Bayern

Lehrer in Aufruhr!

Bayerns Lehrkräfte sind in Aufruhr. Dies wurde bereits am ersten Tag der Hauptversammlung des Bayerischen Philologenverbandes (bpv) in Deggendorf deutlich, zu der sich bis Samstag rund 200 Vertreter der Gymnasien und Beruflichen Oberschulen aus ganz Bayern treffen. Schuld daran sind die jüngsten Sparvorhaben der Staatsregierung zulasten der Beamtenschaft sowie Äußerungen von Ministerpräsident Seehofer zum Beamtenstatus von Lehrkräften. Weitverbreitet unter den Delegierten ist im Jahr des doppelten Abiturientenjahrgangs auch die Sorge um die Qualität und die weitere Entwicklung des Gymnasiums.

26.11.2010 Pressemeldung Bayerischer Philologenverband (bpv)

bpv-Vorsitzender Schmidt: Sparbeschlüsse ungerecht und nicht nachvollziehbar

Max Schmidt, der seit 2001 amtierende und in Deggendorf mit 80 Prozent der Stimmen wiedergewählte Vorsitzende des Philologenverbandes, forderte die Staatsregierung zur Revision ihrer jüngsten Sparbeschlüsse auf: "In einer Zeit, in der die Wirtschaft boomt und die Steuereinnahmen sprudeln wie nie, sind solch drastische Sparmaßnahmen wie Nullrunde und die Aussetzung von Leistungselementen für die Beamtenschaft weder einzusehen noch vermittelbar!" Als besonders ungerecht bezeichnete Schmidt die vorgesehene Absenkung der Eingangsbesoldung für Berufseinsteiger. Nach bpv-Berechnungen müssten sich Junglehrer darauf einstellen, möglicherweise über 500.- Euro brutto weniger zu bekommen. Schmidt dazu wörtlich: "Das ist himmelschreiend! Wo die Wirtschaft Lohnerhöhungen vorzieht und Sonderzahlungen an die Beschäftigten ausschüttet, vergrault der Freistaat motivierte und qualifizierte Lehrkräfte, die an unseren Schulen dringend gebraucht werden. Verantwortungsvolle und vorausschauende Personalpolitik sieht anders aus!" Bereits jetzt haben sich auf der Homepage des Philologenverbandes unter www.bpv.de über 7.500 Kolleginnen und Kollegen gegen die Absenkung der Einstiegsbesoldung ausgesprochen.

Schmidt kündigte an, Kultusminister Dr. Spaenle als Mitglied der Staatsregierung im Rahmen des Festaktes seines Verbandes am Freitagnachmittag mit der Kritik der bayerischen Lehrerschaft an den Sparbeschlüssen des Ministerrates deutlich zu konfrontieren.

Für die Staatsregierung erwarten sich die rund 400 Teilnehmer des Festaktes in der Deggendorfer Stadthalle ein klares Bekenntnis aus dem Munde des bayerischen Kultusministers zum Beamtenstatus für Lehrkräfte. Mit seiner nicht nachvollziehbaren Äußerung, so der bpv-Vorsitzende, drohe der Ministerpräsident nicht nur das Vertrauen der über 110.000 bayerischen Lehrkräfte zu verspielen: "Unsere Nachwuchslehrer sind zutiefst verunsichert. Viele überlegen sich die Bewerbung in anderen Bundesländern. Dabei ist ein ´Braindrain´ an Lehrkräften das letzte, was nach qualifizierten Lehrkräften japsende Gymnasien und Berufliche Oberschulen gebrauchen können!"

