Braucht Berlin einen Bildungssenator?

Nie zuvor wurde ein Bildungssenator mit derart vielen Vorschusslorbeeren versehen wie Prof. Dr. E. Jürgen Zöllner. Umso nüchterner fällt 18 Monate nach Amtsantritt das Resümee über die Arbeit des Senators aus. Selten hat ein Bildungssenator sich so wenig für Bildung interessiert.

24.05.2008 Berlin Pressemeldung Landeselternausschuss Berlin (LEA Berlin)

Schulinspektion: Fragen – aber keine Antworten

80 % der Berliner Schulen haben Entwicklungsbedarf bei der Förderung der Methodenkompeten-zen der Schülerinnen und Schüler. Ein konzeptioneller und systematischer Einsatz moderner Unterrichtstechnologien findet nur selten statt. Mehr als 60 % der Schulen haben Entwicklungsbedarf in den Bereichen "Schulinterne Evaluation" und "Zielgerichtete Personalentwicklung". Eine innere Differenzierung – zentraler Punkt im Umgang mit heterogen Lerngruppen – findet zu 70 % gar nicht oder nur ansatzweise den Weg in den Unterricht. Differenzierungsangebote und –maßnahmen sowohl für leistungsstärkere als auch für leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler sind weiterhin nur selten im Unterricht zu beobachten. Selbstständiges Lernen, kooperatives Verhalten und die Möglichkeiten für Schülerinnen und Schüler, eigene Lösungen zu entwickeln, darzulegen und zu reflektieren sind auch 2008 kaum Bestandteil des Unterrichts an den Berliner Schulen.

Der Bericht der "Schulinspektionen im Schuljahr 2006/07" liegt seit Monaten dem Senator vor. Der Senator fand auf die offenen Fragen und Probleme anscheinend bisher keine Antworten und veröffentlicht daher den Bericht nicht.

ELEMENT: Der besondere Umgang mit einer Studie - aber keine Antworten

Es gibt erhebliche Leistungsdisparitäten (ca. 30 % der Leistungsvarianz) zwischen den Berliner Grundschulen. Lernstandsunterschiede am Ende der Klasse 4 (durch individuelle, familiäre und soziale Umstände bedingt), können weder Grundschulen noch weiterführende Schulen vollständig kompensieren. An den Grundschulen gibt es besonders in den Klassenstufen 5 und 6 erhebliche Fachprobleme im Mathematik- und Englischunterricht. Hier fehlen die ausgebildeten Fachlehrer. Die beschlossene Verkürzung der Schulzeit an den Gymnasien und die Einführung zentraler Ab-schlussprüfungen erschweren es den Schülerinnen und Schülern, die erst nach der Klasse 6 aufs Gymnasium wechseln, Anschluss an die vorzeitigen Übergänger zu gewinnen.

Bisher gab es vom Senator zur Studie nur eine kurze Pressemitteilung mit der Überschrift "ELEMENT-Studie belegt erfolgreiche Förderung in Grundschulen". Die vielen offenen Fragen, die von der Studie aufgeworfen wurden, werden nicht beantwortet.

Unterrichtsausfall: Dauerproblem an den Schulen - aber keine Antworten

Der Bericht des Rechnungshofs Berlin stellt fest, dass Unterrichtsausfall auch durch Organisations-defizite in den einzelnen Schulen entsteht. "Der Rechnungshof hat festgestellt, dass die Schulen der Absicherung des Unterrichts nicht immer die gebotene Priorität einräumen. Die Schulen haben vielfach nicht alle erforderlichen und möglichen organisatorischen Maßnahmen (…).getroffen, um den Unterrichtsausfall auf das objektiv unvermeidbare Maß zu beschränken. Der Rechnungshof hat in den geprüften Schulen auch wesentliche Unterschiede bei der Organisation von Vertretungen vorgefunden, die zu unterschiedlichen Erfolgen bei der Vermeidung von Unterrichtsausfall führen."

Der Bildungssenator aber lässt verlauten: "Der Rechnungshof bestätigt die Politik des Senats". Neu sind nur die 3 % der Personalmittel als Budget für kurzfristige Vertretungen, die die beiden Regierungsparteien bewirkt haben, nicht der Senator. Die Senatsverwaltung hat es bis heute aber nicht geschafft, diese Regelung zügig und wirksam umzusetzen.

