Ein Jahr Schwarz-Gelb in NRW
"Der VBE erkennt ausdrücklich an, dass die schwarz-gelbe Landesregierung in Fragen der Stellenbesetzung an Schulen ihre Wahlversprechen bislang eingehalten hat", erklärt Udo Beckmann, Vorsitzender der Lehrergewerkschaft Verband Bildung und Erziehung (VBE NRW). "Was allerdings ihre bildungspolitischen Entscheidungen vor dem Hintergrund der Ergebnisse internationaler Studien betrifft, kann von einer positiven Bilanz nicht die Rede sein. Die aus unserer Sicht dringend notwenigen Schulreformen wurden nicht eingeleitet. Darüber hinaus ist es nicht gelungen, in den Schulen eine Aufbruchstimmung zu schaffen."
18.05.2006 Pressemeldung Verband Bildung und Erziehung, Landesverband NRWDass die Landesregierung trotz der angespannten Finanzlage neue Lehrerstellen geschaffen, 250 Verträge von Sozialpädagogen entfristet, den Ganztagszuschlag für die Grundschulen erhöht und 30 Prozent Stellenzuschlag für neu eingerichtete Ganztagshauptschulen gewährt, sind anerkennenswerte politische Schritte.
Bildungspolitik ist aber mehr als der Einsatz zusätzlichen Personals an Schulen. Die Landesregierung kündigt zwar immer wieder vollmundig an, "eins der modernsten Bildungssysteme Europas" schaffen zu wollen, lässt aber alle Chancen für eine innere und äußere Schulreform, die die sinkenden Schülerzahlen bieten, ungenutzt verstreichen. Statt dessen setzt sie auf ein strikt gegliedertes Schulsystem und hält an der der Idee fest, man könne Kinder nach "theoretischen" und "praktischen" Begabungen aufteilen und künftig schon im Alter von neun Jahren "begabungsgerecht" bestimmten Schulformen zuweisen.
"Es fehlt eine bildungspolitische Linie, um das zentrale Problem unseres Bildungssystems, die enge Koppelung zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen, wenigstens ansatzweise überwinden zu können", so Beckmann weiter. "Es reicht nicht, das Recht des einzelnen Kindes auf individuelle Förderung ins Schulgesetz zu schreiben, wenn gleichzeitig an veralteten Begabungstheorien festgehalten wird."
Die Landesregierung erklärt beispielsweise immer wieder, sie wolle das Schulsystem nach oben durchlässiger machen. Gleichzeitig koppelt sie aber das Gymnasium immer stärker von den anderen Schulformen ab, was den Wechsel zu dieser Schulform schwieriger machen wird. Die modernsten Bildungssysteme Europas kennen diese strikte Trennung der Schulformen und die frühe Zuweisung von Kindern zu einer bestimmten Schulform nicht.
Die Koalition übersieht auch, dass eine deutliche Verbesserung der Startchancen in der Grundschule die Grundlage für eine Verbesserung der Bildungschancen von Kindern ist. Um beispielsweise Kinder mit Entwicklungsverzögerungen oder anderen Problemen so früh wie möglich gezielt fördern zu können, braucht jede Grundschule die Unterstützung durch eine sozialpädagogische Fachkraft.
Die neusten PISA-Ergebnisse haben einmal mehr bewiesen, dass Kinder mit Migrationshintergrund im deutschen Schulwesen nur mangelhafte Bildungschancen haben. Dies sollte die Landesregierung zum Anlass nehmen, ein wirklich modernes Bildungssystem zu schaffen, das mehr integriert statt zu trennen. Das hat nicht zuletzt der UN-Menschenrechtsbeauftragte Munoz gefordert. Seine Mahnung wurde aber von der Landesregierung ignoriert.
"Wenn die Schulministerin dann die neusten PISA-Ergebnisse damit abtut, es seien ja keine Landesergebnisse, muss man sich fragen, wie viele Signale von außen es noch geben muss, damit die Landesregierung aus ihrer Erstarrung erwacht", so Beckmann weiter. "Wo bleiben beispielsweise die bildungspolitischen Überlegungen zur besseren Integration von Kindern mit Migrationshintergrund? Sprachförderung ist dabei sicherlich ein wichtiger Aspekt, ein Aspekt ist aber noch kein Konzept."
Letzteres ist das zentrale Problem der bisherigen Bildungspolitik von Schwarz-Gelb in NRW. Es gibt keine erkennbaren Konzepte, es fehlt eine Linie. Vieles wird phrasenartig wiederholt, ohne dass es mit Inhalt gefüllt würde. Beispielsweise betont die Landesregierung immer wieder die größere Freiheit, die Schulen mit der Verabschiedung des neuen Schulgesetzes zuteil werden soll. Es gibt aber nur die Ankündigung dieses Datums und keinen Plan, wie die größere Eigenverantwortlichkeit in der Praxis aussehen soll.
"Das hohe Ziel, in NRW eins der modernsten Bildungssysteme Europas schaffen zu wollen, wird sicher nicht ansatzweise erreicht werden, wenn sich die Landesregierung in so zentralen Fragen wie Integration, Durchlässigkeit und Bildungschancen nicht vom Fleck bewegt", so Beckmann abschließend. "Wer vorwärts kommen will, schafft das nicht im Rückwärtsgang:"
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