Zu kurz gesprungen - Die Regierungserklärung des bayerischen Ministerpräsidenten Beckstein ist opportunistisch anstatt visionär

Die heutige Regierungserklärung des bayerischen Ministerpräsidenten Beckstein kommentiert die Landesvorsitzende des Bayerischen Elternverbands, Isabell Zacharias: "Wir Eltern sind enttäuscht von den bildungspolitischen Vorstellungen des neuen Ministerpräsidenten. Beckstein beackert die bekannten Problemfelder mit völlig untauglichem Werkzeug. Unerträglich sind allerdings die Klischees, die er bedient - da wird viel Porzellan zerschlagen."

15.11.2007 Bayern Pressemeldung Bayerischer Elternverband

Zu einzelnen Punkten:

Mehr Sprachförderung der Migrantenkinder und ihrer Eltern ist gut, aber nur, wenn die nötigen Mittel bereitgestellt werden. Derzeit läuft der Deutschunterricht für Kinder vor der Einschulung mehr schlecht als recht, weil die Schulen den Unterricht zum Teil nicht halten wollen, zum Teil nicht halten können, denn fachlich gebildetes Personal fehlt. Auch die Kindergärten sind damit überfordert, weil sie weder die zeitlichen noch die personellen Voraussetzungen haben. Geradezu hanebüchen ist die Aufforderung, ausländische Familien mögen mit ihren Kindern zu Hause Deutsch sprechen. So lernen Kinder weder ihre Muttersprache noch Deutsch. "Das ist der beste Weg, jegliche Integration zu verhindern", sagte Zacharias.

Ganztagsangebote für jeden Hauptschüler - diese Ankündigung ist in doppelter Hinsicht zu wenig. Alle Schüler brauchen Ganztagsschulen, nicht nur die sozial vermeintlich besonders benachteiligten Hauptschüler. Ganztagsangebote sind aber keine Ganztagsschulen, und nur diese bieten die Chance einer neuen Pädagogik. Für Ganztagsangebote zahlen die Eltern, und die Qualität steht und fällt mit dem Personal, welches sich die Schule leisten kann. Deshalb sieht der BEV die angekündigte Verlängerung der Mittagsbetreuung an Grundschulen mit äußerster Skepsis. Unklar ist, wer die Betreuung leisten soll und vor allem, wer sie finanziert. Bei vielen Familien reicht das Geld nicht einmal für ein Mittagessen in der Schule, monatlich 40 bis 50 Euro für eine Ganztagsbetreuung sind völlig undenkbar. "Hier will der Staat sich aus der Verantwortung schleichen", sagte Zacharias. "Der Bedarf für Ganztagsgrundschulen ist da, aber sie sind teuer. Nun sollen die Kosten auf die Eltern abgewälzt und diese mit einem Ganztagsschulersatz abgespeist werden." Darüber hinaus funktioniert die verlängerte Mittagsbetreuung nur mit großem ehrenamtlichem Einsatz von Elternseite, es sei denn, der Staat investiert hier sehr viel Geld für Personal. "Dann sollte er am besten gleich richtige Ganztagsgrundschulen einrichten", sagte Zacharias.

Geradezu skandalös findet es der BEV, dass Beckstein die populären Klischees von den erziehungsunfähigen Eltern bedient. "Wer die Bedingungen an den Schulen kennt, wird alles dafür tun, Unterstützungssysteme für die Zusammenarbeit von Eltern und Lehrer zu entwickeln, anstatt Lehrer und Eltern gegeneinander aufzuhetzen, wie Beckstein das tut", sagte Zacharias. "Einen Erziehungsnotstand gibt es vor allem auf dem Titel eines populären Buchs, aber nicht in der Wirklichkeit. Erziehung war nie einfach, und die Alten fanden die Jungen immer unerzogen." Wissenschaftler können den angeblichen Erziehungsnotstand nicht belegen, ebensowenig den angeblichen Werteverfall. "Es ist immer schmerzlich, wenn das Weltbild sich ändert. Von jemandem, der ein Land regieren will, sollte man aber erwarten dürfen, dass er sich nicht von Vorurteilen, sondern von Sachverstand leiten lässt."


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