Baden-Württemberg

Schuljahr 2012/2013 bringt entscheidende Schritte auf dem Weg zu mehr sozialer Gerechtigkeit im Bildungswesen

Die Landesregierung hat bereits im ersten Jahr entscheidende Schritte unternommen, um für mehr soziale Gerechtigkeit im Bildungswesen zu sorgen. Durch drei Gesetzesänderungen gab es folgende Verbesserungen: die Verbindlichkeit der Grundschulempfehlung wurde abgeschafft, fast alle Hauptschulen – auch einzügige – sind Werkrealschulen geworden und im nun beginnenden Schuljahr gehen 42 Gemeinschaftsschulen an den Start.

05.09.2012 Pressemeldung Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg

"Wir haben umgesetzt, was wir nach dem Regierungswechsel angekündigt hatten. Damit sind wir unserem Ziel, jedem Mädchen und jedem Jungen den bestmöglichen Bildungsabschluss zu bieten, deutlich nähergekommen", betonte heute die Amtschefin des Kultusministeriums, Ministerialdirektorin Dr. Margret Ruep. Bislang gab es im stark gegliederten baden-württembergischen Schulsystem eine große Ungleichheit der Bildungschancen. Der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und einem erfolgreichen Schulabschluss war hier besonders stark ausgeprägt. Das hat sich vor allem bei Menschen mit Migrationshintergrund und bei sozial Benachteiligten negativ ausgewirkt.

Die Landesregierung setzte hierzu eine Reihe wichtiger bildungspolitischer Maßnahmen um.

"Pakt für Familien mit Kindern"

Die Landesregierung stärkte den vorschulischen Bereich, um mit der Förderung der einzelnen Kinder so früh wie möglich zu beginnen. Bildung und Betreuung wurden deshalb durch einen "Pakt für Familien mit Kindern" der Landesregierung mit den Kommunen entscheidend vorangebracht. Das Land übernimmt jetzt deutlich mehr Verantwortung und fördert die Betriebsausgaben für die Kleinkindbetreuung stärker als zuvor. Die Mittel werden um 315 Millionen Euro im Jahr 2012 und 325 Millionen Euro im Jahr 2013 erhöht. Ab 2014 wird das Land inklusive der Bundesmittel 68 Prozent der Betriebsausgaben für die Kleinkindbetreuung übernehmen. Mit diesem Pakt hat die neue Landesregierung den Ausbau der Betreuungsplätze für unter Dreijährige erheblich beschleunigt.

Der Pakt war auch der Durchbruch für die frühkindliche Sprachförderung aus einem Guss. Mit "Spatz", also "Sprachförderung in allen Tageseinrichtungen für Kinder mit Zusatzbedarf", besteht nun ein flächendeckendes Angebot des Landes für alle Kinder mit Förderbedarf ab dem dritten Lebensjahr.

Kooperation zwischen Kitas und Grundschulen

Um Kindern einen reibungslosen Übergang zwischen Kindergarten und Grundschule zu ermöglichen, soll die Zusammenarbeit zwischen Kindertageseinrichtungen und Grundschulen verstärkt werden. Für diese wichtige Aufgabe erhalten alle Grundschulen ab dem Schuljahr 2012/2013 in einem ersten Schritt eine Deputatsstunde. Im Endausbau wird jede erste Klasse eine Kooperationsstunde erhalten. Mit diesem Einstieg in die verlässliche Kooperationszeit zwischen Kindertageseinrichtungen und Grundschulen wird einer langjährigen Forderung von Erzieherinnen, Lehrkräften, Eltern, Gremien und Verbänden entsprochen. Der Orientierungsplan der Kindertageseinrichtungen und der Bildungsplan der Grundschule sind entsprechend aufeinander abgestimmt.

