Bereit für die Zukunft
Welche Kompetenzen Kinder und Jugendliche brauchen, um die Zukunft meistern zu können, beschreibt das Konzept der Future Skills. Im Interview spricht Experte Florian Rampelt über das Lernen von morgen und über die Frage, welche Fähigkeiten unerlässlich bleiben. Von Roman Eisner
08.07.2026 Bundesweit Artikel didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernendidacta: Welche Bildung brauchen Kinder und Jugendliche, um sich in der volatilen und technologiegeprägten Welt der Zukunft zurechtzufinden?
Florian Rampelt: Die Bildung von Kindern und Jugendlichen sollte immer darin bestehen, dass das souverän und mündig handelnde Individuum im Mittelpunkt steht – ganz unabhängig von Technologien. Diesen Anspruch sollten wir nicht vergessen. Bildung muss junge Menschen dazu befähigen, mit allen Unwägbarkeiten umgehen zu können, die unsere Welt mit sich bringt. Der Wandel durch digitale Technologien und Künstliche Intelligenz, den wir aktuell erleben, steht nur beispielhaft für die immer wiederkehrende Frage, welche Kompetenzen wichtig sind, damit Menschen jeden Alters ihre Zukunft aktiv mitgestalten können. Aktuell herrscht bei dieser Frage in unserer Gesellschaft große Verunsicherung.
Florian Rampelt leitet im Stifterverband den Bereich „Future Skills & KI“ sowie die Geschäftsstelle der Lernplattform KICampus. Der Bildungs- und Erziehungswissenschaftler forscht zu zukunftsfähiger Ausund Weiterbildung für die digitale Transformation.
Woher kommt diese Verunsicherung?
Wir haben uns zu lange mit den vermeintlich festen traditionellen Wissensbeständen und den klassischen Lernformaten beschäftigt – und zu wenig mit der Herausforderung und Chance, wie wir mit der unklaren Zukunft umgehen und diese mitentwickeln können. Wir müssen erkennen, dass jedes Individuum in seinem Bildungsprozess in eine Gemeinschaft eingebettet ist. Das Miteinander, die Kooperation und Kollaboration sind elementare Bestandteile von Bildung. Nur gemeinsam können wir die unsichere Zukunft mitgestalten.
Das Future-Skills-Framework 2030 des Stifterverbandes teilt Kompetenzen ein in grundlegende, transformative, digitale, gemeinschaftsorientierte und technologische. Was steckt hinter dieser Einteilung?
Future Skills sind die Handlungskompetenzen, die Menschen brauchen, um in den nächsten fünf Jahren souverän in einer Welt im Wandel agieren zu können – völlig egal, ob ich ein Grundschulkind, Medizinstudentin, angehende Lehrkraft oder schon lange im Beruf tätig bin. Die grundlegenden, die transformativen und die digitalen Kompetenzen sind ausnahmslos für alle relevant. Dazu zählt in den kommenden Jahren ganz besonders auch AI Literacy. Hinzukommen noch gemeinschaftsorientierte Kompetenzen für alle, da der gesellschaftliche Wandel auch eine Herausforderung für unsere demokratische Kultur mit sich bringt. Technologische Kompetenzen ergänzen das in der Spitze. Dabei geht es darum, die Expertise Einzelner auszubilden in Bereichen, die für den Wirtschaftsstandort Deutschland zentral sind – also etwa in Data Science, Robotik, Cybersecurity und KI.
Welche Rolle spielen transformative Kompetenzen, die dazu befähigen, selbst den Veränderungsprozess mitzugestalten?
Die Innovationskompetenz ist hier unerlässlich: also die Fähigkeit, nützliche und wirksame Neuerungen im Beruf oder Privatleben zu entwickeln. Zu transformativen Zukunftskompetenzen gehört aber auch die Resilienz – die Kompetenz, konstruktiv mit Belastungen und Veränderungen umzugehen. Denn wir müssen ehrlich sein: Transformationen bringen nicht nur Chancen, sondern auch Herausforderungen für viele Menschen mit sich. Resilienz hilft beim Umgang mit diesem Prozess. Ebenso die Nachhaltigkeitskompetenz. Menschen brauchen die Fähigkeit, ihr eigenes und das gemeinschaftliche Handeln auf eine nachhaltige, ökologische Entwicklung hin auszurichten.
Wie können Lehrkräfte und Schulen die transformativen Kompetenzen junger Menschen stärken?
Indem sie im Unterricht Freiräume schaffen und Kinder und Jugendliche dazu ermutigen, eigene Ideen zu entwickeln. Denn alle Kompetenzen bedingen sich gegenseitig. Wenn ich die Selbstwirksamkeitserwartung habe, dass ich mit einer Innovation die wünschenswerte Zukunft mitgestalten kann, dann macht mich das auch resilient. Ein stärker projektorientierter Unterricht fördert dieses unternehmerische Denken und Handeln aktiv. Die positive Auseinandersetzung mit den Herausforderungen und Chancen der Zukunft muss im Unterricht beginnen. Das erfordert Spielräume auch über die Fächergrenzen hinweg.
Um Future Skills zu stärken, braucht es also kein eigenes Schulfach?
Ein eigenes Fach ist nicht nötig. Fächerübergreifende Ansätze haben mehr Potenzial, denn einzelne Future Skills passen jeweils besser oder weniger gut in unterschiedliche Fächer. Das grundlegende Fachwissen, das Kinder und Jugendliche etwa in Deutsch, Mathematik oder Geografie erwerben, ist natürlich weiterhin notwendig. Aber der Fachunterricht sollte sich weniger auf reine Wissensvermittlung und Prüfungen fokussieren, sondern offener werden, um Future Skills zu stärken.
