Gastbeitrag

„Die Digitalisierung an Schulen ist ein Produkt der Industrie“

Bei der Digitalisierung der Bildung bedient die Politik zu sehr die wirtschaftlichen Interessen der IT-Industrie, meint Prof. Dr. Ralf Lankau. Im Gespräch mit Pia Behme warnt der Dozent für Medien und Informationswesen an der Hochschule Offenburg vor einer Privatisierung der Bildung.

13.09.2017 Bundesweit Artikel BEGEGNUNG, Pia Behme
  • © bildungsklick TV

Herr Prof. Lankau, wie lassen sich digitale Hilfsmittel didaktisch sinnvoll einsetzen?
Ich plädiere dafür, das ganze Spektrum zu nutzen, also analoge und digitale Medien. In meinen Vorlesungen zeige ich Bildmaterial und Videos, aber lese auch aus der Zeitung vor. Pädagogisch hat sich nichts geändert, nur weil ich mit digitalen Medien arbeite. In der aktuellen Diskussion um digitale Lernmittel an Schulen geht unter, dass wir nach Lebensalter, Schulformen und Fächern unterscheiden müssen. Im Digitalpakt#D oder dem Strategiepapier „Bildung in der digitalen Welt“ der Kultusministerkonferenz wird immer von digitaler Bildung für jedes Lebensalter gesprochen. Das geht in eine völlig falsche Richtung. Ich arbeite schwerpunktmäßig mit jungen Erwachsenen, die ich ganz anders fordern kann als beispielsweise Grundschüler. Man muss sich überlegen, wer die Zielgruppe ist, und sich die Frage stellen: Wie kann ich durch Medien den Unterricht und die Vermittlung unterstützen?

© Dan Curticapean

Prof. Dr. Ralf Lankau ist Grafiker, Philologe und Kunstpädagoge. Seit 2002 unterrichtet er als Professor für Mediengestaltung und Medientheorie an der Hochschule Offenburg, an der er auch die grafik.werkstatt leitet. Sein Forschungsschwerpunkt ist experimentelle Medienproduktion in Kunst, Lehre und Wissenschaft. Hier untersucht er, wie man mit digitalen Medien künstlerisch arbeiten kann. Ralf Lankau publiziert zu Design, Kommunikationswissenschaft und Medienpädagogik. Im Herbst erscheint sein Buch „Kein Mensch lernt digital“.

Was braucht es für eine sinnvolle Digitalisierung an Schulen zuerst?Ausreichend Hard- und Software oder die Erarbeitung von Konzepten und eine entsprechende Lehrerfortbildung?
Die Konzepte sind das Entscheidende. Schon in der Lehrerbildung sollte vermittelt werden, wie man sinnvoll mit Medien im Unterricht umgehen kann. Auch die Lehrpersönlichkeit spielt dabei eine Rolle. Dem KMK-Strategiepapier nach sollen alle Lehrkräfte mit digitalen Techniken im Unterricht arbeiten. Das ist absurd. Eine Vereinheitlichung der Lehrmethoden ist zum einen juristisch nicht zulässig, aber auch für die Schüler langweilig. Die Auseinandersetzung mit der Lehrperson und den unterschiedlichen methodischen Ansätzen geht verloren. Jede Lehrkraft sollte selbst entscheiden, welches Medium sie für welche Situation im Unterricht einsetzt. Ich plädiere für Vielfalt, die entsteht, wenn wir die Lehrpersönlichkeiten ernst nehmen. Lehrkräfte brauchen Unterstützung, aber nicht an erster Stelle von digitaler Technik, die nach zwei Jahren veraltet ist und dann weggeschmissen werden muss. Das ist ein komplett falscher Ansatz, der nur die Interessen der IT-Wirtschaft bedient. Überall liest man, dass die Digitalisierung der Schulen für jeden Unterricht, alle Schulstufen, bei der Inklusion ebenso wie der Sprachausbildung von Flüchtlingskindern großartig ist. Wir wissen, dass es nicht so ist. Studien der OECD, etwa die jüngste PISA-Studie, zeigen, dass guter Unterricht immer noch von guten Lehrkräften gemacht wird. Man kann Medien dazunehmen, aber das steht nicht an erster Stelle.