Neu ist auch die Organisationsberatung. Aber was kann diese kleine Gruppe von Mitarbeitern bei. 850 allgemein bildenden Schulen denn wirklich leisten?

Projektgruppe "Einführung von Qualitätsmanagement in der Schulaufsicht" – ein unveröffentlichter Schlussbericht und genau gegenteilige Entscheidungen der Senatsverwaltung

Ebenso wie die Schulen sich einem Qualitätsentwicklungsprozess unterziehen, muss dies auch für die Schulaufsicht gelten. Auftrag der Projektgruppe war es, die Arbeit der Schulaufsicht zu analy-sieren, Prozesse zu standardisieren, Schnittstellen zu definieren und konkrete Vorschläge zu erar-beiten, wie Qualitätsmanagement in der Schulaufsicht eingeführt werden kann.

Die Analysen und Vorschläge der Arbeitsgruppe sind dem Senator offensichtlich unpassend. Also bleibt der Bericht geheim. Dafür wurden viele Organisationsentscheidungen getroffen, die die Abläufe in der Verwaltung unübersichtlicher und offenbar langwieriger machen. Siehe die Tatsa-che, dass die Schulen immer noch nicht genau wissen, wie ihre Lehrerausstattung im nächsten Schuljahr aussehen wird.

Wie man hört, wollte die Arbeitsgruppe die unterschiedlichen Vorgehensweisen der regionalen Schulaufsicht in den Bezirken vereinheitlichen. Das Gegenteil ist passiert. Aus den 12 Lehensträ-gern wurden 12 unterschiedliche Königreiche.

Bessere Lehrerausstattung: Versprechungen – aber keine Lösungen

Die Berliner Schulen sollten dieses Jahr endlich frühzeitig über die künftige Personalausstattung informiert werden. Sechs Wochen vor den Beginn der Sommerferien herrscht hierüber jedoch völlige Ungewissheit, selbst die Verwaltungsvorschriften für die Zumessung von Lehrkräften an öffentlichen Berliner Schulen liegen nur im Entwurf vor. Ein von Senator Zöllner eingerichteter Dispositionspool – ohne jegliche Transparenz und Rechenschaftspflicht – soll die Nachteile wieder ausgleichen, die vor allem die Schulen in den sozialen Brennpunkten durch die bloße Umverteilung erleiden. Die einzige wirkliche Verbesserung durch die Entscheidungen des Senators sind 200 weitere Erzie-her. Aber die werden nicht etwa eingestellt, sondern freie Träger dürfen diese Stellen einrichten. Darüber ließe sich reden, wenn man Zeit für Gespräche hätte und die unterschiedlichen Konzep-tionen der freien Träger prüfen könnte. Diese Zeit ist aber nicht vorhanden. Also sollen die Schul-leiter überraschend allein entscheiden ohne die vom Schulgesetz gewollte Mitwirkung der schuli-schen Gremien.

Essenszuschuss auch für die Kinder an gebundenen Ganztagsschulen und freies Essen für bedürftige Kinder - Vom Abgeordnetenhaus mit dem Haushalt im Dezember beschlossen, aber die Senatsverwaltung konnte bis heute die Durchführung noch nicht regeln.

Die Verwaltung des Senators hatte diese notwendige Verbesserung überhaupt nicht im Sinn. Also ist sie nicht so wichtig. Nur der Finanzsenator freut sich, denn das Geld fließt nicht ab, den Bil-dungssenator scheint dies nicht zu interessieren.

Benachteiligung von Jungen – ein schweigender Senator

In der Pressemitteilung der FU-Berlin vom 22.03.2002 wird unter der Überschrift "Jungen erheb-lich benachteiligt - Sozialkompetenz unabhängig von der Schulform" auf eine erhebliche Benach-teiligung von Jungen im Schulsystem und einem dringender bildungspolitischen Handlungsbedarf hingewiesen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung veröffentlichte in der Reihe Bil-dungsforschung im Band 23 mit dem Thema "Bildungs(miss)erfolge von Jungen und Berufswahl-verhalten bei Jungen/ männlichen Jugendlichen", dass Jungen häufiger eine Klasse wiederholen müssen als ihre Mitschülerinnen, insbesondere am Gymnasium. In der Studie ELEMENT wird fest-gestellt, dass eine nicht auf Berlin beschränkte Erscheinung die durchgängige Bevorzugung von Mädchen im Übergangsprozess ist.