Inwiefern haben die Lehrpläne der deutschen Bundesländer und Schulformen bereits Anknüpfungspunkte, um die Future Skills zu integrieren?
Future Skills sind bereits in manchen Lehrplänen enthalten, es gibt zum Beispiel seit Jahren eine umfassende Auseinandersetzung mit Kompetenzen in der digitalen Welt. Unser aktualisiertes Framework mit 30 Zukunftskompetenzen soll Orientierung schaffen, um Curricula flexibel zu ergänzen und Menschen schneller das Erlernen der für sie notwendigen Kompetenzen zu ermöglichen. Um das deutlich zu machen: Die Future Skills ebenso wie die vier K‘s – Kritisches Denken, Kommunikation, Kollaboration, Kreativität – sind weniger eine Frage der Inhalte. Ein Lernziel wie „Ich habe Kommunikation gelernt“ ist sinnlos. Es geht vielmehr um Methoden und Formate, in denen Lernen erfolgreich stattfinden kann. In einem zukunftsorientierten Unterricht erwerben Schülerinnen und Schüler neue Kompetenzen dadurch, dass etwa Kommunikation und Kollaboration selbstverständliche Bestandteile des Miteinanders sind.
Würde die Streichung von Inhalten aus den Lehrplänen zu mehr Spielraum führen, um Zukunftskompetenzen zu integrieren?
Das eine gegen das andere auszuspielen, wäre ein Fehler. Dennoch müssen überfrachtete Lehrpläne schlanker und unnötige Wissensabfragen im Unterricht reduziert werden. Etwas auswendig zu lernen und dann vorzutragen, hat keine Relevanz für unser späteres berufliches oder privates Leben. Gleichzeitig ist in einer Welt im Wandel Fachwissen und auch ein Grundverständnis von Spezialthemen wichtiger denn je, zum Beispiel zu KI. Ich brauche als souverän handelndes Individuum immer eine kritische Distanz zu KI und ihren Outputs. Das kann ich nur, wenn ich ein solides Wissen habe, welche Möglichkeiten und Grenzen eine Technologie hat, aber auch, was einen qualitätsvollen Text ausmacht oder wie die Lösung einer mathematischen Gleichung auszusehen hat. Unser individuelles Fachwissen mit neuen Technologien, aber auch mit klaren Werthaltungen zu verknüpfen, ist der vielversprechendste Weg in die Zukunft.
Sie arbeiten aktuell am AILit-Framework der OECD mit, einem KI-Kompetenzrahmen. Welche Kompetenzen erfordert der Umgang mit KI?
Das Framework definiert vier Domänen dafür, wie Schülerinnen und Schüler mit KI interagieren. „Engaging with AI“ meint zum Beispiel die Interaktion mit KI-Tools im Alltag, „Creating with AI“ die kreative Zusammenarbeit mit KI. Entscheidend sind aber die 22 Kompetenzen hinter diesen Domänen, die sich immer aus Wissen, Handlungskompetenzen und Werthaltungen zusammensetzen – etwa die Fähigkeit zu beurteilen, ob man das Ergebnis einer KI akzeptieren, überarbeiten oder ablehnen sollte. Diese Kompetenzen verbindet das AILit-Framework mit Bildungsszenarien für die Primar- und Sekundarstufe.
KI also auch schon in der Grundschule?
Ja, in Deutschland erkennen Menschen laut Umfragen noch viel zu selten, worin überall KI steckt. Die neue JIM-Studie beweist aber gleichzeitig, dass KI bereits zum Alltag der allermeisten Schülerinnen und Schüler gehört. Deswegen können und sollten wir dieses Thema in keinem einzigen Schulfach ausschließen. KI überhaupt zu erkennen, ist eine zentrale Kompetenz, die von Anfang an, also bereits in der Grundschule gefördert werden sollte. Denn erst mit dem Wissen, wo überall KI zur Anwendung kommt, können sich Kinder und Jugendliche mit den weiteren Anforderungen von KI auseinandersetzen.
Wie würde das in der Grundschule aussehen?
Grundschullehrkräfte können ihre Schülerinnen und Schüler zum Beispiel ein sprachgeneratives KI-Tool nutzen lassen, um einen Witz zu generieren. Die Kinder müssten sich überlegen: Ist der Witz der KI gelungen? Was macht einen guten Witz aus? Wie kann ich meine Prompts so gestalten, dass der Witz besser wird? Das sind simple Aufgaben, die für Grundschulkinder greifbar sind und die aktive Auseinanderset - zung mit den Möglichkeiten und Grenzen von KI fördern. Das größte Risiko bei Technologien ist die Abhängigkeit, die unser eigenes Denkvermögen immer weiter reduziert. Nur wenn sich Schülerinnen und Schüler mit Technologien wie KI aktiv auseinandersetzen und sie selbst gestalten, können wir eine solche unreflektierte Abhängigkeit verhindern.
Die Leistungen deutscher Schüler/-innen beim Lesen, Schreiben und Rechnen sinken. Drohen beim Fokus auf Future Skills und KI die Basiskompetenzen verloren zu gehen?
Nein, aber wir haben keine andere Wahl, als beides miteinander anzugehen. Es bleibt weiterhin zentral, dass wir Schülerinnen und Schüler etwa für das Lesen begeistern. Technologien bieten dafür Potenziale, aber auch große Risiken. Deswegen müssen wir uns damit beschäftigen, wie wir das konzentrierte Lesen, das Schreiben eigener Texte und das Rechnen für junge Menschen weiterhin attraktiv gestalten – unter Anerkennung der Realität, dass digitale Medien den Alltag von Schülerinnen und Schülern prägen.
Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in:
didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 1/2026, S. 6-9, www.didacta-magazin.de
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