 

Ist die zunehmende finanzielle und materielle Unterstützung von Schulen durch private Unternehmen Ihrer Meinung nach politisch gewünscht?
Ja, weil wir dabei sind, unser Schulwesen stark zu privatisieren. Wenn wir in die Vereinigten Staaten schauen, können wir ahnen, was auf uns zukommt. Es wird immer mehr private Schulen geben, auf die die Kinder wohlhabender Familien gehen. Unsere öffentlichen Schulen sind unterfinanziert und daher sehr offen, wenn ein Unternehmen Material spenden will. Generell habe ich nichts dagegen, wenn Firmen Schulen unterstützen möchten. Aber die Schule sollte selbst entscheiden können, wofür das Geld ausgegeben wird. Wenn direkt Hardware gesponsert wird, kommen Lerninhalte von außen in die Bildungseinrichtungen. KMK und Bildungsministerien legen aber die Curricula fest, die die Schulen dann in ihren Lehrplänen umsetzen. Da kann es nicht sein, dass durch Spenden Rechner angeschafft werden, die bereits Software enthalten und letztlich Microsoft-Programme geschult werden. Schulen sollten mit Open-Source-Programmen arbeiten, um unabhängig von Herstellern zu sein.

Welches Interesse verfolgt die IT-Industrie im Bildungsbereich?
Die Unternehmen möchten Lehrende und Lernende an ihre Geräte und Produkte gewöhnen. Wer einmal begonnen hat, mit Programmen eines Anbieters zu arbeiten, wird einen Wechsel als mühsam empfinden. Häufig bekommt man als Schüler oder Studierender kostenlose Software und denkt gar nicht mehr darüber nach, ob man auch andere Programme benutzen könnte. Wir müssen auch hier einen Schritt zurückgehen. Ich habe meine Grafikwerkstatt komplett auf Open Source umgestellt und verpflichte auch die Studierenden dazu. So lernen sie wenigstens, mit allen Betriebssystemen und unterschiedlicher Anwendungs-Software zu arbeiten, statt sich direkt festzulegen – wie es Industrie und Software-Anbieter möchten.

Mit dem Digitalpakt#D will das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) die Digitalisierung in der Bildung vorantreiben: Für die kommenden fünf Jahre hat Bildungsministerin Prof. Dr. Johanna Wanka den knapp 40.000 Schulen in Deutschland fünf Milliarden Euro für Breitbandanbindung, WLAN und Geräte in Aussicht gestellt. Im Gegenzug sollen die Länder für entsprechende pädagogische Konzepte sowie Bildungsangebote für Lehrkräfte sorgen.

Wie konkret beeinflusst die Industrie Umfang und Art der Digitalisierung an Schulen?
Die gesamte Digitalisierung an Schulen ist ein Produkt der Industrie. Beispielsweise kooperiert Bundesbildungsministerin Prof. Johanna Wanka beim Digitalpakt#D eng mit Prof. August-Wilhelm Scheer von der Scheer Holding GmbH, einem Beratungs- und Software-Unternehmen. Beide sind Vorsitzende der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gegründeten IT-Gipfel-Plattform „Digitalisierung in Bildung und Wissenschaft“, die den Pakt verantwortet. Es geht also um Wirtschaftsinteressen. Die Schulen sollen als Abnehmer für Hardware und Software gewonnen werden. Pädagogisch brauchen wir das nicht: Der Computerwissenschaftler Tim Bell hat beispielsweise die „Computer Science Unplugged“-Reihe herausgegeben, mit der er Kindern die Strukturen von IT vermittelt – ohne Computer. Er sagt: Wir brauchen keine Rechner, um zu zeigen, wie ein Programm funktioniert. Das machen seine Schüler mit Karten oder sie malen etwas auf den Boden. Es geht darum, Strukturen zu verstehen. Das ist eine sinnvolle Art des Lernens, die wir in unseren Schulen übernehmen sollten: Rechner auseinanderbauen und wieder zusammenbauen, Netzwerke aufbauen, einen Server aufsetzen und dann versuchen, ihn zu hacken. Computer und Netzwerke kann man als Medientechnik durchaus in der Grundschule thematisieren. Was mache ich im Netz? Wie verhalte ich mich? An dieser kritisch-reflektierten Auseinandersetzung ist die Industrie nicht interessiert. Im Moment werden Schüler in Tablet-Klassen nur an den Konsum digitaler Medien gewöhnt. Das analytische Reflexionsvermögen entsteht aber erst im Alter von 12 Jahren. Wenn die Kinder dann schon so konditioniert sind, dass sie gar nicht mehr darüber nachdenken, was sie alles mit dem Rechner machen, lässt sich das kaum noch ändern.

