Interview

Irgendwas mit Tablets

Viele Kitas verbinden Medienbildung vor allem mit Tablets oder Projekttagen. Doch digitalen Medien begegnen Kindern, Eltern und Fachkräften täglich. Eine Digitalisierungsexpertin spricht über Unsicherheiten, Chancen und die Bedeutung einer klaren pädagogischen Haltung. Interview: Franziska Schuberl

10.07.2026 Bundesweit Artikel Meine Kita
  • Ein Kleinkind sitzt auf einem Sofa und schaut auf ein Tablet. © Adobe Stock Wie kann Digitalisierung in Kitas gelingen? Darüber spricht Digitalisierungsexpertin Nadia Kutscher im Interview.

Meine Kita: Digitalisierung in der Frühen Bildung war ein prominentes Thema auf der didacta Bildungsmesse 2026 in Köln. Wo begegnet uns diese im Alltag einer Kita?

Nadia Kutscher: An mehr Stellen, als wir vielleicht zunächst denken. Eltern und Fachkräfte nutzen Smartphones, Kinder spielen mit digitalen Spielzeugen, ihre Bildungsdokumentationen werden digital über Apps erstellt, und Kitas nutzen zunehmend administrative Komplettlösungen. Digitalisierung findet nicht nur dann statt, wenn Kitas mal aktiv ein Tablet einsetzen. Sie ist längst Teil des Alltags.

Digitale Medien können in der Kita also mehrere Funktionen einnehmen.

Richtig, einerseits sind es Alltagsgegenstände wie das Smartphone der Eltern. Andererseits dienen sie als pädagogische Werkzeuge, mit denen Kinder lernen können. Und es gibt Medien mit Doppelfunktionen, zum Beispiel Software zur Bildungsdokumentation, die Fachkräfte pädagogisch nutzen, deren Daten aber auch möglicherweise vom Träger für Verwaltungs- oder Controllingzwecke herangezogen werden. Auch Künstliche Intelligenz spielt in diesem Zusammenhang zunehmend eine Rolle und es gibt erste Anbieter, die diese bereits einbinden, vor allem in der Personaleinsatzplanung oder auch der Dokumentation.

Nadia Kutscher ist Professorin für Erziehungshilfe und Soziale Arbeit an der Universität zu Köln. Sie forscht zu Digitalität und Digitalisierung in Kindheit, Jugend und Familie und beschäftigt sich mit sozialer Ungleichheit sowie ethischen Fragen im Zusammenhang von Digitalisierung und Bildung.

Viele denken bei Digitalisierung in Kitas zunächst an gezielte Medienprojekte. Dabei umfasst Digitalisierung deutlich mehr als den bloßen Einsatz digitaler Geräte.

Genau. Ein zentraler Punkt ist, überhaupt wahrzu nehmen, wo digitale Medien schon vorkommen. Medienbildung bedeutet nicht automatisch, ein Projekt mit Tablets durchzuführen. Vielmehr geht es darum, im Team zu reflektieren: Wo begegnen unsere Kinder bereits Digitalität und wie gehen wir pädagogisch damit um? Dazu kommen Themen wie Datenschutz, Kinderrechte und die Zusammenarbeit mit Eltern. Der eigentliche Medieneinsatz ist nur ein Baustein unter vielen. Gleichzeitig gehört zu einem reflektierten Umgang mit Digitalisierung auch, bewusst aus fachlich-pädagogischer Perspektive zu prüfen: Wo macht es Sinn, digitale Medien einzusetzen, und wo nicht?

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Einige Einrichtungen haben beispielsweise festge legt, dass Eltern beim Bringen und Abholen ihrer Kinder kein Smartphone in der Hand haben sollen. Der Grund ist ganz einfach: Diese Übergangssituationen sind wichtig für die Beziehung zwischen Eltern und Kind – da sollte die Aufmerksamkeit allein beim Kind liegen. Wenn wir schon auf die Kinder schauen: Welches Verhältnis sollten sie zu digitalen Medien aufbauen? Da gibt es sehr unterschiedliche Perspektiven. Manche sehen Kinder zum Beispiel als „Digital Natives“, die intuitiv mit Medien umgehen – was so nicht ganz stimmt, weil auch ganz frühe Wischbewegungen auf Bauklötzen schon Ergebnis von Sozialisations prozessen sind. Für andere gelten sie aber auch als gefährdet, wenn es etwa um gefährliche, nicht alters gerechte Inhalte geht, und später sogar als potenziell gefährdend, etwa im Kontext von Cybermobbing. Diese verschiedenen Bilder von Kindern, aber auch von Medien beeinflussen stark, wie Erwachsene handeln. Deshalb ist es wichtig, als Fachkraft die eigene Haltung zu reflektieren – also sich bewusst zu machen, mit welcher Perspektive man selbst auf Kinder im Umgang mit digitalen Medien schaut und wie diese das eigene pädagogische Handeln prägt. Ziel jeder Fachkraft sollte es sein, bewusst und fachlich begründet zu handeln, statt aus eigenen, subjektiven Annahmen heraus.

