Heidelberger VersuchskABInchen

(Janna Kuchenbäcker) In Baden-Württemberg werden in diesen Tagen die ersten Abiturienten nach dem vor zwei Jahren eingeführten neuen Kurssystem geprüft. Der Klett-Themendienst fragte zwei Schülerinnen des Heidelberger Elisabeth-von-Thadden-Gymnasiums nach ihren Erfahrungen.

05.07.2004 Artikel

"Und? Welche LKs hast du gewählt?" Diese Frage hörten die beiden Gymnasiastinnen Lea (19) und Eva (20) in den Anfangstagen der Oberstufenreform sehr oft. "Blöde Frage", hat Eva dann oft im Stillen gedacht, "Ich habe ja gar keine Wahl mehr."Die Begeisterung über das neue Oberstufensystem, das vor zwei Jahren in Baden-Württemberg eingeführt wurde, hält sich in Grenzen. Lea und Eva vom Elisabeth-von-Thadden-Gymnasium in Heidelberg gehören zu den 37 200 baden-württembergischen Prüflingen, die ihren Schulabschluss erstmals unter neuen Abi-Bedingungen machen müssen.

Leistungs- und Grundkurse ade, seit zwei Jahren ist die Oberstufe in drei Kernkompetenzfächer, ein Profilfach und ein Neigungsfach gegliedert. Außerdem werden vier 'andere Formen von Leistungsnachweisen' erbracht. Das können Hausarbeiten, Projekte, Präsentationen, Praktikums-Berichte, Referate oder experimentelle Arbeiten sein. Außerdem werden in der 12. Klasse Seminarkurse angeboten, die als Ersatz für eine mündliche Prüfung zählen. Kreativität, selbstständiges Arbeiten und Präsentationskompetenz werden stärker gefördert. Die Auswahlmöglichkeiten sind dadurch jedoch stark geschrumpft. Lieblingsfächer können nicht mehr als einzige Schwerpunkte gewählt werden, 'Aversionsfächer' bleiben auf dem Stundenplan.

Die Mathe-Kluft

Mit dieser neuen Oberstufe werden Sie in Verbindung mit den neuen Lehrplänen eine solide und zukunftsfähige Basis für den Übergang in die Hochschule oder den Beruf erhalten, verspricht die Kultusministerin von Baden-Württemberg, Dr. Annette Schavan, im Leitfaden für die gymnasiale Oberstufe. Die Schüler wittern dahinter allerdings noch andere Gründe: "Vielleicht will man damit auch erreichen, dass es weniger Abiturienten gibt, damit die Unis nicht so überlastet sind - eine Art Auslese", vermutet Eva insgeheim. Sie räumt aber auch ein, dass das neue Oberstufensystem eine breitere Allgemeinbildung fördere.

Die Achillesferse am neuen System, so die Kritik von vielen Schülerinnen und Schülern, sei das Fach Mathematik. Warum man diese 'Kunst' für die weitere Laufbahn brauche, ist vielen Schülern ein Rätsel. Lea, der das Fach generell sehr liegt, bemängelt die Kluft zwischen den Kursteilnehmern: "Jetzt werden alle in einen Topf geworfen. Die guten Schüler langweilen sich in Mathe und fühlen sich unterfordert, die weniger begabten kommen nicht mit und geben irgendwann auf." Auch ihre Freundin Eva hat aus diesem Grund resigniert: "Für das Mathe-Abi habe ich zwar schon viel getan, aber ich habe nicht mehr den ganzen Stoff der letzten zwei Jahre durchgeackert. Das hätte mich total demotiviert und vor der Prüfung zusätzlich verunsichert." Das Pensum im neuen Kompetenzfach-Lehrplan sei zu groß, der Stoff zu schwer gewesen. Eva hat, wie 50% ihrer Mitschüler auch, einen Nachhilfe-Kurs für Mathematik gemacht: "Sonst wär´ ich gar nicht über die Runden gekommen."

