Fährt Rot-Rot unter Wowereit die Bildung an die Wand?

Der Landeselternausschuss hat aus dem inneren Zirkel der Koalitionspartner erfahren, dass der Regierende intern die Parole ausgegeben hat, es dürfe zu keinen schlechten Nachrichten mehr aus dem Bildungsbereich kommen. Dies könnte zur neuen Leitlinie die in der Berliner Bildungspolitik – bestückt mit einer handzahmen Bildungssenatorin – werden.

03.11.2006 Berlin Pressemeldung Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung

Die Berliner Schulen haben nach wie vor ein enormes Qualitätsproblem – vor allem im Bereich der Primarstufe. Diese Probleme würde der neue Rot-Rote Senat jedoch gern verdrängen und verschweigen. Statt dessen soll die an bildungspolitischen Fragen sensibilisierte Öffentlichkeit mit konzeptionslosen Reformvorschlägen wie Einheits- oder Gemeinschaftsschule beruhigt werden.

Die jüngsten Ergebnisse der Orientierungsarbeiten belegen die Defizite in der Klassenstufe 2. 34,9 % der Berliner Schüler verfügen nur über ein schwaches Leseverständnis, noch dramatischer zeigt sich dies mit 56, 8% bei den ndH-Schülern. Traurige Spitzenreiter sind die Bezirke Mitte (schwaches Lesever-ständnis: gesamt 51,6 %, ndH 62,8 %), Friedrichshain-Kreuzberg (gesamt 48,6 %, ndH 68,8 %) und Neukölln (gesamt 47,8 %, ndH 60,7 %). Die Ergebnisse in Mathematik sind ähnlich besorgniserregend. 25,3 % der Berliner Schüler verfügen nur über schwache Rechenkenntnisse, noch dramatischer zeigt sich dies mit 39, 8% bei den ndH-Schüler. Traurige Spitzenreiter sind wiederum die Bezirke Mitte (schwache Rechenkenntnisse: gesamt 40,9 %, ndH 48,7 %), Friedrichshain-Kreuzberg (gesamt 37,1 %, ndH 48,5 %) und Neukölln (gesamt 34,8 %, ndH 42,6 %). In den betreffenden Bezirken befinden sich 112 Grundschulen.

Zu Beginn der Schuljahres wurden in der Klassenstufe 4 die Vergleichsarbeiten (VERA) durchgeführt. Aus den vorliegenden Ergebnissen lässt sich entnehmen, dass die Defizite im Bereich Deutsch und Mathematik nicht abgebaut wurden, sondern teilweise noch zugenommen haben. Erschreckend ist zudem die sehr hohen Standardabweichungen in den einzelnen Teilbereichen (Leseverständnis, Arithmetik, Geometrie, Sachrechnen).

Bis zum heutigen Tag wurde die Studie ELEMENT nicht veröffentlich. ELEMENT ist eine Studie zur Ent-wicklung des Lese- und Mathematikverständnisses an Berliner Grundschulen und grundständigen Gymnasien. Die Längsschnittuntersuchung erstreckt sich über die Messzeitpunkte Juni bzw. September 2003 / Mai 2004 / Mai 2005. Obwohl die Ergebnisse bereits bekannt sind, werden diese nicht ver-öffentlich. Hintergrund dürfte der zu erwartende Beleg einer sehr positiven Entwicklung des Lese- und Mathematikverständnisses an den grundständigen Gymnasien und die eher mäßige Entwicklung an den Grundschulen sein.

Die enormen Qualitätsprobleme an den Berliner Grundschulen werden durch die Orientierungsarbeiten, durch VERA und wohl auch durch ELEMENT belegt. Der Rot-Rote Senat sollte sich diesen Problem offen stellen, anstatt durch beharrliches Leugnen (C. Bluhm: „Wir haben eine erfolgreiche Grundschulreform durchgeführt und müssen uns nun um die Oberschulen kümmern.“) oder durch schlichtes Ignorieren die Berliner Schulen und ihre Schüler und Schülerinnen im Stich zu lassen.

