Übersicht: Vorschulische Sprachförderung in Berlin

08.06.2006 Berlin Pressemeldung Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung

1. Sprachstandserhebung Deutsch Plus

Im Herbst des Jahres 2004 hat Berlin erstmalig mit Deutsch Plus den Sprachstand aller Kinder erhoben, die im darauffolgenden Schuljahr eingeschult werden. Deutsch Plus untersucht "wie gut ein Kind Deutsch kann". Wer nicht die erforderlichen Fähigkeiten zeigt, wird in der Kita besonders gefördert – oder erhält, wenn er keine Kita besucht, in einer Schule einen dreistündigen Förderkurs täglich.

2. Ergebnisse der Sprachstandserhebung "Deutsch Plus"

Die jüngste Deutsch Plus Erhebung (vom Herbst 2005) hat ergeben, dass berlinweit jedes vierte Kind eine Sprachförderung im Deutschen benötigt: Von den ca. 25 000 Kindern, die im kommenden Schuljahr (2006/2007) schulpflichtig werden, müssen insgesamt 6 496 Kinder (25,5 Prozent der getesteten Kinder) bis zum Schulanfang im Herbst 2006 intensiv in Deutsch gefördert werden.

Unter den 7 560 Kindern nichtdeutscher Herkunftssprache (ndH) wurde sogar ein Förderbedarf bei 4 274 Kindern (56,5 Prozent) ermittelt.

95 Prozent der Berliner Eltern schicken ihr Kind im letzten Jahr vor der Schule in die Kita. Das ist erfreulich: Wer sein Kind in die Kita gibt, legt dafür einen Grundstein für den Spracherwerb seines Kindes. Deutsch Plus belegt, dass man früh mit der Sprachförderung beginnen muss: Bei den Kindern ohne Kitabesuch ist der Anteil von Kindern mit Förderbedarf doppelt so hoch wie bei Kitakindern.

Bildungssenator Klaus Böger: "Das zeigt den enormen Bedarf an Sprachförderung bei unseren Jüngsten. Dabei geht es nicht nur, aber vor allem, um Kinder mit Migrationshintergrund. Hier müssen wir viel tun – und hier tun wir viel: Wir haben in Kitas und Schulen gute Möglichkeiten geschaffen, um vor der Schule Deutsch sprechen zu lernen. In punkto Verbindlichkeit und Umfang ist Berlin mit dieser vorschulischen Sprachförderung Vorreiter unter allen Bundesländern."

3.1. Umfang und Organisation der Sprachförderung in den Vorkursen

Von den 1 140 Kindern ohne Kita haben berlinweit 566 (49,6 Prozent) Sprachförderbedarf. Im Bezirk Mitte sind es 99 von 144 Kindern (=68,8 Prozent).

Diese Kinder werden in rund 80 Deutschkursen an den Grundschulen gefördert. Diese Sprachförderkurse begannen am 6. Februar und laufen bis zu den Sommerferien. Die Teilnahme ist Pflicht.

Die vorschulische Sprachförderung, die wir im Frühjahr 2005 zum ersten Mal durchgeführt haben, ist in diesem Frühjahr weiter ausgebaut worden. Kinder in den Sprachförderkursen erhalten ab diesem Jahr nicht mehr zwei, sondern drei Förderstunden an jedem Wochentag und damit insgesamt 285 Förderstunden.

Von den drei Stunden täglich werden zwei Zeitstunden von einer Lehrkraft mit einer Qualifikation für Deutsch als Zweitprache (DaZ), die dritte Zeitstunde von einer Erzieherin mit DaZ-Zusatzqualifikation erteilt. Diese dritte Stunde dient der sprachanregenden Förderung im Spiel und im Miteinander in der Kindergruppe sowie der Förderung motorische, personale, soziale Fähigkeiten.

3.2. Umfang und Organisation der Sprachförderung in den Kitas

Insgesamt haben von den 24 340 Kitakindern berlinweit 5 930 (24,4 Prozent) Sprachförderbedarf. Im Bezirk Berlin-Mitte sind es 945 von 2 315 Kindern (=40,8 Prozent).
Die Sprachförderung in den Kitas ist wichtiger Teil der ganzheitlichen Förderung im Kita-Alltag. Diese Sprachförderung umfasst auch eine besondere tägliche Förderung in Kleingruppen und Einzelförderungen.

4.1. Personal und Sprachlernqualifikation in den Vorkursen

In den Vorkursen werden 60 Lehrerstellen sowie 15 Erzieherstellen mit DaZ-Qualifikation eingesetzt. Dieser Stelleneinsatz wurde gegenüber dem Vorjahr verdoppelt. Diese Lehrkräfte und ErzieherInnen werden von den 34 Fachmultiplikatorinnen für DaZ und für den Anfangsunterricht durch bedarfsorientierte Fortbildungen, regional organisierte Workshops und fachliche Begleitung und Beratung unterstützt.

4.2. Personal und Sprachlernqualifikation in den Kitas

Für Sprachförderung in den Kitas sind die ErzieherInnen verantwortlich. Für Kitas mit mehr als 40 Prozent von ndH-Kindern stehen mehr als 300 Stellen auch zur Sprachförderung zur Verfügung.

