E-Learning für Zirkuskinder
(md) In der „Lernen auf Reisen-Schule“ pauken die Kinder beruflich Reisender online. Die virtuelle Schule ist ein Pilotprojekt in Nordrhein-Westfalen, das im März 2006 gestartet ist. In allen Bundesländern gibt es spezielle Bildungsangebote für die mobilen Schüler, die von der Ständigen Kultusministerkonferenz (KMK) der Länder koordiniert werden.
21.06.2006 ArtikelNoch in den neunziger Jahren gab es Visionen, dass E-Learning unsere klassischen Unterrichts- und Schulformen in kürzester Zeit vollständig revolutionieren würde oder der Schüler schon bald einem Statist in einem Science-Fiction-Szenario ähnelt. Aber weder die Zweifler noch die Pioniere sollten Recht behalten. Tatsächlich ist die Geschichte des E-Learning vergleichsweise gewöhnlich: Der Computer hat sich langsam, aber sukzessive in Bildungseinrichtungen etabliert, er ist heute weitgehend Teil des Schulalltags. Elektronische Lernmedien haben zwar weder Lehrer noch Schulbücher ersetzt, sie werden eher als ergänzendes Medium genutzt und sind aber als solches kaum noch wegzudenken, obwohl die Ausstattung an Schulen noch lange nicht dem OECD-Durchschnitt entspricht, wie die Studie „Are Students ready for a technology-rich world?“ vom Januar 2006 belegt.
E-Learning-Angebote haben für spezielleZielgruppen große Vorteile
Elektronische Lernmedien haben vor allem dort für große Veränderung gesorgt, wo die Ortsunabhängigkeit der Schüler von Vorteil ist, wie etwa in der Erwachsenenbildung. Die Nutzung von Fernlernangeboten für die berufliche Qualifizierung hat seit der Einführung von E-Learning-Angeboten stetig zugenommen. Auch in den dünn besiedelten Gegenden im Norden Amerikas oder in Skandinavien sind dezentrale Bildungsangebote wie E-Learning für Schüler bereits die Regel.
Eine sinnvolle Einsatzmöglichkeit für elektronisch gestütztes Lernen, die von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird, bietet sich für Schüler, die nicht regelmäßig die Schule besuchen können wie beispielsweise Schüler, deren Eltern beruflich Reisende sind. Mit beruflich Reisenden sind insbesondere Artisten im Zirkus, Schausteller, Binnenschiffer oder reisende Handwerker gemeint. Im Rahmen der Familienunternehmen müssen auch die Kinder schon früh mit anpacken und ein regelmäßiger Schulbesuch würde für diese Kinder in den meisten Fällen bedeuten, von der Familie getrennt zu leben. Die KMK schätzt, dass zwischen 4 000 und 20 000 schulpflichtige Kinder in Deutschland keinen festen Wohnort haben, weil ihre Eltern als beruflich Reisende unterwegs sind. In einem jährlichen Sachstandsbericht, der zuletzt Ende April 2006 veröffentlicht wurde, fasst die KMK zusammen, was die Bundesländer tun, um die Situation der reisenden Schüler zu verbessern.
Zirkuskinder lernen online
In Nordrhein-Westfalen, im Regierungsbezirk Detmold, ist im März 2006 ein besonderes Projekt gestartet: „LARS – Die Lernen auf Reisen-Schule“. Acht Pilotschüler der Klassenstufen sechs und sieben nehmen derzeit an diesem speziellen E-Learning-Angebot teil. Beim Tierefüttern, Kartenabreißen und Süßigkeitenverkaufen übernehmen die Kinder schon früh erste berufliche Verantwortung und werden schnell zu Autodidakten. Genau diese Selbstständigkeit kommt den Kindern bei LARS zugute: Mit individuellen Förderplänen und virtueller Verbindung zum Lehrer lernen die Kinder ihren Schulstoff auf eigene Faust und können später einen Schulabschluss machen, obwohl sie manchmal weniger als die Hälfte der Unterrichtszeit in der Schule verbringen.
