Lernstrategie

Erst die Didaktik, dann die Technologie

Bevor Unternehmen sich daran machen, mit Lernmanagementsystemen und innovativen Technologien das Lernen zu verbessern, brauchen sie erst einmal eine Lernstrategie, erklärt Oliver Thomas im Interview mit Vincent Hochhausen.

27.11.2024 Bundesweit Artikel Bildungspraxis
  • Eine junge Frau arbeitet auf einem Tisch abgestüzt an einem Laptop. © Adobe Stock

Bildungspraxis: Wie können Lehrkräfte und Ausbilder heute individuelles Lernen ermöglichen, das auf die Lernbedürfnisse der einzelnen Jugendlichen ausgerichtet ist?

Oliver Thomas: Zunächst einmal durch Differenzierung, indem sie Auszubildende in Gruppen mit ähnlichen Lernvoraussetzungen einteilen, um Aufgaben und Lerntempo anzupassen. Die Individualisierung geht einen Schritt weiter und erstellt für jeden Auszubildenden einen persönlichen Lernplan, der individuelle Stärken und Schwächen berücksichtigt. Die Personalisierung verknüpft Lerninhalte mit persönlichen Interessen und Erfahrungen der Auszubildenden, was die Motivation steigert und die praktische Anwendung fördert.

Wie lässt sich das in der Praxis umsetzen?

Durch regelmäßige Lernstandserhebungen, modulare Lerneinheiten, projektbasiertes Lernen und Peer-Learning. Individuelle Betreuungsgespräche und Lerntagebücher fördern die Selbstreflexion und helfen bei der Anpassung der Lernziele. Wichtig ist auch, den Auszubildenden Wahlmöglichkeiten zu bieten, damit sie selbst entscheiden können, wie sie am besten lernen. All das zielt darauf ab, eine Lernumgebung zu schaffen, die sowohl den Bedürfnissen der Auszubildenden als auch den Anforderungen der beruflichen Bildung gerecht wird.

Oliver Thomas ist Professor für Wirtschaftsinformatik an der Universität Osnabrück und wissenschaftlicher Direktor am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz DKFI. Zudem ist er Gründer des Unternehmens Strategion sowie Mitbegründer der Unternehmen Didactic Innovations und School to go.

Welche Rolle können Lernmanagementsysteme in diesem Zusammenhang spielen?

Sie können für Ausbildungsunternehmen nützlich sein. Es kommt aber auf den jeweiligen Kontext, die Unternehmensgröße, die Ausbildungsziele und die vorhandene Lernkultur an. Wichtig ist, dass Lernmanagementsysteme, kurz LMS, nicht allein die technologische Grundlage für effektives digitales Lernen bilden können. Sie sind lediglich ein Werkzeug zur Verwaltung von Lernobjekten und -prozessen.

Wie meinen Sie das?

Entscheidend ist, dass Unternehmen vor der Einführung digitaler Tools wie LMS eine klare Lernstrategie entwickeln. Diese sollte Lernprozesse, Lernkultur und didaktische Konzepte berücksichtigen. Die Umsetzung von Individualisierung und Differenzierung im Lernen hängt nicht primär von der Einführung eines LMS ab, insbesondere wenn dort nur standardisierte digitale Inhalte angeboten werden. Vielmehr braucht es Autorenwerkzeuge, um maßgeschneiderte digitale Lernelemente zu entwickeln, die auf individuelle Bedürfnisse eingehen.

Welche Rolle spielt die Didaktik dabei?

Bevor ein LMS eingeführt wird, ist es entscheidend, das Wechselspiel zwischen Didaktik und Technologie zu verstehen und zu optimieren. Didaktik im Unternehmenskontext bedeutet, Lernprozesse so zu gestalten, dass sie effektiv, effizient und auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter und des Unternehmens ausgerichtet sind. Die Technologie sollte immer im Dienste der Didaktik stehen. Unternehmen müssen also zunächst ihre Lernziele und didaktischen Konzepte klar definieren und dann die passenden technologischen Lösungen auswählen, nicht umgekehrt. LMS können diese didaktischen Konzepte unterstützen, indem sie flexible Lernwege, personalisierte Inhalte und adaptive Lernszenarien ermöglichen.

Können LMS das leisten?

In den letzten Jahren haben sich die Möglichkeiten solcher Systeme, insbesondere durch Ansätze der generativen KI, deutlich erweitert. Allerdings halten viele der derzeit am Markt angebotenen LMS mit diesen Neuerungen noch nicht Schritt. Daher sollten Unternehmen bei der Auswahl ihrer Lernwerkzeuge darauf achten, dass diese bereits einen hohen Anteil KI-basierter Didaktik enthalten und auch zukünftig mit den rasanten Entwicklungen in diesem Bereich mithalten können.

