Bildung braucht Menschen und Räume

Alle Eltern möchten, dass ihre Kinder optimal gefördert werden. Weil gute Bildung Geld kostet, erklärt der Bayerische Elternverband: Individuelle Förderung muss vom Lippenbekenntnis zum ernsthaften Ziel der Bildungspolitik werden. Lehrer und Erzieher brauchen Zeit für jedes einzelne Kind, und diese Zeit kostet Geld. Hier muss der Finanzminister umdenken.

04.12.2006 Bayern Pressemeldung Bayerischer Elternverband

Wo Lehrer vor 30 Erstklässlern stehen oder gar noch die Klasse der kranken Kollegin mitbetreuen müssen, können sie sich dem einzelnen Kind nicht widmen. Der Bildungshaushalt muss aufgestockt werden. Es genügt nicht, die knappen Mittel innerhalb des Bildungsetats hin und her zu schieben. Mehr Lehrerplanstellen sind nötig, mehr Stellen für Schulpsychologen, mehr Stellen für Schulsozialarbeit und mehr Stellen für Verwaltungsaufgaben. Dass im Doppelhaushalt 2007/2008 der Bildungsetat sogar schrumpfen soll, lehnt der BEV ab.

Geld für Bildung muss endlich als das gesehen werden, was es volkswirtschaftlich ist: eine Investition. Lehrer dürfen nicht mit dem Argument sinkender Schülerzahlen von den Grund- und Hauptschulen abgezogen werden, sie werden dort dringend gebraucht. Sprachförderung im Kindergarten darf nicht auf Kosten der Sprachförderung in der Schule gehen, sondern muss zusätzlich finanziert werden. Vor allem an den Realschulen, aber auch an vielen Gymnasien sind die Klassen viel zu groß für moderne Unterrichtsformen, hier müssen mehr Lehrer eingestellt werden. An manchen Förderschulen muss ein Lehrer zwei Klassen leiten - bei der besonderen Zuwendung, die gerade Förderschulkinder brauchen, ist das ein Unding. Gerade hier ist mehr Personal nötig.

782 neue Lehrerstellen sind zu wenig. Wenn die Intensivierungsstunden oder das Fach "Natur und Technik" an manchen Gymnasien nur in voller Klassenstärke gehalten werden können, und nicht, wie eigentlich gedacht, mit der Hälfte der Schüler, dann fehlen Lehrer. Dass es außerdem eine fatale Außenwirkung hat, wenn der Staat grundsätzlich zu wenige Lehrer einstellt, wird sich an den Studentenzahlen zeigen: Wer studiert Lehramt, wenn er mit einer Einstellung ohnehin kaum rechnen darf? Diese Lehrer fehlen spätestens nach der kommenden Pensionierungswelle.

Immer noch fallen an allen Schulen jeden Tag viele Unterrichtsstunden aus, weit mehr als das Kultusministerium in seinen Erhebungen feststellt. Immer stärker wird die Kernaufgabe der Schule, der Unterricht, nach draußen verlagert: Sogar Grundschulkinder erhalten heutzutage Nachhilfeunterricht, und für Familien mit Kindern im achtjährigen Gymnasium gibt es kaum noch freie Wochenenden und richtige Ferien. Die Eltern müssen täglich mit den Kindern arbeiten, weil die Schule mit ihrem knappen Personal- und Zeitbudget ohne diese außerschulische Unterstützung längst nicht mehr funktionieren würde. Zum Skandal wird dieses pädagogische Outsourcing für Kinder aus armen und bildungsfernen Familien: Die Eltern können weder Nachhilfeunterricht bezahlen noch selbst beim Lernen helfen. Bildungsgerechtigkeit für diese Kinder und Jugendlichen könnte nur die Schule gewährleisten, schafft das aber wegen ihrer unzureichenden Ausstattung nicht.

Diese Art von individueller Förderung kann eine Gesellschaft nicht wollen, die in wenigen Jahren händeringend gut ausgebildete junge Menschen suchen wird. Kinder und Jugendliche müssen heute optimal gefördert werden, weil sie morgen gebraucht werden. Das geht auf Dauer nur ins Ganztagsschulen, weil nur diese in der Lage sind, von der Vormittagspaukschule zur Bildungsschule zu werden, mit dem Wechsel von Spannung und Entspannung, kognitiver und sportlich-musischer Herausforderung und vor allem mit der Möglichkeit zu sozialem Lernen - kurz: mit der Bildung des ganzen Menschen. Der Bayerische Elternverband fordert daher den raschen Ausbau gut ausgestatteter Ganztagsschulen an allen Schularten, mit dem nötigen pädagogischen und nichtpädagogischen Personal.


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