Die ErzieherInnen sind für diese Aufgabe mit sprachlernspezifischen Fort- und Weiterbildungen durch die landeseigene Fortbildungsstätte Jagdschloss Glienicke und durch die Freien Träger qualifiziert worden:

Seit 2003 haben sich die Teilnehmerzahlen der landeseigenen Fortbildungsstätte Jagdschloss Glienicke von 1 500 auf 3 000 jährlich verdoppelt. Allein im Jahr 2006 werden ca. 500 Erzieherinnen in mehrtägigen Fortbildungskursen in der Sprachförderung qualifiziert.

400 ErzieherInnen sind für die Arbeit mit dem Sprachlerntagebuch geschult worden. Diese ErzieherInnen schulen als Multiplikatoren wiederum mittelbar ein Vielfaches an ErzieherInnen. Darüber hinaus sind 2 500 Erzieherinnen in die Arbeit mit dem Sprachlerntagebuch eingeführt worden. Im Durchschnitt sind in jeder Kita zwei Erzieherinnen in die Arbeit mit dem Sprachlerntagebuch eingeführt.

5.1. Sprachlernlehrplan und -materialien in den Vorkursen

Das Landesinstitut für Schule und Medien (LISUM) hat Handreichungen für Lehrkräfte und Erzieherinnen "Materialien zum Sprachlernen in Vorkurs und Schulanfangsphase" erarbeitet, in denen die beim Spracherwerb relevanten Bereiche systematisch entfaltet und als Lernszenarien für den Unterricht aufbereitet sind. Derzeit liegen sieben (von insgesamt 14) Materialien vor.

Der DaZ-Rahmenplan enthält didaktisch-methodische Impulse und konkrete Unterrichtsanregungen zur Sprachförderung. Darin enthalten ist auch ein Gesamtkonzept, das Vorkurs und Schulanfangsphase verbindet.

Im Zentrum dieses didaktisch-methodischen Konzepts für die Sprachförderung steht das Sprachlerntagebuch, mit dem im Vorkurs begonnen und das in der Schulanfangsphase erweitert benutzt wird. Jedes Kind in einem Vorkurs erhält ein Sprachlerntagebuch.

5.2. Sprachlernlehrplan und -materialien in den Kitas

Der Schwerpunktbereich Kommunikation: Sprachen, Schriftkultur und Medien des Berliner Bildungsprogramms enthält zielgerichtete Hinweise, didaktisch-methodische Impulse und konkrete Anregungen für die Sprachförderung. Dafür werden aber auch andere Sprachförderprogramme eingesetzt – gleichfalls auch die LISUM-Materialien.

Jedes Kind erhält außerdem ein Sprachlerntagebuch, in dem die Sprachentwicklung jedes Kindes vom ersten Tag des Kitabesuches an langfristig beobachtet, dokumentiert und individuelle Fördermaßnahmen festgelegt werden. Dieses Sprachlerntagebuch wird im Juni an die Kitas ausgeliefert, so dass die systematische Arbeit mit den Sprachlerntagebüchern ab August 2006 beginnen wird.

Zur Umsetzung träger- und kitaspezifischer Sprachförderkonzepte hat das Land darüber hinaus den 850 Kitas mit einem hohem ndH-Anteil "Sprachförderkoffer" kostenlos zur Verfügung gestellt.

6.1. Qualität der Sprachförderung in den Vorkursen

Das Resümee aus den Vorkursen im letzten Jahr und erste Rückmeldungen aus den Vorkursen sind positiv: Alle Kinder haben deutliche individuelle Fortschritte beim Spracherwerb, im motorischen und feinmotorischen Bereich sowie im Bereich der Selbstsicherheit und Sozialkompetenz gemacht. Wichtig ist aber auch, dass die Sprachkurse dazu beigetragen haben, Schwellenängste der Eltern gegenüber der Schule abzubauen.

6.2. Qualität der Sprachförderung in den Kitas

Mit allen Trägerverbänden ist eine Qualitätsvereinbarung abgeschlossen worden, die die verbindliche Umsetzung des Berliner Bildungsprogramms, die Arbeit mit dem Sprachlerntagebuch (einschl. Evaluation) sowie die Verpflichtung der Träger zu Fortbildungsplanungen für die pädagogischen Fachkräfte regelt.

7. Perspektiven

Mit dem kostenfreien Kitajahr ab dem 1. Januar 2007 wollen wir möglichst viele Kinder in der Kita fördern – und zwar nicht nur deren sprachliche Entwicklung: In der Kita ist außerdem eine umfassende und ganzheitliche Förderung von sozialen und personalen Kompetenzen möglich. Im letzten Jahr vor der Schule besuchen 95 Prozent aller Kinder die Kita. Durch das beitragsfreie letzte Kitajahr wird dieser Anteil weiter steigen. Kinder mit Sprachförderbedarf, die keine Kita besuchen, werden auch künftig zur Teilnahme an einem vorschulischen Sprachkurs verpflichtet.

Bildungssenator Klaus Böger: "Deutsch ist der Schlüssel zur Bildung – diese Erkenntnis teilen inzwischen alle. Durch die Reformen in der vorschulischen Sprachförderung sind Schulen und Kitas inhaltlich näher zusammengerückt. Diesen Prozess gilt es zu beschleunigen. Ziel muss es sein, dass Kitas und Schulen stärker zusammenarbeiten: sich austauschen und gemeinsame Projekte machen. Das beitragsfreie Kita-Jahr ist eine Einladung an alle Eltern, ihre Kinder in den "Sprach-Fördergarten" namens Kita zu geben. Das ist ein wichtiger Schritt zu mehr Chancengerechtigkeit auch für die Schulkarriere, denn Kita-Zeit ist Bildungszeit."


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