie dabei zu unterstützen, sich qualitativ weiterzuentwickeln. Es geht keinesfalls darum, schwächere Schulen vorzuführen. Eine Maßnahme zur qualitativen Entwicklung hat bereits zum aktuellen Schuljahr begonnen: In den Grundschulen haben wir die Stunden für den Unterricht in den Fächern Deutsch und Mathematik erhöht. Damit wollen wir grundlegende Kompetenzen wie Lesen, Schreiben, Zuhören und Rechnen stärken. Auch mit dem neuen Konzept zur Stärkung der Realschulen verfolgen wir konsequent das Ziel, die Leistung und Qualität an den Schulen zu verbessern. Als nächsten Schritt werden wir die Lehreraus- und -fortbildung unter dem Gesichtspunkt der Fachlichkeit der Lehrkräfte überprüfen.

Über bildungspolitische Ziele und Herausforderungen in Baden-Württemberg spricht Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann auch am 14., 15. und 17. Februar auf der didacta-Bildungsmesse 2017 in Stuttgart:

Bildungskongress der Kommunalen Landesverbände
"Bildung auf Draht – Digitalisierung der Schulen"
Referenten: Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Landtagspräsidentin Muhterem Aras, Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann sowie die Landtagsfraktionsvorsitzenden Andreas Schwarz, Prof. Dr. Wolfgang Reinhart, Andreas Stoch und Dr. Hans-Ulrich Rülke
17. Februar 2017
10:00 – 18:00 Uhr
ICS, Raum C1.1
Veranstalter: Städtetag, Landkreistag und Gemeindetag Baden-Württemberg in Kooperation mit dem didacta Verband der Bildungswirtschaft und der Messe Stuttgart

Schule/Hochschule

Forum Bildung
Schule der Zukunft – Zukunft der Schule: Schulentwicklung in Baden-Württemberg
Dr. Susanne Eisenmann (Ministerin für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg)
14. Februar 2017
14:30 – 15:45 Uhr
Stand: 1H71 (Veranstaltung am Messestand)
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Bildung
Wohin mit der Gemeinschaftsschule?
Referenten: Sandra Boser (Bildungs-, Schulpol. Sprecherin der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Landtag Baden-Württemberg), Dr. Stefan Fulst-Blei (Bildungs-, Schulpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Landtag Baden-Württemberg), Dr. Timm Kern (Bildungs-, Schulpolitischer Sprecher der Fraktion FDP/DVP im Landtag Baden-Württemberg) und Karl-Wilhelm Röhm (Schulpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Landtag Baden-Württemberg)
15. Februar 2017
10:30 – 11:45 Uhr
Stand: 1H71 (Veranstaltung am Messestand)
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Forum didacta aktuell
Leistungsstarke Kinder – wo bleiben sie?
Darüber diskutieren:

  • Dr. Susanne Eisenmann, Kultusministerin von Baden-Württemberg
  • Monika Greschuchna, Schulleiterin aus dem Saarland
  • Stefan Küpper, SCHULEWIRTSCHAFT Baden-Württemberg
  • Prof. Dr. Manfred Prenzel, School of Education an der TU München
  • Moderation: Dr. Donate Kluxen-Pyta, BDA, Berlin

15. Februar 2017
11.00 - 11.45 Uhr
Veranstalter: BDA | Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände

Forum Bildung
Berufliche Bildung – Leistung und Herausforderung
Darüber diskutieren:

  • Dr. Susanne Eisenmann, Ministerin für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg
  • Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)
  • Dr. Ernst G. John, Bundesvorsitzender Bundesverband der Lehrerinnen und Lehrer an Wirtschaftsschulen e. V.
  • Prof. Dr. Ralph Alexander Lorz, Hessischer Kultusminister
  • Eugen Straubinger, Bundesvorsitzender Bundesverband der Lehrerinnen und Lehrer an beruflichen Schulen e. V.

17. Februar 2017
15:00 – 16:00 Uhr
Stand: 1H71 (Veranstaltung am Messestand)
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Forum didacta aktuell
Schulentwicklungsland Deutschland?
Darüber diskutieren

  • Verena Appelshäuser, Schulleiterin Grundschule Lambrecht
  • Prof. Dr. Monika Buhl, Dozentin für Schulpädagogik am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Heidelberg, Leiterin des Regionalteams Süd der Deutschen Schulakademie
  • Claudia Rugart, Abteilungspräsidentin Schule und Bildung im Regierungspräsidium Stuttgart

17. Februar 2017
Halle 5, D32
Veranstalter: Didacta Verband e. V.

Berufliche Bildung/Qualifikation

Forum Berufliche Bildung
Fit für den Beruf: Schule im Zeitalter der Digitalisierung
Referenten: Dr. Susanne Eisenmann (Ministerin für Kultus, Jugend und Sport des Landes Baden-Württemberg), Michael Futterer (GEW-Landesverband Baden-Württemberg), OStD Eugen Straubinger (Bundesverband der Lehrerinnen und Lehrer an beruflichen Schulen e. V.) und Rainer Lupschina (Friedrich-List-Gymnasium Reutlingen).
15. Februar 2017
12:15 – 13:15 Uhr
Stand: 6D32 (Veranstaltung am Messestand)
Veranstalter: Didacta Verband e.V. / Verband Bildungsmedien e.V.

Forum Berufliche Bildung
Berufliche Bildung 4.0: Wo steht das Land Baden-Württemberg?
Darüber diskutieren:

  • Elke Lücke, Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG Porsche AG
  • Stefan Küpper, Südwestmetall
  • Herbert Huber, Berufsschullehrerverband Baden-Württemberg (BLV)

17. Februar 2017
12:15 – 13:15 Uhr
Halle 6, D32
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft / Verband Bildungsmedien e. V.

Nähere Informationen zu den Veranstaltungen der didacta 2017 finden Sie unter www.messe-stuttgart.de/didacta

Information für Redaktionen: Interviews, Texte und Zitate aus diesem Themendienst können gerne zur redaktionellen Berichterstattung verwendet werden. Beim Bildmaterial beachten Sie bitte die entsprechenden Nutzungshinweise am jeweiligen Bild. Über ein Belegexemplar an info( at )bildungsklick.de freuen wir uns.

Der Themendienst im Überblick: Weitere Artikel und Interviews zur didacta 2017 finden Sie in unserem Dossier.



Mehr zum Thema


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden