„Fundament des Bildungssystems“
(bikl) Bildungspläne, Bildungsbücher oder Sprachförderung – die Bildungsaufgaben der Kindergärten sind in den vergangenen Jahren so deutlich definiert worden wie nie zuvor. Wir wollten von Prof. Dr. Dr. Dr. Wassilios Fthenakis – ehemaliger Direktor des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München und Professor für Entwicklungspsychologie und Anthropologie an der Freien Universität Bozen – wissen, wie viel Bildung tatsächlich bereits in den frühkindlichen Einrichtungen angekommen ist.
23.01.2007 ArtikelHerr Professor Fthenakis, Sie gelten als „Vater“ der frühkindlichen Bildungspläne – schließlich trug schon der erste Bildungsplan in Bayern im Jahr 2002 Ihre Handschrift. Die anderen Bundesländer sind dem bayerischen Beispiel gefolgt. Sind die Bildungspläne mittlerweile in der Praxis angekommen?
Fthenakis: Es ist erfreulich, dass alle Bundesländer einen Bildungsplan für den vorschulischen Bereich entwickelt haben. Der bayerische Bildungs- und Erziehungsplan findet derzeit eine landesweite Umsetzung, die sogar rechtlich verankert ist. Andere, wie der hessische Bildungs- und Erziehungsplan, befinden sich in der Phase der Implementation, und wiederum andere im Endstadium ihrer Entwicklung, wie der Thüringer Bildungsplan. Das Gemeinsame an diesen Plänen ist, dass sie den Bildungsauftrag im Kindergarten umreißen und den Fachkräften den Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung bieten. Die politische Botschaft besteht darin, dass die frühkindliche Bildung als Fundament des Bildungssystems betrachtet wird.
In die Erzieherinnenausbildung ist in den letzten Jahren Bewegung gekommen. Es werden bereits zahlreiche Studiengänge an Fachhochschulen und Universitäten angeboten. Ist Deutschland also auf dem richtigen Weg?
Fthenakis: Die Qualifizierung der Fachkräfte ist in Deutschland ein chronisches Problem. Wir haben es leider unterlassen, die Ausbildung der Fachkräfte auf ein höheres Niveau zu heben. Es ist deshalb erfreulich, dass einzelne Hochschulen Studiengänge eingeführt haben. So hat beispielsweise die Universität Bremen einen innovativen Ansatz für eine gemeinsame Ausbildung von Erzieherinnen und Lehrern entwickelt. Die Robert Bosch Stiftung hat mit ihrem Projekt „PiK-Profis in Kitas“ einen wesentlichen Anstoß gegeben. Noch fehlt jedoch auch die politische Bereitschaft, diesem Ausbildungsbereich die nötige Aufmerksamkeit zu schenken und ihn zu reformieren.
Ein wichtiger Aspekt geht oftmals in der Diskussion unter: Wie können auch Eltern besser qualifiziert werden, um die Entwicklung ihrer Kinder zu fördern?
Fthenakis: Je früher das Kind in seiner Entwicklung, desto wichtiger ist der Beitrag der Eltern. Ich habe deshalb vorgeschlagen, dass wir einen Bildungsplan für Unterdreijährige entwickeln, der aus der Perspektive der Familien den Eltern hilft, die Entwicklung des Kindes, d. h. die Stärkung kindlicher Kompetenzen zu fördern. Bislang fehlt jedoch ein fachlich fundiertes Konzept, wie es andere europäische Länder vorgelegt haben. Um hier die Entwicklung zu stimulieren, habe ich gemeinsam mit der Bertelsmann Stiftung die Übersetzung und Anpassung des englischen Curriculums „Birth to three matters“ (Wach, neugierig, klug – Kinder unter 3) angestoßen.
Wenn Sie sich alle Beteiligten am frühen Bildungsgeschehen ansehen – wer ist am stärksten gefordert?
Fthenakis: Gefordert sind alle. Nur wenn es gelingt, gesamtgesellschaftlich die Bedeutung frühkindlicher Bildung als das Fundament im Bildungsverlauf anzuerkennen und als Voraussetzung für wirtschaftliche Prosperität anzusehen, dann sind die Voraussetzungen für angemessene Investitionen in diesem Bildungsbereich gegeben. Mit Investitionen von 0,42 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) bleiben wir gegenwärtig weit unter der Hälfte dessen, was die OECD empfiehlt, und wir investieren nicht einmal 25 Prozent dessen, was die Schweden für diesen Bereich ausgeben.
DAZU AUF DER DIDACTA 2007:
- KIGA-Seminare 2007: Mit den KiGA-Seminaren hat sich die didacta als eine der wichtigsten Fortbildungsveranstaltungen für Erzieherinnen und Erzieher etabliert. In diesem Jahr stehen an den fünf Messetagen mehr als 80 Veranstaltungen auf dem Programm, die den Teilnehmern wissenschaftlich fundierte Informationen und praktische Anregungen für ihre tägliche Arbeit vermitteln. Die Podiumsdiskussion „Kinder sind unser wertvollstes Gut“ eröffnet die KiGA-Seminare. Mehr unter www.kiga-seminare.de.
- Mit der Frage der Kooperation von Kindergarten und Grundschule beschäftigt sich mit acht Vorträgen renommierter Experten das Symposium „Kompetenzen in Kindergarten und Grundschule – gewinnen ohne zu verlieren?!“ am 1. und 2. März 2007. Auf dem „forum bildung“ am 28. Februar 2007 diskutieren die Organisatorinnen dieses Symposiums, die Professorinnen Fried, Universität Dortmund, und Kammermeyer, Universität Koblenz-Landau, unter dem Titel „Fördern ohne zu überfordern“ den Übergang Kindergarten-Grundschule zwischen Verschulungsgefahr und sinnvoller Neuordnung. Wie „Sprachförderung für alle – früh und gemeinsam“ funktionieren kann, erläutert am 1. März 2007 Prof. Dr. Herbert Günther, Universität Koblenz-Landau, auf dem Forum Unterrichtspraxis, Halle 6.
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