Bildung ist entscheidend für die Integration
Jahr für Jahr scheinen die Ergebnisse unverändert: Die Bildungschancen für Migrantenkinder an Deutschlands Schulen sind schlecht – deutlich schlechter als in vergleichbaren Ländern. Das bestätigte auch der letzte PISA-Bericht, vorgestellt im Dezember 2007. Und der belegte wiederum nur, was eine Sonderauswertung der PISA-Daten ein Jahr zuvor bereits präsentiert hatte: Deutschland gehört zu den Staaten, in denen die Leistungsunterschiede zwischen Schülern mit Migrationshintergrund und den einheimischen Schülern am stärksten ausgeprägt sind.
05.02.2008 ArtikelSchließlich bestätigte dann auch noch der 7. Bericht zur Lage der Ausländer in Deutschland, den die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), im Dezember vorgelegt hatte, dass Kinder aus Zuwandererfamilien – trotz vielfältiger Bemühungen - in Schule und Ausbildung weiter ins Hintertreffen geraten. Danach bricht fast jeder fünfte Jugendliche aus einer Einwandererfamilie die Schule ohne Abschluss ab. Und auch die Ausbildungsquote unter ausländischen Jugendlichen liegt lediglich bei 23 Prozent, gegenüber 57 Prozent bei deutschen Jugendlichen. Nur 40 Prozent der Migrantenkinder, so der Bericht, machen einen mittleren oder höheren Schulabschluss, dagegen 70 Prozent der deutschen Kinder. Kurz zuvor hatte das Deutsche Studentenwerk (DSW) gemeldet, dass an den deutschen Hochschulen nur 8% Studierende mit Migrationshintergrund gezählt würden, obwohl in Deutschland inzwischen rund ein Fünftel der Bevölkerung einen Migrationshintergrund habe.
Sprachförderung
Dabei werden Bildungspolitiker nicht müde, ihr Engagement in Sachen Förderung und Integration hervorzuheben. So haben Kultusministerkonferenz (KMK) und Jugendministerkonferenz bereits im Sommer 2004 gemeinsame Bildungsziele sowie eine übergreifende und koordinierte Zusammenarbeit in den Bereichen Schule und Kindertagesstätten vereinbart. "Der Schlüssel für Bildungserfolg und Integration ist die Kompetenz in der deutschen Sprache", betonte der damalige Vizepräsident der Kultusministerkonferenz, Senator Klaus Böger. Seit der ersten PISA-Veröffentlichung habe die Kultusministerkonferenz einen Schwerpunkt der Schulreformen auf die wirksame Förderung bildungsbenachteiligter Kinder, insbesondere mit Migrationshintergrund gelegt. Mit Sprachstandserhebungen vor und während der Grundschulzeit sowie einer gezielten Sprachförderung und dem Angebot von Deutschkursen für Eltern verfolgten die Länder das Ziel einer deutlich höheren Sprachkompetenz in Migrantenfamilien.
Und kurz nach dem letzten PISA-Bericht im Dezember 2007 schließlich bekannten sich KMK und führende Vertreter der Organisationen von Menschen mit Migrationshintergrund zu ihrer gemeinsamen Verantwortung für eine gelingende Integration. In ihrer Erklärung "Integration als Chance – gemeinsam für mehr Chancengerechtigkeit" betonten sie die herausgehobene Bedeutung der Bildung für eine erfolgreiche Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Dabei bekräftigten sie die Selbstverpflichtungen der Länder unter anderem für den Ausbau der Betreuungsangebote in Kindertageseinrichtungen, den Ausbau von Ganztagsschulen und die Sprachförderung.
Lehrer haben geringe Erwartungen
Vielleicht ist es aber auch mit Sprachförderung allein gar nicht getan. So hat eine Studie der Arbeitsstelle "Interkulturelle Konflikte und gesellschaftliche Integration" (AKI) des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) im Jahr 2006 ergeben, dass auch das Vertrauen der Lehrer in die Fähigkeiten der Schüler über den Bildungserfolg entscheidet. Denn von Migrantenkindern und Kindern aus sozial schwachen Familien werde im Klassenzimmer oft weniger erwartet. Die Folge: Je niedriger die Messlatte, umso wahrscheinlicher sei es, dass Schüler tatsächlich schlechtere Lernergebnisse erzielten. Gerade Schüler aus unteren sozialen Schichten und Migrantenfamilien reagierten besonders empfindlich auf die oft geringen Erwartungen der Lehrer.
