Ein Papier voller Widersprüche

"Die GEW stimmt mit dem ´Aktionsrat Bildung´ darin überein, dass in Deutschland die Zeit längst reif für radikale Bildungsreformen ist. Die Defizite sind seit Jahren bekannt, es ist schon zu viel Zeit verloren worden", kommentiert Oskar Brückner, Vorsitzender der GEW-Bayern, das jetzt vorgelegte Gutachten des Aktionsrates.

14.03.2007 Bayern Pressemeldung GEW Bayern

Langjährige Hauptkritikpunkte der GEW werden in diesem Papier klar benannt: Es gibt zu viele Barrieren und Zugangsbeschränkungen zu den einzelnen Stationen des Bildungssystems. Diese führen letztlich zu einer Vergeudung wertvoller Potentiale von Kindern und Jugendlichen und zu sozialen Ungerechtigkeiten.

Krippendiskussion in Deutschland ist ´Geisterdebatte´

Oskar Brückner: "Es ist in höchstem Maße unverantwortlich, dass Länderregierungen und die Kultusministerkonferenz (KMK) diese offenkundigen Ungerechtigkeit und Schief-lagen seit Jahrzehnten akzeptieren und nichts dagegen unternehmen. Andere Staaten haben Deutschland im Bereich Bildung längst überholt: Finnland beispielsweise hat den Rechtsanspruch auf einen Krippen- bzw. Kindergartenplatz am Ende des ersten Lebensjahres bereits vor 34 Jahren eingeführt. Der Grundsatz, für den auch die GEW seit Jahren vehement eintritt, lieber früh zu investieren, anstatt später mit hohem finanziellen Aufwand die Fehlentwicklungen zu reparieren, müsste längst Handlungsprinzip deutscher Bildungspolitik sein. Dagegen ist die derzeitige Krippendiskussion in Deutschland eine ´Geisterdebatte´."

Allerdings enthalten die Vorschläge des ´Aktionsrats Bildung´ in vielen Teilen Widersprüche, die nach Ansicht der GEW aufgrund ideologischer Bewertungen zustande kommen. So empfiehlt der Aktionsrat Bildung die Einrichtung eines zweigliedrigen Systems mit Gymnasium und Sekundarschule. Denn – so glauben die Vertreter des Aktionsrats – für eine Zusammenführung aller Schulformen gebe es in Deutschland "keine Evidenzen für positive Effekte". Belegbar ist dies nicht, denn bislang ist in keiner Region in Deutschland das gegliederte Schulsystem durch das Konzept ´Eine Schule für alle´ ersetzt. Hingegen liefern integrierte Gesamtschulen regelmäßig überdurchschnittlich gute Ergebnisse bei Schulleistungsstudien. In vielen Industrienationen erreichen integrierte Schulsysteme bis zum Mittleren Abschluss deutlich bessere Schülerleistungen und gleichzeitig eine größere soziale Bildungsgerechtigkeit. Warum sollte das in Deutschland nicht möglich sein?

´Eine Schule für alle´ sichert individuelle Förderung

Völlig absurd stellt sich die Argumentation des ´Aktionsrates Bildung´ an einer anderen Stelle dar: Die Einführung einer "Einheitsschule" unterlaufe das grundgesetzlich garan-tierte Auswahlrecht der Eltern. Oskar Brückner: "Hier zeigt sich offenkundig, dass die Professoren bei zentralen Empfehlungen statt zum wissenschaftlichen Beleg lieber auf reine Ideologie zurückgreifen. Artikel 12 des Grundgesetztes enthält das Recht, "…Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen…". Im Grundgesetz ist nicht vermerkt, dass im Sekundarbereich I unterschiedliche Schularten vorhanden sein müssen. Nach dieser wirren Argumentation des ´Aktionsrates Bildung´ müsste auch die heutigen Grundschule verboten sein."