Sorge um das gymnasiale Profil

Zunehmend besorgt ist die bayerische Gymnasiallehrerschaft auch über einen schleichenden Qualitätsverlust ihrer Schulart zum Schaden der Schülerinnen und Schüler. Dies beziehe sich nicht allein auf diverse Erleichterungen für den doppelten Abiturientenjahrgang. Kritisch sieht die Lehrerschaft u.a. auch die Aufweichung der Voraussetzungen für den Übertritt, die es inzwischen selbst sehr mittelmäßigen Schülern erlaubt, ein Ticket für diesen anspruchsvollen Bildungsgang zu lösen. Der Philologenverband erinnerte bei seiner Deggendorfer Tagung an die offizielle Definition des Gymnasiums als einer Schule für Schülerinnen und Schüler, "die", so wörtlich, "sich aufgrund ihrer Begabung, ihrer Einsatzfreude, ihres Leistungsvermögens und ihrer Leistungsbereitschaft für ein Studium und für herausgehobene berufliche Aufgaben eignen. (…) Schüler des Gymnasiums sollen geistig besonders beweglich und phantasievoll sein, gern und schnell, zielstrebig und differenziert lernen sowie über ein gutes Gedächtnis verfügen. Sie müssen die Bereitschaft mitbringen, sich ausdauernd und unter verschiedenen Blickwinkeln mit Denk- und Gestaltungsaufgaben auseinanderzusetzen." Von den Lehrkräften wird seitens des Dienstherrn verlangt, dass sie diesbezüglich "hohe Erwartungen in ihre Schüler setzen." Das bedeutet zugleich, dass das Gymnasium eine Schulart ist, die unabhängig von sozialer oder ethnischer Herkunft vom Grundsatz her allen Schülern offen steht und offen stehen muss - aber es ist tendenziell immer eine Schule für eine Minderheit und nicht die Mehrheit der Schülerschaft. Übertrittsquoten von regional bereits 50 Prozent und mehr sind daher mit den originären Zielsetzungen und dem Charakter dieser Schulart nicht vereinbar. Auf Dauer führen solche Übertrittsquoten zwangsläufig zu der auch in Bayern bereits beobachtbaren Verwässerung ihres Profils und zur Schwächung ihrer Leistungsfähigkeit zum Schaden der wirklich gymnasialen Schülerschaft.

Der bpv-Vorsitzende plädiert daher dafür, die Konturen des Gymnasiums nachzuschärfen. Das betreffe seine Inhalte, seine Strukturen und seine Schülerschaft. Schmidt forderte in Deggendorf: "Wir dürfen an die Lehrpläne nicht mit der primären Fragestellung herangehen: Was ist da zu viel drin und was kann weggelassen werden? Und auch nicht: Wie müssen die Inhalte gestaltet sein, damit möglichst viele Schüler ein Abitur bekommen? Sondern wir sollten uns die schwierigere Frage stellen, welche Inhalte wir zu unserem überdauernden und unverzichtbaren kulturellen und wissenschaftlichen Kernbestand zählen. Wir sollten den Mut aufbringen, für das Gymnasium einen grundlegenden inhaltlichen Kanon zu benennen, von dem wir überzeugt sind, dass es sich dabei um fundamentale, essenzielle Wissensbestände handelt; um Inhalte, die unseren Schülern im Hinblick auf ihren weiteren Lebensweg grundlegende Orientierungen, und zwar intellektueller wie ethischer Art, zu vermitteln vermögen."

Der Vorsitzende des Philologenverbands kritisierte, dass mit der Verkürzung des Gymnasiums Schülern und Lehrern weniger Zeit für diesen anspruchsvollen Auftrag zur Verfügung stehe: "Trotz der guten Intensivierungsstunden haben wir zu wenig Zeit für Übungsphasen. Das betrifft auch die Kernfächer. Sie müssten im G8 durchgängig mindestens vierständig bis zum Abitur unterrichtet werden. Es ist auch nicht einzusehen, warum man Unterstufenschülern nicht wenigstens ein Mal in der Woche Nachmittagsunterricht zumuten könnte. Das ist falsche Sentimentalität. Ein achtjähriges Gymnasium, das ohne Qualitätsverlust und ohne unzumutbare Belastung für unsere Schüler auf Dauer funktionieren soll, ist nach meiner Überzeugung nur als echtes, gut ausgestattetes Ganztagsgymnasium machbar."

Der Festakt mit Kultusminister Dr. Spaenle als Hauptredner beginnt um 14.30 Uhr;

Medienvertreter sind dazu herzlich eingeladen.


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