Möglich, dass Lehrer, die selbst einen Migrationshintergrund haben, andere Anforderungen an diese Schüler stellen. Doch während rund 30 Prozent der Erstklässler in Deutschland aus Zuwandererfamilien stammen, sind nur etwa ein bis zwei Prozent der Lehrkräfte ausländischer Herkunft. Jetzt will die Gemeinnützige Hertie-Stiftung mehr begabte und engagierte junge Migranten gezielt für den Beruf im Klassenzimmer gewinnen. Das neue Stipendienprogramm "Horizonte" startet zum Sommersemester 2008 erstmals an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Weitere Standorte sollen folgen.
Stiftungen sind aktiv
Auch andere Stiftungen und Organisationen engagieren sich für die Bildung von Migranten. Mit "Talent im Land" fördern die Robert Bosch Stiftung und die Landesstiftung Baden-Württemberg junge Zuwanderer bei ihrem Weg zu Abitur oder Fachhochschulreife. Seit fünf Jahren wurden mit "Talent im Land" in Baden-Württemberg über 250 Schülerinnen und Schüler unterstützt, die durch das Schülerstipendium die Chance auf eine akademische Ausbildung erhalten haben.
Und vor knapp sechs Jahren hat die Gemeinnützige Hertie-Stiftung das START-Schülerstipendienprogramm ins Leben gerufen. Begabte und engagierte Schüler im Alter von 14- bis 18 Jahren erhalten auf ihrem Weg zum Abitur eine finanzielle und ideelle Förderung. Mittlerweile unterstützen über 90 Kooperationspartner das Programm, das jetzt in 14 Bundesländern etabliert ist.
Deutlich früher setzt ein anderes Projekt dieser Stiftung an, das in insgesamt vier Bundesländern erprobt wird: "Deutsch & PC". Schulanfänger mit unzureichenden Deutschkenntnissen werden parallel zum Klassenverband in eigenen Fördergruppen von sechs bis acht Schülerinnen und Schülern zwei Stunden täglich in Deutsch und Mathematik unterrichtet. Spielerisch ergänzt wird das Lernen durch gemeinsames Arbeiten am Computer.
Fünf Jahre nach Projektstart belegte die Evaluation von "Deutsch & PC" die Wirksamkeit der Fördermaßnahmen. Der Anteil von Übergängen auf Gymnasien und Realschulen liegt laut dem Bericht erheblich über den Werten, die nach den PISA- oder DESI ermittelt wurden. Von den 2001 eingeschulten Kindern, die das gesamte erste Schuljahr in der Förderung waren, sind 30 Prozent nach der Grundschule an ein Gymnasium und 37 Prozent an eine Realschule gewechselt. Zum Vergleich: Bei DESI liegt die Prozentzahl für Kinder mit Migrationshintergrund, die auf ein Gymnasium wechseln bei unter 20 Prozent.
Dazu auf der didacta 2008 in Stuttgart
- Talent im Land - Integration durch Bildung Podiumsdiskussion mit Günter Gerstberger, Robert Bosch Stiftung; Herbert Moser, Landesstiftung Baden-Württemberg; Regina Pötke, Stiftung Bildungspakt Bayern; Susanne Müller, Lehrernetzwerk Talent im Land; Gül Solgun-Kaps, Jury Talent im Land; Armend Rama, Stipendiat Talent im Land Bayern; Ewgenija Weiß, Stipendiatin Talent im Land Baden-Württemberg; Moderation: Klaus Jancovius, SWR. > 20.02. 12:00 - 12:45 Uhr, Forum didacta aktuell, Halle 5, Stand G12
- Qualifikation – Arbeitsmarktintegration? Migrantinnen und Migranten in Regelangeboten der beruflichen Weiterbildung. Referentin: Dr. Friederike Bethschneider > 22.02., 16:00 - 16:30 Uhr, Forum Ausbildung/Qualifikation Halle 7, Stand A69
Der Beitrag "Bildung ist entscheidend für die Integration" ist abgedruckt im Themendienst 2 zur didacta 2008, der zum Download (.pdf) bereitsteht unter
Weiterführende Links
- Talent im Land
- START Schülerstipendienprogramm: Gemeinnützige Hertie-Stiftung
- Projekt "Deutsch & PC". Gemeinnützige Hertie-Stiftung
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