GEW: "Licht und Schatten"
"Das war ein wichtiger Beitrag mit Licht und Schatten. Gut in der Analyse, aber zu wenige Impulse zur Verbesserung unseres Bildungswesens. Mit erfrischender Offenheit benennt Bundespräsident Horst Köhler die zentrale Schwäche des deutschen Bildungssystems: die soziale Ausgrenzung. Hauptschüler haben keine Berufs- und Lebensperspektive, Kinder aus bildungsfernen Schichten schaffen nur selten den Sprung aufs Gymnasium. Von einer Verwirklichung des Menschenrechts auf Bildung sind wir noch weit entfernt", sagte GEW-Vorsitzender Ulrich Thöne heute in einer ersten Reaktion auf Köhlers "Berliner Rede".
21.09.2006 Pressemeldung Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft"Der Bundespräsident hat die Diskussion eröffnet: über eine Gesellschaft, die ´Bildung für alle´ verwirklichen soll. Jetzt müssen alle an einen Tisch, sich auf gemeinsame Bildungsziele verständigen und entsprechende überprüfbare Maßnahmen entwickeln", sagte Thöne. Mit dem Dreiklang "klare Bildungsziele, ein Klima der Bildungsfreude und einem modernen Bildungswesen" habe Köhler die richtige Richtung vorgegeben.
Thöne begrüßte die deutlichen Worte des Bundespräsidenten zur Unterfinanzierung des deutschen Bildungssystems. "Im Vergleich mit anderen Industrienationen investiert Deutschland zu wenig in sein Bildungswesen. Deshalb hat der Bundespräsident Recht, wenn er davor warnt, im System umzuverteilen oder sinkende Schülerzahlen zu Sparmaßnahmen zu nutzen. Für bessere Bildungs-Qualität müssen wir mehr Geld ausgeben", betonte der GEW-Vorsitzende. Köhler nehme dabei die Länder in die Pflicht, ihrer gewachsenen Verantwortung gerecht zu werden. Dies gelte insbesondere nach der Föderalismusreform.
"Pädagoginnen und Pädagogen spielen bei Lernprozessen eine zentrale Rolle. Ihr Engagement trotz immer schwieriger werdenden Rahmenbedingungen hervorzuheben, bildet einen Eckpfeiler in der Rede des Bundespräsidenten – und das ist auch gut so", sagte Thöne.
"Jetzt gilt es, die Ansätze des Bundespräsidenten mit Leben zu füllen. Sie in ein Gesamtkonzept umzumünzen. Noch fehlen die zündenden Ideen. Wir brauchen einen gesellschaftlichen Bildungsdialog. In diesem müssen wir das gesamte Bildungswesen auf den Prüfstand stellen: Fördern wir jeden Menschen oder verschärfen wir die soziale Auslese?", erklärte Thöne. Die von Köhler vorgeschlagenen Lösungen fielen weit hinter notwendigen Maßnahmen zurück.
"So richtig es ist, lebenslanges Lernen anzumahnen: Die Mittel im Weiterbildungsbereich sind in den vergangenen Jahren drastisch zurückgefahren worden. Eine ganze Branche steckt im Überlebenskampf – der Weiterbildungsbereich ist weit entfernt davon, vierte Säule des deutschen Bildungssystems zu werden."
"Sprachkurspflicht und ein bisschen mehr Kindergarten lösen die Integrationsprobleme nicht", unterstrich der Gewerkschafter. Gesellschaft und Politik müssten Migranten mehr Angebote machen. Integration sei keine Einbahnstraße. Schulen in sozialen Brennpunkten müssten besser ausgestattet sein. "Zudem brauchen wir mehr Pädagogen mit Migrationshintergrund", sagte Thöne.
Die GEW hätte sich gewünscht, dass der Bundespräsident das Schulsystem genauer in den Blick nimmt. "Wer zu Recht eine bessere Integration von Kindern mit Behinderung fordert, das Sitzenbleiben und das Abschieben von Kindern auf andere Schulformen beklagt, muss auch sagen, wo diese Schüler bleiben sollen. Das ist kein individuelles Problem der Lehrkräfte, sondern eine Frage der Reform des gegliederten Schulwesens", sagte Thöne.
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