Auch Lehrer verunsichert

Bei Einführung der Oberstufenreform seien auch die Lehrer etwas 'verwirrt' gewesen, keiner kannte sich mit den komplizierten neuen Regeln genau aus. "Unsere Lehrer haben sich, glaube ich, ganz schön allein gelassen gefühlt", erzählt Lea. "Anfangs waren sie teilweise richtig wütend, aber das ist inzwischen abgeebbt." Eva und Lea hatten nicht das Gefühl, als 'Versuchskaninchen' des Oberschulamts benachteiligt zu sein. "Ich glaube eher, dass die Lehrer in diesem Jahr noch etwas nachsichtiger waren", sagt Eva. Nächstes Jahr werden sie auf ihren Erfahrungen aufbauen können. Obwohl sie die Grundidee des neuen Kurssystems für richtig halten, sind die beiden Abiturientinnen der Meinung, dass die Reform zu wenig von 'oben' unterstützt wurde. Daher auch ihr Motto: 'VersuchskABInchen - Experiment gescheitert'.

Nicht so schlimm wie erwartet

Trotz Mathe und 'VersuchskABInchen': Lea ist froh, dass sie nicht nach dem alten System Abi macht. "Ich hätte sonst Englisch und Mathe als LKs gewählt - und wäre mit Englisch ganz schön auf die Nase gefallen. In der Oberstufe sieht das Fach ganz anders aus!", erzählt sie. Jetzt erst hat sie festgestellt, dass ihr Physik am meisten liegt. Durch das neue System ist sie nicht auf zwei Fächer festgelegt, die sie dann besonders gut beherrschen muss, stattdessen fließen fünf Fächer gleichwertig in die Abitur-Note mit ein - die Ausgleichmöglichkeiten sind besser. Insgesamt aber kann weder Lea noch Eva sagen, welches System ihnen mehr liegt und welches mehr Stress bedeutet; schließlich machen sie das erste (und höchstwahrscheinlich letzte) Mal in ihrem Leben das Abitur und haben keine Vergleichsmöglichkeiten. Jetzt werden die Pennäler in vier Fächern schriftlich und zwei Fächern mündlich geprüft statt wie bisher in drei Klausuren und einer mündlichen Prüfung. "Nach dem Anfangshype wird über das neue System eigentlich auch gar nicht mehr diskutiert. Ändern kann man sowieso nichts mehr. Und letztendlich war es überhaupt nicht so schlimm wie erwartet", meint Eva. "Wir haben eigentlich erst in den Osterferien mit dem Lernen angefangen", gestehen die beiden lachend. Nach ungefähr vier Stunden täglicher Lernzeit gönnen sie sich zurzeit auch noch viel Entspannung. Für die Lehrer sei das neue Abi allerdings stressiger, da sie nun noch mehr Abi-Klausuren korrigieren müssen.

Mehr Praxisnähe

Auch wenn es zu Beginn der 12. Klasse ein ganz schönes Chaos war und es mal 'Hü', mal 'Hott' hieß - einige Neuerungen im Oberstufensystem erscheinen auch Lea und Eva sinnvoll: Die anderen Formen der Leistungsnachweise, sie heißen mal ALF (Allgemeine Lernleistungsfeststellung), mal GFS (Gleichwertige Feststellung der Schülerleistung), sind eine gute Vorbereitung auf das Leben nach dem Abi. Der Aufwand sei größer als für normale Klausuren, und nicht immer bedeute selbstständiges Arbeiten, dass das Gelernte auch besser im Gedächtnis haftet. Insgesamt hatten die beiden Schülerinnen jedoch Spaß mit ihren vier GFS-Projekten. Eva hat z. B. einen kleinen Film gedreht, Lea eine Präsentation im Fach Biologie erarbeitet. "Das war viel näher an der Praxis als der ganze Theorie-Kram, den wir immer für die Klausuren lernen müssen", hält Lea fest. "Es war eine gute Übung." Die zukünftige Abiturientin möchte Zahnmedizin studieren, während Eva die Journalistik im Auge hat. Ihrer Meinung nach erfordert jeder Beruf die Fähigkeit, sich selbst zu präsentieren.

Faires Abi

Die vier schriftlichen Prüfungen haben Lea und Eva glücklich hinter sich gebracht. "Insgesamt war es ein faires Abi", meint Lea. "Außer Mathe", fügt Eva klagend hinzu. "Aber danach waren wir alle natürlich erst mal ganz schön geschafft."

Autorin/Ansprechpartnerin

Janna Kuchenbäcker
Ernst Klett Verlag
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