bpv-Vorsitzender Max Schmidt erwartet starken Lehrermangel im neuen Schuljahr und fordert attraktivere Bedingungen

Nach Einschätzung des Bayerischen Philologenverbandes (bpv) stehen die Gymnasien und die Fachober- und Berufsoberschulen auch im beginnenden Schuljahr wieder vor einem Nach Einschätzung des Bayerischen Philologenverbandes (bpv) stehen die Gymnasien und die Fachober- und Berufsoberschulen auch im beginnenden Schuljahr wieder vor einem eklatanten Lehrermangel. Generellen Stundenkürzungen, insbesondere bei der Intensivierung, erteilte der Verband trotzdem eine Absage. Der bpv fordert, den Lehrerberuf endlich wieder attraktiver zu machen.

10.09.2007 Bayern Pressemeldung Bayerischer Philologenverband (bpv)

Lehrermangel nimmt zu, weil die Personalplanung versagt hat

"Der Trend der vergangenen zwei Jahre verschärft sich: Ein konstant starkes Schülerwachstum bei gleichzeitigem Lehrerschwund durch Pensionierung", konstatierte der Verbandsvorsitzende Max Schmidt. Erstmals seit langem habe man mehr Planstellen als man besetzen könne: "Das Geld ist da, aber die qualifizierten Köpfe fehlen." Der reguläre Bewerbermarkt ist in allen Fächern außer Kunst und Musik leergefegt, in der Fächerverbindung Mathematik/Physik bekamen selbst Bewerber mit einer Staatsexamensnote von 3,29 noch eine Planstelle. Außerdem würden gerade Naturwissenschaftler gerne noch in letzter Sekunde von der Wirtschaft abgeworben: "Wir erleben es immer wieder, dass bereits avisierte Lehrkräfte bei uns nie auftauchen, weil sie in der freien Wirtschaft kurzfristig noch die attraktiveren Angebote bekommen", so Schmidt.

Wie viele Lehrer genau fehlen, wird sich dem bpv zufolge erst in den kommenden Wochen genau sagen lassen, wenn auch alle regionalen Einstellungsgespräche abschließend geführt worden sind. Aber für den Verbandsvorsitzenden steht eins jetzt schon fest: "Es rächt sich das Fehlen einer lang- und mittelfristigen Einstellungspolitik. Geld allein kann nicht unterrichten."

Lehrerberuf muss wieder attraktiver werden

Den Hauptgrund für den Lehrermangel sieht der Verband in den seit langem deutlich verschlechterten Arbeitsbedingungen:

Dies betrifft zunächst die finanziellen Rahmenbedingungen: "Es ist ja schön, jetzt auch diplomierte Seiteneinsteiger anwerben zu dürfen, aber ein Referendariatsgehalt von 1000 Euro kann diese Leute nur mäßig für unseren Beruf erwärmen", so Schmidt. Ein Referendar verdiene nach fünf bis sechs Jahren Studium weniger als ein Binnenschiffer im dritten Lehrjahr. Auch für Rückkehrer und Quereinsteiger über 45, die nicht mehr verbeamtet werden können und deshalb nach dem neuen Tarifvertrag der Länder (TV-L) entlohnt werden, ist der Beruf finanziell kaum noch interessant: "In München hatten wir beispielsweise einen Fall, in dem eine Kunstlehrerin einfach mitten im Schuljahr gekündigt hat, weil sie dort von rund 1300 Euro netto nicht leben konnte. Die Kluft zwischen Beamten und Angestellten ist durch die Tarifreform ver- statt entschärft worden."

Doch auch die verbeamteten Lehrer hätten in den vergangenen Jahren eine unbezahlte Deputatserhöhung sowie ein Arbeitszeitkonto hinnehmen müssen. Gleichzeitig sei das Weihnachtsgeld um 45 Prozent gekürzt und das Urlaubsgeld gestrichen worden, Besoldungsanpassungen werde es zwar erstmals seit Jahren wieder im Oktober geben; sie gleichen aber lediglich die Mehrwertsteuererhöhung aus. Faktisch hat sich ein Beamtengehalt in den letzten Jahren durch Inflation, Kürzungen und unbezahlte Mehrarbeit um rund 30 Prozent verringert. "Auch hier muss nachgebessert werden", forderte Schmidt.

Neben den finanziellen Aspekten schrecke überdies die Situation in den Schulen viele potenzielle Studenten ab: "Eingangsklassen mit in diesem Jahr bis zu 34 Schülern erlauben nur wenig individuelle Förderung, schaffen mehr soziale Probleme und produzieren einen erheblich höheren Korrekturaufwand." Schmidt befürchtet darüber hinaus, dass sich diese unverbindliche Klassenobergrenze von 34 als Mogelpackung erweisen könne: "Ich bin einmal gespannt, wie viele Klassen mit 33 Schülern wir dann stattdessen haben werden."