Das Förderangebot von LARS ist auf die besondere Lernsituation der mobilen Schüler zugeschnitten: Mit internetbasierten Lernmodulen können sich die Schüler die Lerninhalte selbst erarbeiten und üben. Sie können virtuelle Lerngruppen mit Mitschülern bilden und den Lernerfolg überprüfen. Da der Lehrer die Lernwege und Leistungsprofile einsehen kann, kann er jeden Schüler auch aus der Ferne seinen Stärken und Schwächen entsprechend fördern. Der besondere Vorteil ist, dass der Lernprozess zeit- und ortsunabhängig ist, so dass trotz der vielen Ortswechsel ein kontinuierliches und strukturiertes Lernen möglich ist.
Praktisch ist LARS so organisiert, dass die Schüler während der Winterpause eine Stammschule besuchen und dort am Präsenzunterricht teilnehmen. In der Reisezeit, üblicherweise von März bis November, werden die Schüler dann von Bereichslehrkräften betreut, die es deutschlandweit in allen Bundesländern gibt und den Lehrern einer sogenannten Stützpunktschule, die der Schüler besucht, wenn er sich längere Zeit an einem Ort aufhält. Die Bereichslehrkräfte stimmen die Lernziele mit den Lehrern der Stammschulen und der Stützpunktschule ab und besuchen die Schüler regelmäßig. Die Schüler sind via Internet sowohl mit der Bereichslehrkraft als auch mit den Lehrern der Stammschule vernetzt. Die Bezirksregierung in Detmold sorgt mit der Hilfe von Sponsoren und Kooperationspartnern für die technische Ausstattung der Schüler oder ermöglicht den Zugang zu Rechnern an Stützpunktschulen. Der Ernst Klett Verlag stellt digitale Lerninhalte im Rahmen des Förderangebots „Testen, Üben, Fördern“ zur Verfügung, die für Schüler mit individuellem Förderbedarf besonders geeignet sind. Ziel ist es, vor allem die Basiskompetenzen der Schüler in den Kernfächern Deutsch und Mathematik auf breiter Ebene zu verbessern. In Zusammenarbeit mit der Universität Paderborn wird das Projekt ab Herbst 2006 in technischer und didaktischer Hinsicht evaluiert.
Computernutzer haben bessere Schulnoten
Die OECD-Studie, die im Januar 2006 publiziert wurde, belegt, dass die Schüler, die regelmäßig einen Computer benutzen, deutlich bessere Schulleistungen vor allem im Fach Mathematik vorweisen. Sie haben ein überdurchschnittliches Selbstvertrauen bei der Lösung von Routineaufgaben und sind versierter bei der Lösung von komplexen Aufgaben. Dass die positiven Effekte der Computernutzung auf die Schulleistungen insgesamt je nach Schulart variieren, konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Tatsächlich spielen sozioökonomische Faktoren insofern eine Rolle, als dass die technische Ausstattung Geld kostet. Technische Versorgungslücken an Schulen können von Familien, deren Kinder das Gymnasium besuchen, aufgrund der tendenziell besseren ökonomischen Situation eher ausgeglichen werden.
Die reisenden Schüler bringen die besten Voraussetzungen mit, um von den Vorteilen, die das internetgestützte Lernen bietet, zu profitieren: Sie sind von klein auf an Selbstständigkeit gewöhnt und die modularen Unterrichtsmedien sind ideal für ihre besonderen Lernvoraussetzungen. Im Gegensatz zu den Regelschülern sind die elektronischen Medien für sie nicht nur willkommene Abwechslung zum normalen Unterricht und eine zusätzliche Qualifikationsmöglichkeit im Bereich der Medienkompetenz, sondern sie sind entscheidend, um einen Schulabschluss zu erreichen.
Weitere Informationen
www.schule-unterwegs.de: Länderübergreifendes Informationsangebot rund um das Thema mobiles Lernen für Schüler beruflich reisender Eltern.
www.learn-line.nrw.de: Liste der Ansprechpartner in Deutschland für Lernen auf Reisen.
newscontact( at )oecd.org: Bestellmöglichkeit der OECDStudie „Are Students ready for a technology-rich world?“, Januar 2006
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