Vom Senator hat man zu diesem Themenkomplex nichts gehört.

Nachhilfe – ein schweigender Senator

In der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung beauftragten Studie "Was wissen wir über Nachhilfe? – Sachstand und Auswertung der Forschungsliteratur zu Angebot, Nachfrage und Wirkungen" wird konstatiert, dass jede/r dritte bis vierte Schüler/in insgesamt im Laufe sei-ner/ihrer Schullaufbahn Nachhilfe genommen hat. In der Veröffentlichung mit dem Titel "Bildungsfaktor Nachhilfe. Erkaufte Bildungschancen" von Rackwitz wird der Schluss gezogen, dass in den Schulen Leistungsanforderungen gestellt werden, die aufgrund der methodischen, didaktischen und inhaltlichen Gestaltung des regulären Unterrichts nur zum Teil erbracht werden können. In der Veröffentlichung mit dem Titel "Nachhilfe als Strategie zur Verwirklichung von Bildungszielen" von Schneider werden als Erklärungsansatz für die Inanspruchnahme von Nachhilfe die gravierenden Mängel im Schulsystem benannt.

Vom Senator hat man zu diesem Themenkomplex nichts gehört.

Benachteiligung von Kindern z.B. mit Migrationshintergrund – ein schweigender Senator

Im deutschen Bildungssystem werden insbesondere Kinder mit Migrationshintergrund, behinderte Kinder und Kinder aus bildungsfernen und sozial schwachen Schichten benachteiligt. Dies stellte Vemor Munoz, der Sonderbeauftragte der Vereinten Nationen für das Recht auf Bildung in seinem Bericht fest, den er am 21. März 2007 in Genf vorlegte. Nach dem Sprachtest vor der Einschulung haben 23% der Berliner Kinder erhebliche Sprachdefizi-te. Jedes zweite Kind mit einer nichtdeutschen Herkunftssprache hat erheblichen Förderbedarf in deutscher Sprache. Trotzdem werden auch in den sozialen Brennpunkten der Stadt die auf 20 Schüler verkleinerten Klassen wieder vergrößert und zusätzliche Lehrerstunden für die Sprachförderung durch Umverteilung abgebaut.

Hier hat der Senator sich selbst gelobt. Er vergrößere die Gerechtigkeit.

Im Bildungsbereich wurden viele Reformen auf dem Weg gebracht. Wäre es nicht eine der ersten Pflichten des Senator gewesen, zu prüfen ob die Rahmenbedingungen für die Reformen vorhan-den sind und ausreichen? Wäre es nicht die Pflicht des Senators gewesen frühzeitig einzugreifen, wenn – wie beim jahrgangsübergreifenden Unterricht (JÜL) – viele Schulen die Reformen nicht umsetzen können? Welche Anstrengungen hat der Senator unternommen, um die gebundenen Ganztagsschulen auszubauen? Welche Anstrengungen hat der Senator unternommen, um die Schulanfangsphase zum Erfolg zu führen? Welche Konzepte hat der Senator, um die Disparitäten im Leistungsstand innerhalb einer Schule, einer Schulform oder einer Region abzubauen? Welche Konzepte hat der Senator überhaupt? Welche Ziele verfolgt er?

Aus der Weiterführung von Reformen und notwendigen Verbesserungen des Berliner Schulsystems wird also wohl bei diesem Senator nichts werden -wenn es so weitergeht wie seither. Als einziges Reformprojekt bleibt dann die Einführung der Gemeinschaftsschulen als Schulversuch. Dabei ist unbestreitbar, dass die vielfältigen Defizite im Berliner Schulsystem damit nicht gelöst und ausgeglichen werden können.

Berlin braucht einen aktiven Bildungssenator – aber ob Berlin Prof. Dr. E. Jürgen Zöllner braucht ist fraglich.


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