"Wir können nicht bis 2015 warten"

(redaktion) Am 22. Oktober kamen in Dresden Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder zusammen, um Weichen für die Zukunft der Bildung zu stellen. Im Interview nimmt der Präsident des Didacta – Verbandes der Bildungswirtschaft, Professor Wassilios E. Fthenakis, Stellung zu den Ergebnissen dieses mit Spannung erwarteten Bildungsgipfels.

29.10.2008 Artikel
  • © bikl.de

Professor Fthenakis, in der vergangenen Woche trafen sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder zum ersten sogenannten Bildungsgipfel. Haben sich die Erwartungen erfüllt?

Fthenakis: Zunächst einmal können wir positiv festhalten, dass Bundeskanzlerin Merkel die Bildung zur Chefsache erklärt hat. Dies zeigt erstens, dass die Politik für die Zukunftsfrage schlechthin sensibilisiert ist, nämlich die Frage nach der Zukunft der Bildung in Deutschland. Und zweitens, dass sich die Politik durchaus darüber bewusst ist, dass unser Bildungssystem der Reform bedarf.

Das zentrale Ergebnis des Bildungsgipfels ist, dass Investitionen für Bildung und Forschung bis 2015 auf 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) angehoben werden sollen. Heute sind es rund 9 Prozent. Je nach Entwicklung des BIP würde das Mehrausgaben zwischen 20 und 60 Milliarden Euro bedeuten. Die Finanzierung blieb jedoch offen. Nun soll eine Arbeitsgruppe bis Herbst 2009 eine Einigung erzielen. Wie bewerten Sie diesen Vorgang?

Fthenakis: Die Entscheidung, die Investitionen für Bildung und Forschung aufzustocken, geht in die richtige Richtung. Allerdings können wir nicht bis 2015 warten. Die Bildung bedarf jetzt der zusätzlichen finanziellen Unterstützung, damit wir nicht wertvolle Zeit verlieren.

Zudem habe ich Zweifel, ob ein Prozent mehr gemessen am BIP ausreichend ist. Denn es sind tiefgreifende Veränderungen nötig, um die bestehenden Probleme in den Griff zu bekommen. So brauchen wir unter anderem eine qualitativ bessere Ausbildung der Fachkräfte und eine berufsbegleitende Professionalisierung, wir brauchen kleinere Gruppen- und Klassengrößen, und wir brauchen eine ganz andere, moderne Ausstattung der Bildungseinrichtungen. Das alles mit einem Prozent mehr bewältigen zu wollen, halte ich für eng bemessen.

Sie hätten sich hinsichtlich der Finanzierung also weitere Entscheidungen gewünscht. Welche sind das konkret?

Fthenakis: Die Teilnehmer des Bildungsgipfels haben sich leider nicht darauf verständigen können, die bereits getätigten Investitionen in das Bildungssystem neu zu ordnen. Wir wissen aus den vergleichenden Studien der OECD, dass Deutschland die Sekundarstufe II und die Hochschulen überproportional finanziert. Doch sind dies nicht die entscheidenden Phasen im Bildungsverlauf. Vielmehr muss es auch gelingen, Erziehung und Bildung im Elementarbereich und in der Grundschule finanziell besser zu stellen.

Die Ministerpräsidenten haben erklärt, dass sie finanzielle Spielräume, die sich aus der demografischen Entwicklung ergeben werden, insbesondere zur Verbesserung der Bildungsqualität nutzen wollen. Dies ist erfreulich, aber auch dringend geboten. Mein Appell an die Verantwortlichen ist, dieses Geld unbedingt im Bildungssystem zu belassen und es systematisch zur Qualitätssteigerung einzusetzen.

Auf dem Bildungsgipfel wurden weitere Selbstverpflichtungen von Bund und Ländern zusammen gefasst. Welche davon sind aus Sicht des Didacta Verbandes besonders wichtig und müssen mit Nachdruck erfüllt werden?

Fthenakis: Die Fokussierung auf die Bildung von Anfang an, auf die Jahre vor der Einschulung, ist ein wichtiger und längst fälliger Schritt auf dem Weg zu einem modernen Bildungssystem, der nun entschlossen weiter gegangen werden muss.

Weitere wichtige Ziele sind unter anderem, die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss zu verringern und die Berufsorientierung an allen Schulen verbindlich zu verankern. Auch die Stärkung der MINT-Bildung (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) und Maßnahmen zu mehr Durchlässigkeit im Bildungssystem begrüßen wir sehr.

Welche Maßnahmen vermissen Sie?

Fthenakis: Die Übergänge an den Nahtstellen des Bildungssystems, vor allem beim Eintritt der Kinder in die Grundschule, verlangen weitere Reformen. Wir dürfen unsere Kinder nicht mit völlig verschiedenen Bildungsphilosophien konfrontieren, wie sie derzeit noch in den allermeisten Kindergärten und Grundschulen vorherrschen. Die empirische Bildungsforschung belegt, dass wir dadurch zu viele "Bildungsverlierer" hervorbringen.

Ein weiterer Aspekt liegt mir besonders am Herzen: Wir müssen den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg überwinden, d.h., es muss uns gelingen, gerade Kindern aus bildungsfernen Schichten und Kindern mit anderem kulturellen Hintergrund zu einem höheren Bildungsniveau zu verhelfen. Dazu müssen wir auf ihre besonderen Bedürfnisse reagieren.

Völlig außer Acht gelassen haben die Teilnehmer des Bildungsgipfels zudem die Risiken, die im sozialen Umfeld von Kindern bestehen und die Einfluss nehmen können auf den Bildungserfolg. So gibt es Stadtteile in Deutschland, in denen sowohl die meisten Schulabbrecher leben als auch die höchsten Gesundheitsrisiken für Kinder und Jugendliche zu verzeichnen sind. Hier ist die Kommunalpolitik gefordert. Erst wenn Kommunal-, Familien- und Bildungspolitik an einem Strang ziehen, werden wir den Erfolg haben, auf den wir schon lange warten. So gesehen war es falsch, die Kommunen nicht zum Bildungsgipfel einzuladen.

Es bleibt demnach noch viel zu tun. Welche Forderungen stellen Sie an die Verantwortlichen von Bund und Ländern nach dem Bildungsgipfel?

Fthenakis: Die Verantwortlichen müssen die Qualifizierung der Fachkräfte sehr ernst nehmen. Es gilt nicht nur mehr Fachkräfte auszubilden, sondern sie auch besser zu qualifizieren.

Sie müssen darüber hinaus den Verlauf der Bildung überdenken. Es kann nicht hingenommen werden, dass Bildungs- und Ausbildungspläne nur für drei Jahre gestaltet werden. Vielmehr müssen wir institutionenübergreifende Bildungspläne entwerfen, damit die Bildungseffekte für die Kinder und Jugendlichen nicht verloren gehen.

Zudem müssen wir alle begreifen, dass Bildung nicht alleine in der Verantwortung der Eltern liegt. Bildung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, der sich auch die Politik nicht nur vor wichtigen Wahlen stellen darf.

Welchen Beitrag kann die Bildungswirtschaft dazu leisten, die Qualität der Bildung zu verbessern?

Fthenakis: Die Bildungswirtschaft leistet bereits einen qualitativ hochwertigen Beitrag, beispielsweise bei der Produktentwicklung oder der Fort- und Weiterbildung von Fachkräften. Doch dafür brauchen wir eben auch die Investitionsbereitschaft der Bildungsträger und ein politisches Klima, das uns ermuntert, diesen Weg miteinander und mit Erfolg für die Kinder und Jugendlichen zu gehen.


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden