Interview

Warum Kinder und Jugendliche in der Schule fehlen

Warum bleiben Kinder und Jugendliche der Schule fern? Und wie können Schulen, Familien und Kommunen ihre Kräfte bündeln, um den Schulbesuch zu bestärken? Christine Sälzer, Professorin für Educational Monitoring, spricht im Interview über Präventionsarbeit und einen besseren Zugang zu Bildungs- und Freizeitangeboten unabhängig von der sozialen Herkunft.

29.10.2026 Bundesweit Pressemeldung Universität Stuttgart
  • Kleines Kind mit Rucksack läuft über einen Schulflur. © www.pexels.com Oftmals fehlt es Schulen an Ressourcen oder aber sie werden mit der Problembewältigung allein gelassen.

Häufiges Fehlen in der Schule frühzeitig zu erkennen und präventiv einzugreifen ist essentiell, damit Schüler*innen den Anschluss nicht verlieren oder gar frühzeitig die Schule abbrechen. Doch oftmals fehlt es Schulen an Ressourcen oder aber sie werden mit der Problembewältigung allein gelassen.

Der Europarat hat kürzlich Strategien für die Bewältigung von Schulabsentismus in Europa verabschiedet. Christine Sälzer, ehemals Professorin für Erziehungswissenschaften an der Universität Stuttgart und nun Professorin für Educational Monitoring an der Leuphana Universität Lüneburg, brachte hierin Empfehlungen zur Früherkennung und wirksamen Prävention ein. Im Interview spricht sie über Präventionsarbeit außerhalb der Schule und einen besseren Zugang zu Bildungs- und Freizeitangeboten unabhängig von der sozialen Herkunft.

Oftmals verbinden wir das Fernbleiben vom Unterricht mit dem verbreiteten Begriff Schulschwänzen. Studien zeigen, es steckt weit mehr dahinter.

Christine Sälzer: Das ist richtig. Wir sollten zunächst fragen: Warum gehen Schüler*innen nicht zur Schule? Sie sollten deshalb nicht pauschal als Schulschwänzer abgestempelt werden, die leider Probleme mit der Schule haben. Kinder und Jugendliche mit häufigen Fehlzeiten bleiben nicht alle weg, weil sie das so möchten. Die Gründe sind erstaunlich vielfältig. Teilweise werden sie durch emotionale Belastungen oder familiäre Probleme daran gehindert. Aber auch das Gefühl, in der Schule oder in der Klassengemeinschaft nicht dazuzugehören, Konflikte mit Mitschüler*innen, Schwierigkeiten beim Lernen oder instabile Wohnverhältnisse können eine Rolle spielen. Oder auch ganz simpel mal auszuprobieren, was eigentlich passiert, wenn man mal blau macht.

Prof. Christine Sälzer ist Expertin für Schulleistungsstudien, Schulabsentismus, sonderpädagogischen Förderbedarf sowie für Schulpraxis in der Lehrkräfteausbildung. Von 2010 bis 2017 leitete Sälzer die PISA-Studie in Deutschland. Nach akademischen Stationen in Braunschweig, München und Heidelberg trat sie 2018 die Professur für Erziehungswissenschaften an der Universität Stuttgart an. Im September 2026 nahm Sälzer die Professur für Educational Monitoring an der Leuphana Universität Lüneburg an.

Was, wenn Schüler*innen regelmäßig fehlen? Und warum betrifft das am Ende die ganze Gesellschaft?

In der Schule lernen Kinder und Jugendliche wichtige Skills – fachlich, aber auch im sozialen Miteinander. Diese Fähigkeiten unterstützen sie dabei, sich zu eigenständigen, handlungsfähigen und selbstdenkenden Mitgliedern unserer Gesellschaft zu entwickeln. Wer häufig fehlt, verpasst Unterricht sowie soziale Erfahrungen und verliert zunehmend den Anschluss. Über diese individuellen Aspekte hinaus bringt ausgedehnter Absentismus auch die Klassengemeinschaft durcheinander, weil die Gruppe sich ständig verändert. Langfristig kann häufiges Fehlen dazu führen, dass Jugendliche die Schule abbrechen. Damit steigen auch die Risiken für Arbeitslosigkeit und soziale Ausgrenzung. Schulabsentismus betrifft die Gesellschaft jedoch nicht erst durch seine möglichen langfristigen Folgen. Bleibt das Fehlen junger Menschen über längere Zeit unbemerkt oder folgenlos, kann bei ihnen der Eindruck entstehen, dass ihre Anwesenheit und ihre Teilhabe kaum von Bedeutung sind.

