Vom Schulbuch zum ´Enhanced Textbook`
Unterricht ohne Buch und Kreidestaub - stattdessen mit Whiteboard, Tablet PCs und Internet? Die Diskussion um den Einsatz Neuer Medien in den Schulen wird mal hitzig und mal abgeklärt geführt. Für die einen hat der Abgesang auf die alten Medien längst begonnen, während die anderen am Leitmedium Buch festhalten - auch mit Blick auf die mangelnde Finanzierungsbereitschaft der Länder und Kommunen für die notwendige technische Ausstattung. Keine einfache Aufgabe für Schulbuchmacher und Verleger: Sollen sie weiter auf das gute alte Schulbuch setzen oder lieber vermehrt Energien und Ressourcen in die digitalen Produkte stecken? Wie digital wird die Schule in den kommen Jahren? Und welche Rolle spielen die Verlage überhaupt bei dieser Entwicklung?
06.03.2012 ArtikelImmerhin: Rund die Hälfte der Lehrer meint, dass das interaktive Whiteboard über kurz oder lang die Kreidetafel verdrängen wird. Das ergab eine aktuelle Studie der Cornelsen Schulverlage. Vorreiter sind erstaunlicherweise die Grundschullehrer, 52 Prozent von ihnen sind dieser Überzeugung. Die Zustimmung der Gymnasiallehrer zu dieser Aussage ist da mit 39 Prozent eher verhalten. Aber an Mittleren Schulformen und an den Gesamtschulen glaubt auch noch jeder zweite Lehrer an den Erfolg der digitalen Tafel.
Erfolgsgeschichte Whiteboard?
Die erstaunliche Akzeptanz eines noch relativ jungen Mediums in der Lehrerschaft ist beeindruckend. Schließlich waren noch vor rund zwei Jahren in Deutschland erst weniger als fünf Prozent aller Klassenräume mit interaktiven Whiteboards ausgestattet. Nicht ganz unbeteiligt an der positiven Entwicklung sind die Schulbuchverlage. Sie erkannten rasch das Potenzial der neuen digitalen Tafel und entwickelten dafür spezielle Angebote. Dabei mussten sie nicht einmal bei Null anfangen, konnten sie doch auf das zurückgreifen, was sie längst schon in Angriff genommen hatten. Denn auch in den Jahren zuvor hatten sie sich keineswegs verzweifelt am gedruckten Buch festgeklammert: Seit rund zwanzig Jahren mischen sie kräftig bei der Produktion digitaler Lerninhalte mit.
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Viel Geld und Ressourcen investierten sie etwa in den neunziger Jahren in die Entwicklung von Edutainmentprogrammen zum spielerischen Lernen oder in multimedial aufwendig gestaltete Lernprogramme zu einzelnen Schulfächern wie Englisch, Mathematik, Physik oder Politik. Sie experimentierten mit ersten Begleitangeboten im Netz und mittlerweile produzieren sie Lernangebote für Nintendos Handhelds ebenso wie fürs iPhone, den iPod oder das iPad. Kaum ein Arbeitsheft kommt heute noch ohne Zusatz-CD-ROM aus. Und auch viele Schulbücher beherbergen digitale Beileger. Diverse Lernangebote im Internet bis zu kompletten Lernplattformen gehören längst zum Portfolio der Bildungsverlage. Sind sie also auf den digitalen Wandel vorbereitet?
"Wir setzen seit vielen Jahren auf einen hohen digitalen Anteil im Produktkranz von Lehrwerken. Und das, obwohl die Nachfrage danach nur langsam wächst, viel stärker in der bildungspolitischen Diskussion als konkret in den Schulen", so Wolf-Rüdiger Feldmann, Geschäftsführer der Cornelsen Schulbuchverlage.