Auswege: Strukturelle Maßnahmen

Zur Behebung der Defizite und Sicherung der Bildungsqualität fordert der bpv folgende langfristigen Maßnahmen:

Einstellungs- und Personalpolitik:

  • Schaffung einer mittel- bis langfristigen Einstellungspolitik, die sich nicht am Schul- und Haushaltsjahr orientieren muss und für durchschnittliche Klassenstärken von 25 Schülern in Unter- und Mittelstufe sorgt
  • attraktivere Angebote für Lehrkräfte in familienpolitischer Teilzeit
  • bessere Angebote für Kinderbetreuung vor Ort, insbesondere zwischen 0 und 3 Jahren
  • flexiblere Teilzeitmöglichkeiten

Finanzielle Forderungen, um den Lehrerberuf wieder attraktiver zu machen:

  • Anhebung der Referendariatsgehälter auf mindestens 1600 Euro
  • Revision des TV-L, finanzielle Gleichstellung von angestellten mit verbeamteten Lehrern bei gleicher Qualifikation, um Quereinsteiger und Rückkehrer über 45 gewinnen zu können, die nicht mehr verbeamtet werden können
  • Rücknahme der Kürzung des Weihnachtsgeldes
  • unbürokratische Bezahlung von weiterer Mehrarbeit
  • Nachbesserung der Besoldungsanpassung zwecks Inflationsausgleich

Vollendung der G8-Reform, insbesondere den mehrtägigen Ganztagsbetrieb betreffend:

Bereitstellung der Mittel zur Einstellung von Personal für:

  • Mittags- und Nachmittagsaufsichten
  • Hausaufgabenbetreuung
  • Verbesserung der Busverbindungen auf dem Land

Auswege: Notmaßnahmen bis zum Ende des G9 im Jahr 2011

Mit dem Wegfall der 13. Jahrgangsstufe erwartet das Kultusministerium eine Entspannung in der Unterrichtsversorgung. Die Zeit bis dahin muss, bedingt durch die Länge eines Lehramtsstudiums, durch folgende Notmaßnahmen überbrückt werden:

Ausschöpfung qualifizierter regionaler Reserven durch Schulleiter vor Ort fortsetzen

Begründung: Schulleiter kennen die potenziellen Reserven sowie die Bedürfnisse der Schule am besten. Also sollten sie Lehrer in Elternteilzeit, fachlich qualifizierte Diplomanten oder Pensionisten weiter eigenständig rekrutieren dürfen. Darüber hinaus hat der bpv eine Anzahl von Pensionisten ermittelt, die angesichts der ernsten Lage bereit wären, noch einmal mit reduziertem Deputat einzuspringen. Die Liste wird dem Kultusministerium übergeben.
Solche Lösungen sind für die Bildungsqualität Erfolg versprechender als eine zentrale Zuweisung eventuell fachlich nicht qualifizierter Kräfte.

Einführung von Tutorensystemen, verstärkter Rückgriff auf gymnasiale Lehramtsstudenten in den Semesterferien

Begründung: Dieses Personal könnte zur individuellen Förderung eingesetzt werden.

Regional zu tolerierender Stundenausfall statt weiterer Kürzungen an der

Stundentafel, insbesondere bei der Intensivierung Begründung: Bei zentralen Abituranforderungen, wie sie zurzeit bundesweit entwickelt werden, bedeutet jede Stundenkürzung eine dauerhafte Verschärfung des Lerntempos und Verlängerung der Hausaufgaben, da es aus finanzpolitischen Gründen wenig wahrscheinlich ist, dass einmal erfolgte Kürzungen an der Stundentafel wieder rückgängig gemacht werden. Auch Kürzungen bei der Intensivierung sind abzulehnen, da Intensivierungsstunden das Herzstück des G8 verkörpern und die einzige Möglichkeit darstellen, in vollen Klassen individuell zu fördern. Als letzten Ausweg sollte man Stundenausfälle deshalb dort, wo sie sich nicht vermeiden lassen, begrenzt tolerieren.

Abschließend mahnte der bpv-Vorsitzende bei allen Parteien ein Ende der ständig neu geführten schulstrukturellen Debatten an: "Das G8 ist politisch überhastet und ohne die Konsequenzen zu bedenken eingeführt worden. Als Folge ist das Gymnasium in den vergangenen Jahren trotz des riesigen Einsatzes der Lehrkräfte öffentlich immer stärker in Misskredit geraten. Neben mehr Lehrern brauchen wir in der Schule jetzt vor allem Ruhe, damit sich Lehrkräfte und Schüler ihrer Kernaufgabe, dem Lehren und Lernen, widmen können."


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