Was können Schulen tun, wenn sie merken: Ein Kind fehlt immer häufiger?

Ansteigende Fehlzeiten sollten immer als Warnsignal verstanden werden. Der erste Schritt ist, genau hinzuschauen: Wann fehlt die Schülerin oder der Schüler? Gibt es bestimmte Fächer, Tage oder Situationen, in denen die Fehlzeiten auftreten? Eine Verletzung der Schulpflicht kann und soll nicht ohne Folgen bleiben. Reine Strafmaßnahmen greifen jedoch zu kurz. Stattdessen braucht es nachvollziehbare, pädagogisch sinnvolle Konsequenzen, die die Schüler*innen darin unterstützen, Verantwortung zu übernehmen und wieder aktiv am Schulalltag teilzunehmen. Dazu können auch konkrete Aufgaben für die Schulgemeinschaft gehören. Ganz wichtig ist eine erwachsene Vertrauensperson in der Schule, die bemerkt, wenn ein Kind fehlt, ihre Hilfe anbietet und das Gespräch mit dem Kind und den Eltern sucht. Vertrauensvolle Beziehungen sind für betroffene Schüler*innen enorm wichtig, um wieder Anschluss zu finden. Das Problem ist aber, dass Schulen damit oft allein gelassen werden.

Wo stößt die Schule beim Umgang mit Schulabsentismus an ihre Grenzen? Und warum ist deshalb auch die Politik gefragt?

Schulen können Fehlzeiten früh erkennen, Beziehungen stärken und gemeinsam mit den Eltern nach Lösungen suchen. Die Ursachen von Schulabsentismus reichen jedoch häufig über ihren Einflussbereich hinaus – etwa bei psychischen Erkrankungen, familiären Belastungen oder Armut. Deshalb braucht es klare Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten sowie eine verlässliche Zusammenarbeit von Schulen, Jugendhilfe, Gesundheitswesen und psychosozialen Diensten. Die Politik muss dafür die notwendigen Strukturen und Ressourcen schaffen. Schulabsentismus ist keine Aufgabe, die Schulen allein bewältigen können.

Was raten Sie also?

Wir brauchen verlässliche Strukturen, damit Schulen mit dieser Aufgabe nicht allein bleiben. Politik und Kommunen müssen klare Zuständigkeiten und verbindliche Wege der Zusammenarbeit zwischen den genannten Akteuren im Bildungsbereich schaffen. Dazu gehören ein systematisches Monitoring von Fehlzeiten, früh einsetzende und je nach Ursache passende Hilfen sowie klare Verfahren für komplexe Fälle. Entscheidend ist, dass Warnsignale nicht nur erfasst werden, sondern zeitnah Unterstützung auslösen. Wie ein Fallschirm, der sich aufspannt. Dafür braucht es ausreichend Personal, Ressourcen und einen kontinuierlichen Austausch darüber, welche Ansätze sich bewähren.

Wo sehen Sie Präventionsmaßnahmen am dringendsten?

Am dringendsten ist Prävention dort, wo mehrere Belastungsfaktoren zusammentreffen. Seit der Corona-Pandemie haben Fehlzeiten insgesamt zugenommen. Besonders gefährdet sind Kinder und Jugendliche die von Armut, gesundheitlichen Problemen, instabilen Lebensverhältnissen oder fehlenden Unterstützungsangeboten betroffen sind. Notwendig sind daher ein verlässlicher Zugang zu gesundheitlicher und sozialer Unterstützung, Bildungs- und Freizeitangeboten sowie Schulen, die Zugehörigkeit und sichere Beziehungen fördern. Schulabsentismus sollte nicht erst dann zum Thema werden, wenn sich Fehlzeiten verfestigt haben. Entscheidend ist, früh hinzuschauen und gemeinsam zu handeln.

Ansprechpartner

Universität Stuttgart

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