Weiterer Ausbau der Beratungsangebote an den Grundschulen

Nachdem die Grundschulempfehlung bereits seit Frühjahr 2012 nicht mehr verbindlich ist, sollen im nun beginnenden Schuljahr sowohl die Beratung durch die Grundschulen als auch die Zusammenarbeit zwischen Grundschulen und weiterführenden Schulen weiter verbessert werden. Dazu gibt es gezielte Fortbildungsangebote. Die demnächst erscheinende Handreichung "Neue Grundschulempfehlung – Chancen für Kinder" leistet den Schulen im Bereich des Übergangs eine zusätzliche Hilfestellung. Die Rückmeldungen aus den Grundschulen zeigen, dass das neue Elternrecht die Gesprächsatmosphäre zwischen Eltern und Lehrkräften erheblich entspannt hat. Die Anmeldungen bei den weiterführenden Schulen haben zudem bewiesen, dass die meisten Eltern mit ihrem neuen Recht verantwortlich umgehen. Folgende Verschiebungen haben sich im Frühjahr bei den landesweiten Anmeldezahlen für die weiterführenden Schulen ergeben: Während die Gymnasien und Realschulen im Land einen Zuwachs von jeweils rund 1000 Schüler meldeten und den Gemeinschaftsschulen etwa 2000 Anmeldungen vorlagen, verzeichneten Haupt-/Werkrealschulen rund 8800 Anmeldungen weniger. Insgesamt wurden 4800 Schüler weniger als im Vorjahr angemeldet.

Werkrealschule bietet neue Fächer zur Berufsorientierung

Zukünftig können mehr junge Menschen als zuvor einen mittleren Bildungsabschluss ablegen, da die bisherige Notenhürde zum Übergang in die 10. Klasse gestrichen wurde. Diese neue Regelung stößt bei den betroffenen Schülerinnen und Schülern auf positive Resonanz. Zum kommenden Schuljahr wird rund die Hälfte aller Werkrealschüler in die zehnte Klasse wechseln.

Außerdem ermöglicht die Werkrealschule ab diesem Schuljahr einen Hauptschulabschluss in Klasse 9 oder in Klasse 10. "Mit diesen Maßnahmen sind wir unserem Ziel näher gekommen, dass kein Jugendlicher mehr mit einem schlechten oder sogar ganz ohne Abschluss die Schule verlassen muss", erklärt die Ministerialdirektorin.

Zudem ergänzen die neuen Fächer Kompetenztraining und Berufsorientierende Bildung, die Fortführung der Wahlpflichtfächer und des Fächerverbundes Materie-Natur-Technik (MNT) in Klasse 10 die Gesamtkonzeption der Werkrealschule und ermöglichen einen erfolgreichen Übergang in eine duale Ausbildung oder weiterführende berufliche Schulen.

Gemeinschaftsschule: leistungsstarke und sozial gerechte Schule

Die Gemeinschaftsschule verwirklicht längeres gemeinsames Lernen, Chancengerechtigkeit, bestmögliche individuelle Förderung und sie eröffnet ein breites Angebot an Schulabschlüssen. Das Kultusministerium setzt mit der Gemeinschaftsschule auf eine moderne Pädagogik, in deren Zentrum gemeinsames Lernen in heterogenen Gruppen und individuelles Lernen stehen. Leitgedanke ist eine leistungsstarke und sozial gerechte Schule, in der Schülerinnen und Schüler in Lerngruppen nach ihren individuellen Voraussetzungen und Fähigkeiten gefördert werden. Bereits zum Schuljahr 2012/2013 gehen 42 Gemeinschaftsschulen an den Start. Die neue Schulart stoße im Land über alle Parteigrenzen hinweg bei Eltern und vielen Lehrkräften auf eine positive Resonanz, sagte die Amtschefin. Die neue Schulart werde den Kommunen nicht aufgezwungen. Sie sei ein Angebot, das den Akteuren vor Ort die Möglichkeit eröffne, auf der Basis eines guten pädagogischen Konzepts ihre kommunale Schulentwicklung selbst zu bestimmen. "Die Gemeinschaftsschulen sind eine große Chance gerade für den ländlichen Raum, mit moderner Pädagogik die Herausforderungen des demografischen Wandels zu meistern."

Realschulen stärken die individuelle Förderung

Den Realschulen stellt das Kultusministerium erstmals einen Pool von 1,5 Lehrerwochenstunden je Zug zur Verfügung, um die individuelle Förderung auszubauen. Damit wird auf die zunehmende Heterogenität der Schülerinnen und Schüler an dieser Schulart reagiert.