Qualitätsdefizite lassen sich jedoch nicht nur im Bereich der Primarstufe ausmachen. Die Ergebnisse des Mittleren Schulabschlusses (MSA) zeigen ebenfalls einen dringenden Handlungsbedarf auf. In Mathematik wurden durchschnittlich deutliche schlechtere Prüfungsergebnisse erreicht als in den anderen Fächern und die Anzahl der durchgefallenen Prüflinge war im Vergleich zu allen anderen Fächern überdurchschnittlich hoch. Als zusätzlich besorgniserregend sind die großen Unterschiede in der Bewertungspraxis zwischen dem MSA und der schulischen Bewertung zu sehen. Die Schüler bzw. Schülerinnen schneiden im Vergleich zu ihren Prüfungsergebnissen im Jahrgangsteil erheblich schlechter ab. Auffällig auch das schlechte Abschneiden der Gesamtschulen, einer Schulart, die der geplanten Einheitsschule nach der Grundschule am nächsten kommt.

Die erfolgreichste Umsetzung der Reformen findet sich in der Schulinspektion. Innerhalb kürzester Zeit wurde ein Instrument geschaffen, welches Stärken und Schwächen der Berliner Schulen detailliert erfasst und offenlegen kann vielmehr offenlegen könnte. Die Auswertung der Inspektionen zeigen die Schwächen des Berliner Schulsystems, welche sich insbesondere in den Bereichen „Methoden-kompetenz“, „Unterrichtsgestaltung/Lehrerhandeln im Unterricht“ und „Schülerunterstützung und –förderung im Lernprozess“ zeigen. Im Unterrichtsprozess zeigen sich enorme Schwächen in den Be-reichen „Innere Differenzierung“, „Selbstständiges Lernen“, Kooperatives Verhalten“ sowie in „Möglichkeiten für Schüler, eigene Lösungen zu entwickeln, darzulegen und zu reflektieren“. Wie unter diesen Voraussetzungen eine erfolgreiche Einheits-/Gemeinschaftsschule entwickelt werden soll, wird wohl das Geheimnis des Regierenden bleiben. Als gefährlich aber sind Äußerungen aus dem inneren Zirkel der Koalitionäre zu bezeichnen, die gerade diese Instrumente, die Stärken und Schwächen einer Schule erkennen können, durch Verlagerung von Zuständigkeiten , Verzögerungen bei den Veröffentlichungen, Zurückhalten von brisanten Erkenntnissen schwächen oder eleminieren wollen. In den letzten Jahren haben sich einige Berliner Schulen zu Glanzlichtern in der Bildungslandschaft entwickelt. Selbst in den Problembezirken Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln finden sich Schulen, die sich einer konsequenten Qualitätssteigerung verpflichtet haben und damit erfolgreich sind. Dies belegen die hohen Standardabweichungen in OA2, VERA, MSA. Diese Schulen müssen weiterhin gefördert und gefordert werden. Gleiches trifft auch auf die restlichen Schulen zu. Unseren Schüler und Schülerinnen ist durch eine Politik des Schönredens, Verwässerns, Verschweigens und Leugnens nicht geholfen. Eine erfolgreiche Bildungspolitik bedeutet auch Kritik von den Beteiligten, von Gewerkschaften und Verbänden. Wer sich dieser Kritik nicht stellen kann ist fehl am Platz.

Die iniitierten Reformprozesse haben noch nicht gegriffen und müssen daher mit der notwendigen Kontinuität, Transparenz und dem unablässlichen politischen Willen, eine Verbesserung zum Wohl der Schüler und Schülerinnen zu erreichen, fortgesetzt werden. Dafür bedarf es einer Bildungspolitik mit Sachverstand und Engagement, die sich nicht an Umfragewerten und Beliebheitsskalen orientiert, sondern konsequent auf eine dringend erforderliche Qualitätssteigerung setzt. Berlin braucht keinen Bildungssenator von Wowereits Gnaden, der sich allein dadurch als Bildungspolitiker auszeichnet, weil er selbst einmal die Schulbank gedrückt hat oder dadruch, dass er Wowereit nicht widerspricht.

Die Berliner Schulen brauchen Verlässlichkeit und Kontinuität, sie brauchen Unterstützung und Beratung aber auch Grenzen und Konsequenzen. Und – wie schon der Bundespräsdient sagte: „Für all das brauchen Schulen aber auch Ruhe. Ihre Kraft darf nicht durch ständig neue bildungspolitische Vorgaben ermüdet werden.“

Berlin, den 03.11.2006
André Schindler
Vorsitzender Landeselternausschuss


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