Antrittsrede am 14. Mai 2004

14.05.2004 Pressemeldung Bundeselternrat

Sehr geehrte Damen und Herren,

es ist mir eine Ehre und eine Herausforderung in Ihrer Anwesenheit den Vorsitz des Bundeselternrates von Frau Renate Hendricks zu übernehmen.

Ihr zahlreiches Erscheinen hat noch einmal eindrucksvoll bestätigt, welche Leistung Renate Hendricks in den letzten Jahren vollbracht hat. Sie hat es gekonnt und brillant geschafft, die inhaltliche Arbeit des Bundeselternrates zu prägen und nach außen zu vertreten.

In Ihrer Abschiedsrede hat sie dies noch einmal unter Beweis gestellt. Damit hat Renate Hendricks es erreicht, dass der Bundeselternrat in die "Profi-Liga" aufgestiegen ist.

Nun gilt es, die Klasse zu erhalten und die Bedeutung des Bundeselternrates zu festigen. Die hohe Qualität der Arbeit des Bundeselternrates in den Plenartagungen und in den Fachausschüssen der verschiedenen Schulformen muss für die Arbeit in den Ländern und dort für die regionale Arbeit fruchtbar gemacht werden.

Die Elternarbeit entwickelt sich weiter: Mitwirkung im Sinne von "Reaktion auf Gesetze und Verordnungen" ist uns zu wenig und ändert nur etwas an den Symptomen. Wir wollen die Eltern stärken, sich aktiv in die Prozesse einzubringen, motivieren, endlich die von vielen geforderten Reformen einzuleiten.

Wir sind die Eltern! Um die Zukunft unserer Kinder geht es. Jeder Tag, der nicht zur Verbesserung der Bildung unserer Kinder beiträgt, ist ein verlorener Tag. Unsere Kinder sind nicht dümmer als die Kinder in Skandinavien. Aber wir geben ihnen immer noch nicht die gleichen Chancen!

Deshalb laden wir zuallererst die Schülerinnen und Schüler ein, dass wir zusammen arbeiten um die Bildung in Schwung zu bringen:

Schülerinnen und Schüler mit der ihnen eigenen Power, Unbekümmertheit und der manchmal überwältigenden Klarheit und Offenheit - und der manchmal nötigen Portion charmanter Frechheit.

Und wir Eltern mit unseren Erfahrungen, unserer Verbindlichkeit und unseren Möglichkeiten und manchmal auch der nötigen Portion Gelassenheit und überlegenden Reife.

Und vielleicht gelingt es uns gemeinsam, die Lehrerinnen und Lehrer anzustecken mit unserer Motivation, mit unserem Mut zur Ver"nderung, mit unserem Willen zur Reform.

Die Bildungsminister haben sich in der Kultusministerkonferenz zusammengetan um viele verbindlich-unverbindliche Absprachen zwischen den Ländern zu treffen.

Dem sollten wir eine Bundesbildungskonferenz aus Eltern, Schülerinnen und Schülern, Lehrerinnen und Lehrern an die Seite stellen, die über alle Partei- und Verbandsinteressen hinweg zusammenarbeitet um die dringend anstehenden Aufgaben anzupacken:

  • Den Bildungsauftrag in den Kindergärten und Kindertagesstätten verwirklichen und sinnvolle Übergänge zur Schule schaffen - ohne die frühe Kindheit zu verschulen! Lebens- und Lernwelten schaffen.
  • Länger gemeinsam lernen
    Monokulturen sind out - wissen die Gartenexperten und Hobbygärtner schon längst: Mischkulturen bringen bessere Ergebnisse Heterogene Klassen statt frühzeitiges Aussortieren
  • Ganztagsschulen - nicht nur formale Konstrukte um Fördergelder abzugreifen
    Ganztagsschulen - die Chance zur Veränderung der Lehrerarbeitszeit; Präsenz- und Arbeitszeiten in der Schule: Eben: Zeit haben in der Schule!
  • Schulverweigerer als Indikatoren eines unfähigen Schulsystems ernst nehmen
  • Ende mit der Schulzeitverschwendung durch Sitzenbleiben
    Dies ist wichtiger als die Verkürzung der Zeit bis zum Abitur. Dabei werden nur die Freiräume zum selbst bestimmten Lernen gestrichen.
  • Den Schulen mehr Selbstständigkeit geben. Sie müssen die Entscheidungskompetenzen bekommen - und für ihre Ergebnisse verantwortlich gemacht werden!