Ideologische Scheuklappen zeigen sich schließlich in der Verwendung des Begriffs "Ein-heitsschule". Gegner der ´Einen Schule für alle´ unterstellen damit, dass alle Kinder – ungeachtet ihrer Unterschiedlichkeit – über einen ´Kamm geschoren´ würden. Das Gegenteil ist richtig: Wenn eine Schule von allen Kindern besucht wird, ist die Schule gezwungen, individuelle Lernangebote zu organisieren. Im gegliederten Schulwesen wird dagegen angenommen, dass es durch eine ´begabungsgerechte Zuweisung´ an die ´richtige´ Schule gelinge, klassenweise einheitliche Lernziel- und Tempovorgaben machen zu können.

Der gymnasiale Abschluss zählt, nicht das Gymnasium

Die Aussage von Prof. Dr. Dieter Lenzen, Vorsitzender des ´Aktionsrates Bildung´, das Gymnasium könne man schon deshalb nicht abschaffen, weil es die beliebteste und eine ausgezeichnet arbeitende Schulform sei, ist ebenfalls einer rein ideologischen Betrachtung des Problems geschuldet. Eltern wollen für ihre Kinder einen gymnasialen Abschluss, der die größten Berufschancen eröffnet. Das Gymnasium ist nur das Vehikel dazu. Integrierte Gesamtschulen, in denen in 13 Jahren das Abitur abgelegt werden kann, verzeichnen seit Einführung des achtjährigen Gymnasiums enorm steigende Anmelde-zahlen. Die Kultusminister genehmigen allerdings keine zusätzlichen Kapazitäten, deshalb müssen die Gesamtschulen viele Schüler abweisen.

Auch der pädagogische Erfolg der Gymnasien ist kritisch zu sehen. In Bayern werden jährlich rund 20 Prozent der Schüler wieder vom Gymnasium verwiesen (über 10.000 im Jahr 2003). Dem Gymnasium gelingt es offensichtlich nicht, alle Schülerinnen und Schüler, die das Prädikat "geeignet für das Gymnasium" erhalten haben, ausreichend zu fördern. Trotz dieser rigiden Auslese erlangen in Deutschland nur halb so viele 15-Jährige am Gymnasium die höchste Kompetenzstufe bei PISA wie im finnischen Gesamtschulsystem.

Bildung ist keine Ware!

Höchst problematisch ist nach Ansicht der GEW die lapidare Empfehlung des ´Aktionsrats Bildung´, dass "Schulen weiterhin öffentlich finanziert, jedoch in privater Träger-schaft organisiert werden sollen". Oskar Brückner: "Wie das funktionieren soll, bleibt das Geheimnis von Professor Lenzen. Wer hätte welche Entscheidungskompetenz und was sollte dadurch besser werden? Schulen sind keine Wirtschaftsunternehmen, Bildung ist keine Ware, sondern Menschenrecht und bedarf einer Pädagogik in humaner und sozialer Verantwortung."

Die Qualität des Bildungsangebots ist auch keine Frage des Status´ der Lehrkräfte, sondern die guter Arbeitsbedingungen und ausreichender Ressourcen. Absolut zu unterstützen ist dagegen die Forderung des ´Aktionsrates Bildung´ nach flächendeckenden Angeboten von verpflichtenden Ganztagsschulen mit lern- und schülergerechter Rhythmisierung unter Einbeziehung von Sozialpädagogen und anderen Professionen. In Bayern gibt es bisher ausschließlich Rumpfmodelle, die entweder nur einen Ganztagsklassenzug oder ein zusätzliches Nachmittagsangebot vorhalten, das in der Regel aber in keinem konzeptionellen Zusammenhang mit dem Schulvormittag steht.

Richtig ist auch, dass in Bildung mehr investiert werden muss. Die Forderung nach einem Investitionsvolumen, das mindestens dem OECD-Durchschnitt entspricht, unterstützt die GEW ausdrücklich. Vor allem muss der frühe Bildungsbereich stärker finanziert werden. Daran entscheidet sich, wie viel eine bessere und gerechtere Bildung der Staatsregierung und der Landtagsmehrheit wirklich wert ist.

Pressekontakt: Wolfram Bundesmann • Telefon (0 89) 54 40 81 – 0 • wb( at )bayern.gew.de

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