Das bestätigen auch die Umsatzzahlen. Jahr für Jahr weist der Verband Bildungsmedien darauf hin, dass das entscheidende Stichwort beim Umsatz mit digitalen Medien Stagnation heißt. Das war vor zehn Jahren genauso wie heute. Tatsächlich scheint die digitale Revolution in den meisten Klassenzimmern noch immer nicht angekommen zu sein. So belegte die D21-Bildungsstudie "Digitale Medien in der Schule" vor einem Jahr, dass zwar rund 90 Prozent der Schulen über Computer verfügen, dass allerdings in nur 7,5 Prozent der Fälle tatsächlich jedem Schüler im Klassenzimmer ein PC, Notebook oder Netbook zur Verfügung steht. Und auch die neuen Tablet PCs haben da noch nicht viel geändert. Gegenwärtig, so die aktuellen Zahlen, gibt es deutschlandweit nur rund 30 sogenannte iPad-Klassen. Allerdings hat das relativ junge Gerät auch im außerschulischen Umfeld noch deutliches Entwicklungspotenzial: Erst 0,7 Prozent der Bevölkerung ab 15 Jahren haben hierzulande einen Tablet-PC. Auch der mediale Hype, der Anfang des Jahres angesichts Apples in den USA vorgestelltem iSchulbuch entstanden war, hat sich rasch gelegt.
"Wir gehen gern in die Vorlage"
Trotzdem werden sich die Bildungsverlage bei der Digitalisierung der Schule - wie auch schon bei den Whiteboards - weiter engagieren, erklärt Feldmann. "Leider müssen wir aber feststellen, dass es politisches Bestreben ist, eher weniger Geld auszugeben. Wir erleben nirgendwo die Bereitschaft, nennenswert zusätzliche Mittel zur Verfügung zu stellen. Bildung ist ein Megathema und eine der wichtigsten Ressourcen in Deutschland. Aber die Budgets für Bildungsmedien schrumpfen weiter. Und das bleibt aus unserer Perspektive ein Widerspruch: Der Anspruch zu innovieren, aber keine Bereitschaft, dafür auch zu investieren. Das ist momentan noch ein sehr einseitiges Modell auf der Seite der Verlage. Wir gehen gern in die Vorlage, aber können das immer nur eine begrenzte Zeit lang tun." Dieses Risiko, das jedem Buchhalter die Schweißperlen auf die Stirn treiben müsste, können die Bildungsverlage nur eingehen, weil das gedruckte Schulbuch noch immer Erfolgsgeschichte schreibt. Etwa 4000 neue Titel erscheinen jährlich.
Zur didacta 2012 haben knapp 30 Unternehmen einen – möglicherweise entscheidenden – Schritt getan und die gemeinsame Plattform Digitale Schulbücher gestartet. In diesem Online-Regal können Schüler und Lehrer ihre digitalen Schulbücher der verschiedenen Verlage aufbewahren und nutzen. Dabei wird ihnen nicht die Nutzung einer bestimmten Technik vorgegeben. Geeignet sind die Werke für alle Endgeräte.
Mehrere hundert Titel sollen zum Start im kommenden Schuljahr bereits angeboten werden, wobei das Portfolio in den nächsten Jahren wohl rasant wachsen wird und sich auch nicht auf die 1zu1-Übersetzung bisher gedruckter Werke beschränken soll. "Wir sprechen da zum Beispiel auch von ´Enhanced Textbooks`, die multimediale und interaktive Elemente enthalten", erklärt Feldmann. Bereits jetzt stellen die Cornelsen Schulverlage 60 Schulbücher digital bereit.
"Die Lehrer in ihrer Profession unterstützen"
Die Bildungsverlage als Motor für neues Lernen? "Wir sind sehr sicher, dass eine stärkere Verwendung digitaler Komponenten von Bildungsmedien für Unterrichtsprozesse und Lernprozesse Effizienz steigernd sein kann", betont Feldmann und erklärt auch gleich, worin er die grundsätzliche Aufgabe eines Bildungsverlags sieht: "Unser Anspruch ist, die Unterrichtenden in ihrer Profession zu unterstützen. Der pädagogische Anspruch an den Lehrerberuf wird durch immer heterogene Klassen massiv wachsen und die Herausforderung, zu unterrichten und Unterrichtsprozesse mit sehr heterogenen Lerngruppen zu gestalten, steigt. Insofern können wir als Dienstleister die Lehrer an einer Stelle entlasten, nämlich bei der Frage: Mit welchem Material-Set erreiche ich die gesteckten Lernziele, kann ich mich auf die Qualität verlassen und meinen Fokus auf das pädagogische Element meiner Arbeit richten und nicht auf die Frage: Wie stelle ich mir selbst Lernhäppchen zusammen, sodass ich bestimmte Lernziele erreiche."
Weiterführende Links
- VIDEO: Bildungsverlage stellen das interaktive Schulbuch vor.
- Homepage 'Digitale Schulbücher'
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