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„Migration ist kein Sonderfall, sondern ein Normalzustand.“

Prof. Dr. Karim Fereidooni forscht zu Rassismus in pädagogischen Institutionen und sensibilisiert Lehrkräfte für Diversität. Inwiefern Rassismus auch im deutschen Bildungssystem präsent ist und wie Vielfalt an Schulen gelingen kann, erklärt Fereidooni im Interview.

04.02.2020 Bundesweit Artikel Sahra Amini
  • © Karim Fereidooni Dr. Karim Fereidooni ist Juniorprofessor für Didaktik der sozialwissenschaftlichen Bildung an der Ruhr-Universität Bochum und forscht über Rassismus an Schulen.

    Dieses Bild kann unter Angabe der Bildquelle für die redaktionelle Berichterstattung im Rahmen des Interviews verwendet werden.

Prof. Dr. Fereidooni, inwiefern ist Rassismus im deutschen Bildungssystem präsent?
Im deutschen Bildungswesen spielen sich mehrere Formen von Rassismus ab. Lehrkräfte beispielsweise werden als weniger kompetent wahrgenommen, wenn sie nicht typisch deutsch aussehen. Wenn Kollege Fereidooni einen Fehler an der Tafel macht, dann ist das kein Flüchtigkeitsfehler, sondern wird darauf zurückgeführt, dass er zu spät Deutsch gelernt hat und deswegen ein Defizit aufweist. Lehrkräfte mit Migrationshintergrund müssen sich stärker bemühen, um als gleichberechtigt zu gelten. Auch institutionelle Diskriminierung spielt eine Rolle im deutschen Bildungssystem, wenn Schülern keine geeigneten Angebote für ihre Konfession oder Erstsprache zur Verfügung gestellt werden. Das liegt dann nicht an den Lehrkräften, sondern an Gesetzen, Normen und Strukturen, die von der Institution vorgegeben werden. Aber auch direkter Rassismus tritt in der Schule auf. Die meisten diskriminierenden Handlungen gehen jedoch nicht von Schülern, sondern von Vorgesetzten und Kollegen aus. Rassismus hat nämlich immer etwas mit Macht zu tun.

Wie wirkt sich die Fluchtmigration der letzten Jahre auf Bildungseinrichtungen aus?
Deutschland ist eine Migrationsgesellschaft und Migration wirkt sich auf alle gesellschaftlichen Teilbereiche aus. Wir sollten verstehen, dass Migration kein Sonderfall ist, sondern ein Normalzustand. Unterrichtsmaterialien und Lehrerbildung müssen angepasst werden. In den letzten Jahrzehnten haben Personen mit Migrationshintergrund vergleichsweise weniger oft prestigeträchtige Bildungszertifikate erhalten. Das hat sich im Laufe der Zeit jedoch deutlich verbessert, auch ihnen gelingt der Bildungsaufstieg. Heute wissen wir, dass nicht die zugeschriebene oder faktische Herkunft das wichtigste Kriterium für Bildungserfolg ist, sondern der soziale Status. Aber auch die Schulform, der Schulstandort, der Aufenthaltsstatus und die Fähigkeit der Lehrkräfte mit Vielfalt umzugehen beeinflussen den Bildungserfolg von Migranten. Man sollte also nicht immer alles auf die Herkunft münzen. Diese Denkweise belastet unsere Bildungseinrichtungen und sollte nicht länger aufrechterhalten werden.

Vor welchen Herausforderungen stehen Lehrkräfte?
Die meisten Lehrkräfte glauben, sie hätten nichts mit Rassismus zu tun. Das ist aber falsch. Überall, wo Menschen zusammenkommen, spielen sich Ungleichheitsstrukturen ab. Im Curriculum für Geschichtslehrer und Politiklehrer steht, dass sie mit den Schülern Rassismus thematisieren sollen. Aber wie sollen Sie auf Vielfalt eingehen, wie sollen sie beispielsweise Antisemitismus ansprechen, wenn sie selbst nicht erkennen können, wann diese Fälle vorliegen? Lehrkräfte müssen verstehen, dass Rassismus ein Bestandteil ihrer eigenen Lebenswelt und der ihrer Schüler ist, um sich dagegen positionieren zu können. Wenn Lehrkräfte in ihrer Ausbildung für Rassismus sensibilisiert werden, kann Vielfalt an Bildungseinrichtungen funktionieren.

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Quellenangabe: Dieser Beitrag erschien zuerst im didacta Themendienst.

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