Filmrezension

Schule, Schule – der Film nach Berg Fidel

Wer den ersten Dokumentarfilm „Berg Fidel – Eine Schule für alle“ von Hella Wenders gesehen hat, wird unbedingt wissen wollen, was aus den liebenswerten Grundschulkindern David und Jakob, Anita und Samira nach ihrer Trennung am Ende der vierten Klasse geworden ist.

05.09.2017 Bundesweit Artikel Dr. Brigitte Schumann
  • © augenschein Filmproduktion GmbH

Wer den ersten Film nicht gesehen hat, sollte den zweiten „Schule, Schule – Die Zeit nach Berg Fidel“ auf keinen Fall verpassen. Der Film vermittelt einen tiefen und bewegenden Einblick in das Schülerleben der vier heranwachsenden Jugendlichen, die inzwischen sechs Jahre älter sind. Die Filmemacherin sorgt durch unaufdringliche Kommentare und geeignete szenische Rückblenden dafür, dass die Zuschauer über die schulische Entwicklung der vier ins Bild gesetzt werden, die in der inklusiven Gemeinschaftsgrundschule Berg Fidel begann.

David und Jakobs Entwicklung an der privaten Montessorischule 

Wir erleben die Brüder David und Jakob jetzt an der privaten Montessorischule in Münster. David, der seh- und hörgeschädigt ist, wurde seinerzeit trotz guter Leistungen von keinem staatlichen? Gymnasium angenommen. Sein Bruder Jakob hätte ohne die Aufnahme an dieser Schule die Sonderschule für geistig Behinderte besuchen müssen. Diese Schule ist für beide ein Gewinn und für beide lernförderlich. Jakob ist beliebt und anerkannt. Er ist selbstbewusst und zeigt sich, wie wir ihn schon in Berg Fidel kennen gelernt haben: warmherzig, empathisch und mit clownesker Begabung. Sein Bruder hat ein großes musikalisches Talent und einen ausgeprägten Gemeinschaftssinn. Er lässt uns teilhaben an seinen Gedanken über den Unsinn von Noten, die Bedeutung von Freundschaft und ein wenig an seinen ganz persönlichen Träumen und Wünschen.

„Freundschaft ist die Lebensgrundlage. Sie ist wichtig für die persönliche Entwicklung“, so David. Das lernte er schon als Grundschüler in Berg Fidel. Seine erste Antwort auf die Frage, was er sich von der weiterführenden Schule wünsche, lautete damals: Freunde. Noten sagen für ihn nichts über den Menschen und nicht einmal etwas Gesichertes über dessen Leistungsvermögen aus, denn es könnte ja sein, dass das Versagen nicht an dem einzelnen, sondern am Schulkonzept liegt. Davids Gedanken werden bedeutsam für den Film, der  um die Frage kreist, was Kinder und Jugendliche brauchen, um sich gut zu entwickeln und erfolgreich zu lernen.     

Samiras Kampf um Freundschaft an der Gesamtschule 

Für Samira, die nach Berg Fidel eine Gesamtschule besucht, ist Schule zum Kampf um Zugehörigkeit und Anerkennung geworden. Von ihrer Freundin Sabina wurde sie getrennt. Sie hat die neue Schule abgelehnt und sich „mit Händen und Füßen“ dagegen gewehrt. Sie berichtet von Ausgrenzung, von Suche nach Freundschaft, von Gruppenzwang, Anpassungsdruck und dem Bemühen darum, sie selbst zu bleiben. In der 7. Klasse hat sie endlich Freundinnen gefunden. Sie denkt aber mit Bauchschmerzen daran, dass sie wieder von ihnen getrennt wird, wenn sie am Ende des Schuljahres nicht das notwendige Kursniveau erreicht. Sie vermisst Berg Fidel. Dort gibt es keine Noten, kein Sitzenbleiben und jedes Kind darf  in seinem eigenen Tempo lernen. Es gibt dort auch den Klassenrat, der die Kinder im Streit wieder zusammen bringt und ihnen die Erfahrung von Zugehörigkeit und gleichberechtigter Teilhabe ermöglicht. Ihre jüngere Freundin Sabina hatte Glück. Als sie ihre Grundschulzeit beendete, war die Umwandlung von Berg Fidel in eine Primusschule mit durchgängigem Lernen von Klasse 1 bis 10 vollzogen, so dass ihr die Härte des Schulwechsels erspart blieb. 