Das Kultusministerium investiert 118 Deputate in die Einführung der "Kompetenzanalyse Profil AC" an den Realschulen, die bereits im Frühjahr dieses Jahres gestartet wurde. Gleichzeitig wurden die ersten 786 Lehrerinnen und Lehrer geschult, die in 358 Klassen das Verfahren erstmals angewendet haben. Weitere rund 1300 Lehrkräfte werden im Schuljahr 2012/2013 fortgebildet. Die Kompetenzanalyse ist ein wichtiges Instrument, mit dem das Ministerium auf die Entwicklungen am Ausbildungsmarkt und den Rückgang der Schulzahlen reagiert. Durch eine koordinierte Zusammenarbeit der Akteure in Schule, Übergangsbereich und dualer Berufsausbildung soll allen interessierten Jugendlichen eine fundierte und passgenaue Berufswahlentscheidung ermöglicht werden. Um das zu erreichen, setzt Baden-Württemberg dieses Instrument bereits flächendeckend an Werkreal- und Hauptschulen, an Sonderschulen und in bestimmten Bildungsgängen des beruflichen Schulwesens ein. So können überfachliche, ausbildungsrelevante Kompetenzen erkannt und die Schülerinnen und Schüler bei ihrer Berufsorientierung individuell gefördert werden. Das bewährte Verfahren wurde für die Zielgruppe der Realschülerinnen und Realschüler neu konzipiert. "Baden-Württemberg ist das einzige Bundesland, in dem ein einheitliches, auf verschiedene Schularten abgestimmtes Kompetenzanalyseverfahren flächendeckend eingesetzt wird", betont die Amtschefin.

Gymnasien: Zusätzliche Poolstunde in Klasse 5 oder 6

Auch im Gymnasialbereich hat die Heterogenität der Schülerschaft in den vergangenen Jahren zugenommen. Mehr Raum für individuelle Förderung wird deshalb durch eine weitere Poolstunde geschaffen, die in Klasse 5 oder 6 eingesetzt werden kann. Damit kann den unterschiedlichen Lernbedürfnissen und Lernvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler besser Rechnung getragen werden. Um diesem Anspruch auch in der Sekundarstufe 1 gerecht zu werden, können ab dem Schuljahr 2013/2014 noch einmal 22 Schulen mit G9-Zügen an den Start gehen. Die Antragsfrist für diese zweite Tranche endet am 1. Dezember 2012.

Weitere Neuerungen an den Gymnasien

Die Schülerinnen und Schüler der im Schuljahr 2012/2013 beginnenden Kursstufe an den allgemein bildenden Gymnasien werden in den modernen Fremdsprachen erstmals die neue schriftliche Abiturprüfung ablegen. Die schriftliche Prüfung umfasst künftig zusätzlich einen mündlichen Teil, die sogenannte Kommunikationsprüfung. Darin sollen die Abiturienten ihre kommunikativen Fähigkeiten unter Beweis stellen. Die Textaufgaben des schriftlichen Teils sind gegenüber den bisher üblichen Prüfungsaufgaben gekürzt, die Prüfungszeit ist verringert. Die Überprüfung des Hör- und Hör-/Sehverstehens erfolgt verbindlich in Form einer schriftlichen Klausur während der Kursstufe. Die Möglichkeit, wie bisher eine zusätzliche mündliche Prüfung abzulegen, besteht weiterhin.

Mit Beginn des Schuljahres 2012/2013 startet auch – zunächst als Schulversuch – der Vertiefungskurs Mathematik als zweistündiges Wahlfach in der gymnasialen Oberstufe. In Ergänzung zu dem vierstündigen Mathematik-Pflichtkurs lernen die Schülerinnen und Schüler hier ausgewählte inhaltliche und fachmethodische Grundlagen der Mathematik vertieft kennen und sollen diese im Sinne der Kompetenzorientierung auch aktiv anwenden können. Dieser Schulversuch versteht sich als Modell einer engen Kooperation von Gymnasium und Hochschule.