Welche Spannungsfelder zeigen sich beim Thema Digitalisierung noch? Interessant ist, dass die Forschung seit den 1990er-Jahren immer wieder zu ähnlichen Ergebnissen kommt: Viele Fachkräfte sind unsicher, was Medienbildung eigentlich bedeutet. Unter ihnen gibt es eine anhaltende Diskussion: Soll die Kita ein Schutzraum sein, in dem Kinder möglichst wenig mit digitalen Medien in Kontakt kommen? Oder ein Erfahrungsraum, der die Kinder auf eine digitale Welt vorbereitet? Dazu kommen Unsicherheiten im Umgang mit Eltern und oft auch Unwissen und Skepsis gegenüber digitalen Medien.

Sie konnten in einem Forschungsprojekt selbst einige Kitas untersuchen. Was haben Sie dabei beobachtet?

Wir haben sehr unterschiedliche Umgangsweisen mit digitalen Medien gesehen. In einer Kita gab es zum Beispiel eine klare Trennung: Die Fachkräfte wollten sich nicht in die Medienerziehung der Eltern einmischen – und wollten das umgekehrt auch von den Eltern nicht. Damit bewegen sich die Kinder zwischen völlig unterschiedlichen Welten. Interessant war, dass eine Kita beim Thema digitale Medien ihren eigenen pädagogischen Ansatz plötzlich nicht mehr konsequent umgesetzt hat: Während die Kita eigentlich nach dem Situations ansatz arbeitete, wurde aber beim Einsatz digitaler Medien in eine Art Frontalunterricht gewechselt. Das zeigt, wie unsicher viele Einrichtungen in diesem Bereich noch sind.

Gab es auch positive Beispiele?

Ja, besonders spannend war eine Kita, in der Leitung und Team sehr dialogisch gearbeitet haben – miteinander und auch mit den Eltern. Dort fühlten sich alle für das Thema verantwortlich. Gemeinsam haben sie diskutiert: Was macht pädagogisch Sinn – und was nicht? Diese Teamkultur hat einen großen Unterschied gemacht. Eine andere Kita hat erst im Laufe des Projekts erkannt, wie viele Berührungspunkte sie eigentlich schon mit digitalen Medien hat. Allein dieses Bewusstsein hat ihren Umgang damit deutlich verändert. Auch die Kita-Leitung kann hier eine entscheidende Rolle spielen.

Inwiefern?

In einer Einrichtung gab es zum Beispiel keine klare Regelung zum Internetzugang. Fachkräfte haben dann ihre privaten Geräte genutzt – mit allen Unsicherheiten, die das mit sich bringt, etwa beim Datenschutz. Das zeigt: Es braucht klare Orientierung und Unterstützung durch die Leitung und den Träger.

Zusammengefasst: Was brauchen Kitas, damit ihre Digitalisierung gelingen kann?

Mehrere Dinge: Zunächst eine Reflexion auf all das, was als Digitales schon da ist – in der Ein richtung und im Alltag der Kinder, aber eben auch Fachwissen, eine klare pädagogische Haltung, Unterstützung durch den Träger, kontinuierliche Weiterbildung und vor allem gute Teamprozesse. Ein Punkt, der ebenfalls nicht außer Acht gelassen werden sollte: Wenn Fachkräfte sich sicher in ihrem professionellen Handeln fühlen, dann schreckt sie das Thema Digitalisierung deutlich weniger ab.

Gibt es Unterstützungsangebote für Kitas, die Sie empfehlen können?

Ja, wir an der Universität zu Köln haben zum Beispiel gemeinsam mit Blickwechsel e. V. und dem ISA-Institut Münster eine Handreichung entwickelt, die viele Reflexionsfragen für Kita-Teams enthält. Außerdem arbeiten wir derzeit an Projekten wie bundesweiten Befragungen zur Digitalisierung in der Kinder- und Jugendhilfe und entwickeln Fortbildungsangebote, denn wir sehen, dass es hier weiterhin großen Unterstützungsbedarf gibt.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: Magazin Meine Kita, Ausgabe 02/2026, S. 8-9, www.meinekita.de



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