Inklusive Bildung

Inklusion ja – aber wie?

Wie steht es um die inklusive Schule in Deutschland? Wie weit sind die einzelnen Bundesländer und welche Konzepte sind zukunftsfähig? Sollen alle Förderschulen aufgelöst werden, oder sollen spezielle Fördereinrichtungen erhalten bleiben? Antworten dazu von zwei Experten: Prof. Dr. Bernd Ahrbeck vom Institut für Rehabilitationswissenschaft der Humboldt Universität zu Berlin und Prof. em. Dr. Ulf Preuss-Lausitz vom Institut für Erziehungswissenschaften der Technischen Universität Berlin.

17.04.2013 Artikel
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Bernd Ahrbeck: "Inklusion darf kein totalitäres Unternehmen sein"


Herr Ahrbeck, Sie gehören nicht zu den Befürwortern der Inklusion …

Bernd Ahrbeck: Das kann ich so nicht bestätigen. Ich denke nur, Inklusion kann und darf kein totalitäres Unternehmen sein. Also ein solches Unternehmen, das keinerlei institutionelle Differenzierung mehr zulässt. Ich bin sehr dafür, dass es mehr gemeinsame Beschulung gibt. Wir brauchen ganz deutlich sehr viel weniger Schulen, insbesondere Lernbehindertenschulen. Aber ich bin nicht der Auffassung, dass man auf diese Schulen in jedem Einzelfall wirklich verzichten kann.

<iframe width="484" height="272" src="http://www.youtube.com/embed/UWJ1hy-1KME" frameborder="0" allowfullscreen></iframe> Das differenzierte Sonder- und Förderschulschulsystem soll also erhalten bleiben?

Bernd Ahrbeck: Ja. Ich würde das so erhalten, weil insbesondere die Länder, die besonders integrationserfahren und -bereit sind wie die skandinavischen Länder auch auf institutionelle Differenzierung nicht verzichten. Es gibt in Finnland 1,2% klassische Sonderschulen und 2,7% von Kindern, die in speziellen Klassen unterrichtet werden, also separiert von Anderen. Das sind 3,9% aller Schüler und das ist eine beträchtliche Zahl. Offensichtlich haben die langjährigen Erfahrungen eben dazu geführt, dass dieses pädagogisch sinnvoll ist.

Sie sagen, die Bundesländer würden um die höchste Inklusionsquote konkurrieren, manchmal sogar mit dubiosen Zahlen. Haben Sie Belege?

Bernd Ahrbeck: Ich entnehme die Erkenntnis zum Beispiel aus dem bremischen Schulgesetz in dem steht, Kinder mit Lern- und Verhaltensproblemen und Sprachproblemen können in speziellen Einrichtungen untergebracht werden. Wenn dies in einer Dauer bis zu zwei Jahren geschieht, zählen sie trotzdem als inkludierte Schüler, weil sie Schüler der abgebenden Schule bleiben. Das halte ich nicht für korrekt und viele Bundesländer nehmen Einrichtungen in anderen Bundesländern in Anspruch, ohne dass dies öffentlich deklariert wird.

Wie wird sich Inklusion im deutschen Schulsystem entwickeln?

Bernd Ahrbeck: Positiv. Ich denke, es wird sehr viel mehr Gemeinsamkeit geben. Es wird sehr viel weniger Lernbehindertenschulen geben, das halte ich für außerordentlich wichtig. Aber es wird einen Rest, das zeigt die Erfahrung, wie auch die Theoriebildung, an institutioneller Differenzierung geben müssen. Insbesondere zum Beispiel für Kinder, die in der Gebärdensprache aufwachsen. Die brauchen einander weil sie sonst nicht vernünftig kommunizieren können. Und es gibt weltweit keine Modelle, wo schulisch völlig auf spezielle Einrichtungen für Kinder mit massiven Verhaltensstörungen verzichtet wird. Das steht übrigens auch in den Beitexten zur UN-Konvention.

Ulf Preuss-Lausitz: "Die allgemeine Förderschule sollte aufgelöst werden"

Herr Preuss-Lausitz, im März 2009 hat sich Deutschland durch die Ratifizierung UN-Behindertenrechtskonvention zur Inklusion verpflichtet. Wie weit ist die inklusive Schule heute?

Ulf Preuss-Lausitz: Die Länder stehen unterschiedlich weit. Es gibt Länder mit hoher Inklusionsquote. Aber es gibt auch Bundesländer, die sind noch sehr weit zurück, wo also der Entwicklungsprozess deutlich vorangetrieben werden muss, damit hier sich überhaupt etwas entwickelt. Entscheidend ist, dass die Eltern das Recht haben, ihr Kind in die Allgemeine Schule bringen zu können.

<iframe width="484" height="272" src="http://www.youtube.com/embed/R7op6ZyjPMo" frameborder="0" allowfullscreen></iframe> Sollen Regelschulen und Sonderschulen weiterhin nebeneinander existieren?

Ulf Preuss-Lausitz: Das ist in Bezug auf Sinnes- und Körperbehinderte möglicherweise sinnvoll. Wenn es allerdings um den ländlichen Raum geht, dann würde ich auch bei diesen Kindern sagen, es macht eigentlich keinen Sinn, sie in weit entfernte Sonderschulen zu schicken, womöglich dann noch mit Heimplatz. Da ist es dann besser, familienfreundliche Lösungen vor Ort zu finden. Allerdings mit zusätzlicher Unterstützung. Für die allgemeine Förderschule halte ich es für nicht sinnvoll. Diese Schule sollte aufgelöst werden, jahrgangsweise, schrittweise. Weil der Lerneffekt und auch die sozialen Effekte hier eher ungünstig sind.

Was sagen Sie Lehrern, die am Erfolg der Inklusion zweifeln?

Ulf Preuss-Lausitz: Also diesen Kolleginnen und Kollegen sage ich immer: Erstens, den gemeinsamen Unterricht gibt es schon länger, da gibt es Erfahrungen von anderen Kollegen, machen wir doch gegenseitige Hospitationen. Also ein peer-to-peer System. Das halte ich als Fortbildungssystem für sehr sinnvoll und wir haben gute Erfahrungen damit gemacht. Zweitens würde ich fragen: Was sind denn die Alternativen für diese Kinder? Und wie können wir eure Akzeptanz entwickeln und auch das Gefühl, ich kann das? Da sage ich: Fortbildung, Fortbildung, Fortbildung. Als Angebot. Und ihr entscheidet, welche Themen ihr dabei diskutieren wollt. Heutzutage ist es sowieso so, dass Heterogenität im Unterricht ohnehin das zentrale Thema ist. Sowohl auf der Ebene der kognitiven Voraussetzung als auch auf der Ebene des Sozialverhaltens.

Wird die inklusive Schule in ein paar Jahren ganz selbstverständlich sein?

Ulf Preuss-Lausitz: Ja, ich sehe eine positive Entwicklung weil wir ja gezwungen sind, die UN-Konvention zu realisieren. Das heißt, der Handlungsdruck ist bei allen Akteuren - ob das das Land ist, ob das die Lehrkräfte sind, die Einzelschulen oder auch die Schulträger - relativ groß. Und die Widerstände, die natürlich vorhanden sind und auch die Bedenken, soll man ernst nehmen. Aber man soll auch pragmatische Lösungen entwickeln und nicht abwarten. Ich würde immer Schritt für Schritt die Sachen realisieren und die Probleme ihren Lösungen zuführen.

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