Mehr Flexibilität und neue Möglichkeiten an den beruflichen Schulen

Die Berufsschulen können zum Schuljahr 2012/2013 mit einer Reihe von Innovationen rechnen. Dank der Einrichtung von weiteren 50 Eingangsklassen werden an 18 Standorten kaufmännischer, gewerblicher und hauswirtschaftlicher Schulen neue berufliche Gymnasien der dreijährigen Aufbauform eingerichtet. Darüber hinaus werden bestehende dreijährige berufliche Gymnasien dadurch gestärkt, dass weitere Parallelklassen geschaffen werden – dadurch erfolgt teilweise auch eine Ausweitung des inhaltlichen Angebots. Unter dem Namen "Gesundheit" steht ein neues Profil zur Verfügung.

Mit 15 zusätzlichen Standorten beruflicher Gymnasien der sechsjährigen Aufbauform trägt die Landesregierung zum einen dem Anspruch der Wirtschaft Rechnung, Schülerinnen und Schülern bereits in der Mittelstufe fachspezifische Einblicke zu ermöglichen. Zum anderen bietet sie den Jugendlichen einen möglichst passgenauen und ihren Neigungen entsprechenden Weg zur allgemeinen Hochschulreife an.

Enquête-Empfehlungen "Fit fürs Leben in der Wissensgesellschaft"

An beruflichen Schulen werden zudem Empfehlungen der Enquêtekommission "Fit fürs Leben in der Wissensgesellschaft" des Landtags Baden-Württemberg umgesetzt. Ein Schwerpunkt liegt auf der weiteren Stärkung der Integrationsleistung der beruflichen Schulen. Dazu dient beispielsweise der verstärkte Ausbau der individuellen Förderung, um noch mehr junge Menschen erfolgreich zum Ausbildungsabschluss zu führen. Hinzu kommt die Einführung von Ganztagsangeboten an bis zu 375 Klassen der berufsvorbereitenden Bildungsgänge und an bis zu 50 Klassen des Berufskolleg I. "Inklusive Bildungsangebote für behinderte und nicht behinderte Schülerinnen und Schüler, die nun an vielen beruflichen Schulen durch einen Sonderpädagogischen Dienst unterstützt werden, sind ein Meilenstein der Integration auf berufsbezogenen Bildungswegen", betont die Ministerialdirektorin.

Ein Beispiel für inhaltliche Neuerungen ist die erfolgreiche Einführung der Fremdsprache Englisch. In diesem Schuljahr beteiligen sich voraussichtlich über 1.000 Berufsschulklassen an diesem Schulversuch. Geplant ist ferner die Einführung von Projektarbeit an rund 450 Klassen des Berufskollegs, mit denen die Schülerinnen und Schüler gezielt zur selbständigen Aneignung von Wissen befähigt werden.

Weitere Ausbildungskapazitäten an Fachschulen für Sozialpädagogik

Damit alle Kinder von Anfang an und unabhängig von ihrer sozialen Herkunft die gleichen Chancen erhalten können, an Bildung teilzuhaben, muss eine ausreichende Zahl gut qualifizierter Fachkräfte zur Verfügung stehen. Deshalb stellt das Kultusministerium für den Ausbau der Erzieherinnen- und Erzieherausbildung 48 Lehrerstellen zur Verfügung. Um die Attraktivität des Berufs zu steigern, wurde im vergangenen Jahr ein tragfähiges Konzept für eine praxisintegrierte Form der Erzieherinnen- und Erzieherausbildung (PIA) entwickelt. Herzstück des Modells ist die Integration des Berufspraktikums in die schulische Ausbildung und die Zahlung einer Vergütung während der Ausbildung an der Fachschule für Sozialpädagogik. Insgesamt haben 18 öffentliche und 13 private Schulen die Einrichtung dieses Schulversuchs zum Schuljahr 2012/2013 beantragt. Acht weitere öffentliche Fachschulen für Sozialpädagogik möchten mit dem Schuljahr 2013/2014 beginnen. Diese praxisintegrierte Erzieherinnen- und Erzieherausbildung wird zukünftig neben dem traditionellen Ausbildungsweg an den beruflichen Schulen mit Erzieherausbildung angeboten.


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