Erfordert:

  • Einheitliche bundesweite Kerncurricula
  • Mindeststandards für die Bildung, die jeder Jugendliche erreichen soll - nach oben hin natürlich offen - nur ein Schüler, den die Schule schon kaputt gemacht hat, orientiert sich nach unten!
  • Reform der Fächertafel - Zusammenfassen der Fächer zu großen Lernbereichen. Fächerverbindender und - übergreifender Unterricht muss die Regel und nicht die Ausnahme werden.
  • Regelmäßige Evaluation der Schulen - von Experten und unter Beteiligung von Eltern und Schülerinnen und Schülern

Eltern und Schüler bringen sich in den Prozess Schule ein. Lehrerinnen und Lehrer sind die Profis in diesem Geschäft. Sie steuern die Prozesse - und die Lehrerbildung fängt erst langsam und mühsam an zu begreifen, für welche Profession sie die Lehrer bilden:

Lehrerinnen und Lehrer unterrichten Kinder und nicht Fächer. Dies muss endlich begriffen werden. Wie sagt Reinhard Kahl in einem seiner Filme: Schule in Deutschland ist immer noch ein Echo der Vergangenheit - für Lehrerinnen und Lehrer, die sich nicht aktiv weiter- und fortbilden bilden den beharrenden Koloss, der den Weg in die Zukunft versperrt.

Meine Vorgängerin, Renate Hendricks, hat in vielen dieser Arbeitsfelder bereits Akzente gesetzt. Meines Wissens gibt es kaum noch einen Wissenschaftler, der die genannten Ansprüche an zukunftsfähige Bildung nicht teilt. Nur in der Politik ist man noch nicht so weit.

Man meint, man muss noch Rücksicht nehmen.

Auf wen?

Rücksicht auf uns Eltern? Der überwiegende Teil von uns will die neue, zukunftsfähige Schule für alle Schüler. Wir sind bereit, von Schweden, Finnland und anderen Ländern zu lernen - sie sind uns inzwischen weit voraus.

Rücksicht auf die Schülerinnen und Schüler? Dann müssten wir eher heute als morgen die Veränderungsprozesse einleiten, denn mit unserem jetzigen System verderben wir ihre Zukunftschancen in dem zusammenwachsenden Europa.

Nicht "Sich über den anderen erhebende Rücksicht" ist gefragt, sondern weise Voraussicht und kluges gemeinsames Handeln ist der Weg in die Zukunft.

Lassen Sie mich zum Schluss noch einen mehrfachen Dank sagen:

  • an Frau Hendricks für die geleistete Arbeit in den vergangenen Jahren
  • an Frau Hörsch, die die Leitung der Geschäftsstelle mit einem unglaublichen Engagement wahrnahm.

Ich möchte aber auch nicht versäumen, mich auch bei meinen Stellvertretern in der Schule, Frau Uibel und Herrn Benndorf sowie unserer Schulkonferenzvorsitzenden, Frau Lachmann, zu bedanken. Nur weil sie bereit sind, die in der Schule liegen bleibende Arbeit mit zu übernehmen, ist es mir überhaupt möglich, das Amt des Vorsitzenden des BER anzutreten. Gleicher Dank gilt der Stephanus-Stiftung, meinem Arbeitgeber, dass er es mir ermöglicht, meine Zeit so einzuteilen, dass die ehrenamtliche Arbeit machbar ist.

Und nicht zuletzt will ich meiner Familie, meiner Frau und meinen Kindern danken, die bereit sind, diese Aufgaben der Elternarbeit mit zu tragen!

Also: Machen wir uns auf den Weg!

Wilfried W. Steinert

Ansprechpartner

Bundeselternrat

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