Gibt es Grundfunktionen, die auf jeden Fall vorhanden sein sollten?

Nein, wichtiger ist die Ausrichtung aller digitalen Tools auf den spezifischen Unternehmenskontext. Es kann dabei sogar kontraproduktiv sein, nach zu vielen Funktionen zu streben. Der Trend zu immer umfangreicheren Funktionalitäten hat dazu geführt, dass viele Lernmanagementsysteme schwerfällig und unflexibel geworden sind. Das erschwert es ihnen, sich an moderne digitale Technologien und künstliche Intelligenz anzupassen. Stattdessen sollten Unternehmen sich auf die für sie relevanten Kernfunktionen konzentrieren und Systeme wählen, die agil und zukunftsfähig sind.

Macht es für Ausbildungsunternehmen Sinn, Berufsschulen bei der Nutzung von LMS miteinzubinden?

Das kann sinnvoll sein, da es die Lernortkooperation fördert und zu einer besseren Verzahnung von Theorie und Praxis führen kann. Allerdings muss diese Entscheidung individuell und unter Berücksichtigung verschiedener Faktoren getroffen werden. Wichtig ist auch hier eine klare Strategie und Zielsetzung für die gemeinsame Nutzung, die Klärung von Datenschutz- und Zugriffsrechten, die Sicherstellung technischer Kompatibilität sowie die Schaffung eines Mehrwerts für alle Beteiligten, insbesondere für die Auszubildenden. Wenn all das gegeben ist, kann eine gemeinsame LMS-Nutzung die Ausbildungsqualität verbessern und die Zusammenarbeit zwischen Betrieb und Berufsschule stärken. Das sollte aber nicht als Zwang, sondern als Chance zur Kooperation verstanden werden.

Welche Kompetenzen brauchen Ausbilderinnen und Ausbilder für digital unterstütztes, individualisiertes Lernen?

Wichtig ist vor allem die Bereitschaft, sich auf neue Lernformen einzulassen, offen für technologische Unterstützung zu sein und die individuellen Bedürfnisse der Lernenden in den Mittelpunkt zu stellen. Die Kompetenz, die es auszubauen gilt, liegt also weniger im technischen Bereich, sondern vielmehr in der Fähigkeit, die Potenziale dieser neuen Tools für individualisiertes Lernen zu erkennen und sie gezielt im Lernprozess einzusetzen. Derzeit entwickelt sich ein hochinteressanter Softwaremarkt an der Schnittstelle zwischen Didaktik und Technologie, der auf individualisiertes Lernen ausgerichtet ist. Beispiele sind die Softwareplattform Colors, die wir bei Didactic Innovations entwickelt haben, und die School to go-Plattform. Da die didaktischen Konzepte bereits in den Abläufen und Prozessen integriert sind, müssen Anwender nicht selbst Experten sein, um diese Tools sinnvoll einzusetzen.

Welche Schritte würden Sie kleinen und mittleren Unternehmen mit begrenzten Ressourcen empfehlen, die digitale Medien und Tools mehr in die Ausbildung einbauen wollen?

Eine Bestandsaufnahme der vorhandenen Ressourcen und die Entwicklung einer digitalen Lernstrategie sind wichtige nächste Schritte. Die schrittweise Implementierung beginnt am besten mit überschaubaren Projekten. So sammeln die Beteiligten Erfahrungen darin, ihre Ressourcen effizient einzusetzen. Wichtig sind auch die Schulung des Ausbildungspersonals, regelmäßige Evaluation der eingeführten Tools und die Nutzung von Kooperationsmöglichkeiten.

Auf der letzten didacta Messe sprachen Sie vom Ideal eines „lernenden Unternehmens“. Was bedeutet das für Sie?

Ich meine damit eine Organisation, die das Lernen als zentralen Bestandteil ihrer Unternehmenskultur verankert hat. Ein solches Unternehmen versteht die Bedeutung des kontinuierlichen Lernens für seinen Erfolg und seine Zukunftsfähigkeit. Es weiß nicht nur, worauf es beim Lernen ankommt, sondern ist auch bereit, ständig dazuzulernen und sich weiterzuentwickeln. Gleichzeitig fordert und fördert es das Lernen bei seinen Mitarbeitenden, indem es sie motiviert, überzeugt und ihnen die Ressourcen und Möglichkeiten zur Verfügung stellt. Ein lernendes Unternehmen vermittelt die Botschaft: „Bei uns werden Sie nicht nur beschäftigt, sondern auch gefördert und weiterentwickelt.“ Wenn dieses Verständnis im Unternehmen gelebt wird, wird es zu einem echten Wettbewerbsvorteil in der modernen Arbeitswelt.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in:

BILDUNGSPRAXIS – didacta Magazin für berufliche Bildung, Ausgabe 4/2024, S. 4-7, www.bildungspraxis.de



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