Anitas schwerer Weg zum Hauptschulabschluss   

Anita, die mit ihren Eltern und Geschwistern aus dem Kriegsgebiet im Kosovo flüchten musste, musste nach Berg Fidel die Sonderschule für Lernbehinderte besuchen. Ihre Eltern konnten ihr nicht helfen, eine Alternative zu finden. Anders als Jakob hat sie nicht die Chance bekommen, ihre Stärken voll zu entfalten. Die Zeit in der Sonderschule betrachtet sie verlorene Jahre. Entmutigt durch ihre Schulerfahrung versucht sie am Berufskolleg den Hauptschulabschluss zu erreichen. Obwohl sie dort große Unterstützung erfährt, fällt es ihr schwer, sich auf das schulische Lernen einzulassen und sich zu konzentrieren.  

Die Botschaft des Films

Wer wissen will, was in unseren Schulen und unserem Schulsystem falsch läuft,  muss den Kindern und Jugendlichen im Film zuhören. Die vier haben alle, unabhängig von ihrer sehr unterschiedlichen Lebens- und Schulsituation, eine große Sehnsucht nach Anerkennung, Freundschaft und sozialer Zugehörigkeit, aber das selektive Schulsystem erzwingt Trennungen, Brüche, Leistungs- und Konkurrenzdenken und erzeugt in starker Abhängigkeit von sozialer Herkunft Gewinner und Verlierer. Die Zuweisung zur Sonderschule erweist sich im Vergleich zum Gemeinsamen Lernen als besondere soziale Benachteiligung. 

Am Ende des Films treffen wir die Jugendlichen auf der Münsteraner Kirmes in Ferienlaune. Sie haben ihre Zeugnisse bekommen. David hat mit Bravour die 10. Klasse abgeschlossen und wird nun, weil die Montessorischule keine Oberstufe anbietet, in die gymnasiale Oberstufe eines Gymnasiums wechseln. Jakob ist auch eine Stufe weiter und wird wohl den Förderschulabschluss bekommen. Anita hat den Hauptschulabschluss tatsächlich geschafft. Eine Leistung, die besonders zählt, weil sie im Gegensatz zu den anderen Jugendlichen im Film keine Eltern hat, die ihr helfen können. Samira wird, wie befürchtet, durch die neue Gruppenbildung in der 8. Klasse von ihren Freundinnen getrennt werden. Sie sitzt mit Sabina auf dem Riesenrad und gibt zu, dass sie Angst hat. Vor der Höhe oder wovor? Sie ruft laut und es klingt befreiend: „Schule ist scheiße! Schule ist behindert!“

Überzeugende Kamerabilder   

Tiefe Ernsthaftigkeit, Kummer, aber auch Humor und kindliche Freude begegnen uns im Film in aufrichtigen Bildern. Jakobs Gesicht, wenn er am Schlagzeug seinen Bruder beim Klavierspiel begleitet, wird man ebenso schwer vergessen können wie Anitas Gesichtsausdruck, wenn sie uns an der Geschichte ihrer Flucht teilhaben lässt.

Das letzte Bild, mit dem die Filmemacherin uns entlässt, ist ein Kettenkarussell mit vielen Menschen, die in luftiger Höhe alleine fliegen. Dazu wird Davids Liedkomposition „Your Eyes“ gespielt:

„I’m no one left alone in the dark,                                                                          
Don’t know where I am in the nothingness …“    

Hella Wenders charakterisiert auf intelligente und einfühlsame Art unser Schulsystem, das viel zu viel Vereinzelung, viel zu wenig sicheren Halt und stärkende inklusive Strukturen für alle Kinder und Jugendlichen bietet. Die Primusschule für alle wäre eine prima Alternative. 

Termine

Die Filmpremiere ist am 15. 9. in Münster. Danach wird der Film in vielen Städten gezeigt. Informationen über Abspielorte und Termine hier.


Mehr zum Thema


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden