Kindertageseinrichtungen arbeiten künftig mit verbindlichen Leitlinien für Bildung und Erziehung

Orientierungsplan für den vorschulischen Bereich vereinbart / Kultusministerin Annette Schavan und Sozialministerin Tanja Gönner: "Forschergeist, Neugierde und Lernfreude der Kinder nutzen" / Regierung und Träger der Kindertageseinrichtungen formulieren gemeinsame verbindliche Ziele / Neue Qualität in der Erziehungspartnerschaft

30.07.2004 Baden-Württemberg Pressemeldung Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg

Die Kindertageseinrichtungen in Baden-Württemberg werden künftig Motoren für Bildung und Erziehung im frühkindlichen Bereich sein. Das legt eine verbindliche Vereinbarung zu einem Orientierungsplan für Kindertageseinrichtungen in Baden-Württemberg fest, die am Freitag, 30. Juli, in Stuttgart unterzeichnet wurde. Start ist im kommenden Jahr.

Kultusministerin Dr. Annette Schavan, Sozialministerin Tanja Gönner und die Spitzen der Träger von Kindertageseinrichtungen im Land haben sich auf gemeinsame Leitlinien verständigt. Diese stellen kindliche Bildungsprozesse und deren aktive Begleitung in den Blickpunkt und geben pädagogischen Fachkräften ebenso wie Eltern verbindliche Orientierungshilfen. Ziel ist es, Potenziale und Talente der Kinder optimal zu entfalten und ihre Neugierde und Lernfreude als Grundlage für ein lebenslanges Lernen zu nutzen.

"Bildung und Lernen beginnt in der Familie, setzt sich in den Kindertageseinrichtungen fort und erfährt in der Grundschule mit dem dortigen Curriculum eine altersgerechte Systematisierung", fasste Kultusministerin Schavan den Grundgedanken für den Orientierungsplan zusammen. "Er fördert die gemeinsamen Anstrengungen aller Beteiligten im Interesse der Kinder und ist für Eltern ebenso bedeutsam wie für die Erzieherinnen und Erzieher in den Kindertageseinrichtungen und die Grundschulen", so Sozialministerin Tanja Gönner: "Durch die Vernetzung wird eine neue Qualität in der Erziehungspartnerschaft zwischen Eltern und Fachkräften entstehen."

Der Orientierungsplan ist nicht curricular angelegt, sondern stellt eine Navigationshilfe dar für sensible Phasen, lernintensive Zeitfenster in der kindlichen Entwicklung und unterschiedliche Lernwege, die Kinder in ihrer jeweiligen Lernentwicklung gehen. "Es geht nicht um eine Verschulung der Kindertageseinrichtungen, nicht um das Vorziehen schulischer Inhalte, sondern um sensible Instrumente für die Begleitung von Kindern, die frühkindliche Chancen zum Lernen nutzen und fördern", erklärten die beiden Ministerinnen.

Demzufolge steht im Fokus des Orientierungsplans die Bedeutung des frühen Lernens für einen lebenslangen Bildungsprozess. Nicht nur PISA und IGLU, sondern auch die Erkenntnisse der Neurowissenschaften und der Entwicklungspsychologie haben darauf aufmerksam gemacht, dass die frühe Kindheit eine besonders lernintensive Zeit ist, die für die gesamte Bildungsbiographie elementare Grundlagen schafft. "Es ist wichtig, Lernen und Bildung nicht ausschließlich im Zusammenhang mit Institutionen wie Kindergarten und Grundschule zu sehen, sondern eine Vernetzung von Bildungsprozessen herzustellen, die vom Kind her gedacht ist", hob die Kultusministerin hervor. "Kinder können dann das Bildungspotenzial der Schule optimal nutzen, wenn sie schon auf grundlegende Kompetenzen aufbauen können." Unabdingbar für eine erfolgreiche Lebensbildungsbiographie ist eine verlässliche emotionale Bindung, die Kinder erfahren müssen. Auch hier setzt der Orientierungsplan an, um den Kindern Anerkennung, Stabilität, Anregung und stetige Kommunikation zu vermitteln.

Sprache als Schlüssel auch zu frühkindlicher Bildung

Große Bedeutung kommt in den Kindertageseinrichtungen auch die Stärkung sprachlicher Kompetenzen zu. Sprache ist der Schlüssel zur Bildung. Deshalb haben die Kindertageseinrichtungen eine tragende Rolle in der Sprachentwicklung und -förderung. Die vorschulischen Sprachstandsdiagnosen, die von der Landesstiftung mit fünf Millionen Euro finanziert werden, fügen sich hier nahtlos und effektiv in die Gesamtkonzeption ein. Die Erkenntnisse der interministeriellen Arbeitsgruppe "Sprachförderung im Vorschulalter" werden im Orientierungsplan integriert, die Zielsetzungen des Orientierungsplans für alle Bildungsbereiche sind für die Einrichtungen und Träger verbindlich, lassen ihnen aber genügend Gestaltungsspielräume in der Umsetzung.
Der endgültige Orientierungsplan wird im Mai 2005 vorliegen und mit Beginn des Kindergartenjahres im September in einer wissenschaftlich begleiteten Pilotphase starten.

Besondere Qualifizierung der pädagogischen Fachkräfte

Die Umsetzung wird unter anderem in fachlicher Begleitung der Einrichtungen durch die Beratung der Verbände sowie durch eine verstärkte Qualifizierung der pädagogischen Fachkräfte stattfinden. Die Qualifizierung von Fachberaterinnen, von Teams der Tageseinrichtungen sowie der Kooperationsbeauftragten bei den Staatlichen Schulämtern und Kooperationslehrkräften an den Schulen durchgeführt. (Die enge Kooperation zwischen Kindertageseinrichtungen und den Grundschulen wurde im vergangenen Jahr verbindlich festgeschrieben). Die Qualifizierung schließt insbesondere die Befähigung zur kontinuierlichen Beobachtung und Dokumentation von Bildungsprozessen eines jeden Kindes ein. Hier greift besonders auch die Reform der Erziehrinnenausbildung im vergangenen Jahr. Piloteinrichtungen dienen anderen Tageseinrichtungen als Beratungszentren. Trägerübergreifende lokale, regionale und überregionale Bildungsnetzwerke unterstützen diesen Prozess. Das Land wird sich in Höhe von mindestens 50 Prozent an der Implementierung (insbesondere Qualifizierungsmaßnahmen und wissenschaftliche Begleitung) des Orientierungsplans beteiligen.

Genese der Orientierungsplans

Kultusministerin Annette Schavan hatte in ihrer Regierungserklärung im März 2003 den Bildungs- und Erziehungsplan für die Kindergärten angekündigt. Im Juli 2003 wurde die Erarbeitung eines Orientierungsplans im Landtag im Rahmen einer Anhörung der Sprachförderung im Vorschulalter diskutiert und einhellig begrüßt. Auf Schavans Initiative hin hat die Kultusministerkonferenz im Oktober 2003 eine Kooperation mit der Jugendministerkonferenz in die Wege geleitet, die zu einer länderübergreifenden Vereinbarung für frühkindliche Bildung in den Kindertageseinrichtungen geführt hat. Diese wurde von der Jugendministerkonferenz im Mai 2004 und von der Kultusministerkonferenz im Juni 2006 verabschiedet.


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