Laut Jörg Dräger von der Bertelsmann Stiftung ist die Digitalisierung der Bildung ein „Angriff auf die Eliten“. Sehen Sie hier kein Potenzial für mehr Chancengleichheit?
Nein, das ist Propaganda. In den Vereinigten Staaten gab es lange einen Hype um kostenlose Online-Vorlesungen (MOOC) von Elite-Universitäten: Alle können bei den besten Professoren studieren, was sie wollen, weil die Vorlesung im Netz steht. Aber es bringt nicht viel, eine Vorlesung über Physik oder Mathematik anzuschauen, wenn man kein Vorwissen hat und mit niemandem darüber sprechen kann. Digitalisierte Angebote im Netz sind großartig für diejenigen, die lernaffin sind und schon eine Ausbildung oder ein Studium abgeschlossen haben. Sie erhalten durch diese digitalen Angebote leichter Zugänge, gerade im wissenschaftlichen Bereich. Aber diejenigen, die das Lernen nicht gelernt haben, sind nach wie vor abgehängt. Der Digitalisierungsdruck, der auf den Schulen lastet, ist immens. Es wird ja überall promotet: „Wenn ihr keine Tablet-Klassen habt, werdet ihr in der Konkurrenz zu anderen Schulen abgehängt. Eine moderne Schule braucht Rechner, Tablets etc.“ Aber das ist alles Werbung.

Glauben Sie nicht, dass die Digitalisierung ein individualisiertes Lernen fördern kann?Software kann nicht individualisieren. Es wird ein klarer Pfad zum Lernziel gelegt, weil am Schluss etwas automatisiert geprüft werden soll. Das Ziel ist durch die Software definiert. Wer fit ist, schafft es auf einem kurzen Weg, alle anderen müssen einen längeren Weg mit mehr Übungsaufgaben und Schleifen beschreiten. Das ist keine Individualisierung. Wenn ich mir ein Fachbuch anschaue, gucke ich zuerst ins Inhaltsverzeichnis, dann in den Index, ich blättere mal durch oder lese mich fest. Ich lege selbst den Weg durch das Buch fest. Software ist dagegen fremdbestimmt. Dennoch wird Lern-Software oft als „selbstbestimmt“ und „selbstorganisiert“ beworben. Das gilt wirklich nur für diejenigen, die es gewohnt sind zu lernen.

Die Kultusministerkonferenz hat im Dezember 2016 das Strategiepapier „Bildung in der digitalen Welt“ veröffentlicht. Darin werden Kompetenzen beschrieben, die Schulen beim Umgang mit digitalen Medien vermitteln sollen. Die sechs Kernkompetenzen sind demnach: Suchen, Verarbeiten und Aufbewahren; Kommunizieren und Kooperieren; Produzieren und Präsentieren; Schützen und sicheres Agieren; Problemlösen und Handeln; Analysieren und Reflektieren. Bis 2021 sollen alle Schüler in den weiterführenden Schulen eine digitale Lernumgebung und einen Zugang zum Internet nutzen können, heißt es in dem Strategiepapier.

Das digitale Lernen schreitet dennoch voran. Was prognostizieren Sie, inwiefern wird sich das Bildungswesen in den kommenden Jahren verändern?
Meine Hypothese ist, dass der Hype, das Geld für digitale Geräte auszugeben, noch eine Weile weitergeht, bevor das Pendel zurückschwingt. In den Vereinigten Staaten schicken wohlhabende Familien im Silicon Valley jetzt schon ihre Kinder in Montessori-Kindergärten und Waldorfschulen, in denen es keine Rechner gibt. Bei uns werden Wohlhabende ihre Kinder in Privatschulen schicken, wo sie von guten Lehrkräften unterrichtet werden, während die staatlichen Schulen immer stärker mit Digitaltechnik arbeiten, die Kinder mit einer bestimmten Software beschulen und auf Kompetenzorientierung umstellen werden. Diese Kompetenzorientierung, in der bestimmte Fertigkeiten oder Kenntnisse definiert werden, die man automatisiert prüfen kann, lässt sich gut in Software abbilden. Alles, was man digital und automatisiert am Rechner lernen kann, können auch die sogenannten intelligenten Programme lernen. Wir müssen das, was wir als Wissen, Können und Fertigkeiten definieren, wieder lösen von dem, was sich digital abbilden lässt. Mir geht es nicht darum, die Digitaltechniken zu verteufeln oder die Entwicklung zurückzudrängen.Aber wir müssen lernen, digitale Medien wieder als Lernhilfe zu begreifen. Es ist lediglich eine Technik, die einige Dinge gut kann und andere überhaupt nicht. Alles Mitmenschliche, Soziale und Kreative können Rechner nicht. Wir sollten uns nicht die Fähigkeit nehmen, als Menschen aktiv zu sein.

Dieser Beitrag wurde zuerst in der Zeitschrift "BEGEGNUNG – Deutsche schulische Arbeit im Ausland" 3-2017 veröffentlicht.


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