Schulvergleichsstudie TRAIN zeigt Unterschiede
Die Ergebnisse der Längsschnittstudie TRAIN im Ländervergleich zwischen den Haupt- und Realschulen in Baden-Württemberg auf der einen und den Mittelschulen in Sachsen auf der anderen Seite fallen unterschiedlich aus. Während die sächsische Mittelschule in Mathematik einen höheren Lernzuwachs aufweist, liegen die Ergebnisse der baden-württembergischen Schulen beim englischen Hörverstehen über denen der sächsischen. Damit können beide Länder bei der Längsschnittstudie TRAIN positive Resultate für sich verbuchen.
02.12.2013 Pressemeldung Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg"Diese Ergebnisse machen deutlich, dass die Unterschiede zwischen Sachsen und Baden-Württemberg primär fachbezogen und nicht schulstrukturell analysiert werden müssen. Wir müssen jetzt voneinander lernen, um das individuelle Lernen und die Unterrichtsentwicklung zu verbessern" sagten die sächsische Kultusministerin Brunhild Kurth, der baden-württembergische Kultusminister Andreas Stoch und Professor Ulrich Trautwein, Leiter der Studie und Professor für Empirische Bildungsforschung am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Tübingen.
Die Studie "Tradition und Innovation: Entwicklungsverläufe an Haupt- und Realschulen in Baden-Württemberg und Mittelschulen in Sachsen" (TRAIN) lief über vier Schuljahre an Haupt- und Realschulen in Baden-Württemberg und an Mittelschulen in Sachsen. Sie untersuchte die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler in den Hauptfächern Mathematik, Deutsch und Englisch. TRAIN ist die bisher größte Längsschnittstudie in zwei unterschiedlich strukturierten, aber im bundesweiten Ländervergleich insgesamt sehr erfolgreichen Schulsystemen. Damit erlaubt die Studie fundierte Aussagen nicht nur zu Unterschieden zwischen den beiden Ländern, sondern auch bei einer Vielzahl weiterer Fragestellungen zu individuellen, sozialen und institutionellen Faktoren für den Bildungserfolg und für die Entwicklung von Motivation und Wohlbefinden von Jugendlichen.
Die TRAIN-Studie wurde vom damaligen baden-württembergischen Kultusminister Helmut Rau initiiert. Die Zuschüsse des Landes BW liegen danach bei 620.000 Euro. Darin enthalten sind Zuwendungen der Robert-Bosch-Stiftung (100.000 Euro) und der Hertie-Stiftung (50.000 Euro).
Begonnen wurde das Projekt im Dezember 2007 am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin, unter der Leitung von Prof. Dr. Jürgen Baumert und Prof. Dr. Ulrich Trautwein. Mit der Emeritierung von Professor Baumert und dem Wechsel von Professor Trautwein an die Universität Tübingen zum Wintersemester 2008/2009 wurde TRAIN dort bis zu ihrem Abschluss weitergeführt.
Kultusminister Andreas Stoch MdL erklärt zu der TRAIN-Studie: "Wir freuen uns darüber, dass Baden-Württemberg bei der Förderung der sprachlichen Kompetenzen erfolgreich ist und in Englisch besondere Stärken aufweist. Die Ergebnisse für Mathematik in Baden-Württemberg im Vergleich zu Sachsen nehmen wir sehr ernst. Genauso wie im kürzlich veröffentlichten IQB-Ländervergleich macht die Studie deutlich, dass uns in Baden-Württemberg die Förderung von Schülerinnen und Schülern in Mathematik nicht so gut gelingt wie in Sachsen." Ebenso wie im Ländervergleich konnte sich die Politik der Landesregierung bei der TRAIN-Studie noch nicht niederschlagen, da die letzten Erhebungen erst kurz nach der Wahl im Herbst 2011 vorgenommen worden waren. Es werde aber immer deutlicher, dass das Land sich zu lange auf den Lorbeeren eines funktionierenden Bildungssystems ausgeruht habe. Die schon länger erkennbaren Qualitätsprobleme würden immer offensichtlicher. Die Landesregierung werde insbesondere durch den Ausbau der individuellen Förderung an allen Schularten sowie durch die Gemeinschaftsschule gegensteuern, erklärte Stoch.
Kultusministerin Brunhild Kurth unterstreicht: "Unsere Schüler weisen insbesondere in den Bereichen Mathematik und Leseverstehen eine enorme Leistungsentwicklung auf, so dass sie bereits Ende Klasse 8 und damit fast ein Schuljahr früher die Leistungen der baden-württembergischen Realschüler erreichen. Das ist ein interessantes Ergebnis. Gleichzeitig sehen wir den Handlungsbedarf im Bereich Englisch. Die Vielzahl der vorliegenden Ergebnisse werden helfen, das Lernen und Lehren im Unterricht zu verbessern."
Die Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse:
- Der Lernzuwachs in Mathematik ist in Sachsen höher als in Baden-Württemberg, so dass die Lernstände in Jahrgangsstufe 8 in Sachsen nahezu drei Viertel eines Schuljahres über denen in Baden-Württemberg liegen.
- Auch beim Leseverständnis in Deutsch zeigt sich ein Leistungsvorsprung von Sachsen. Demgegenüber entwickelt sich die Lesegeschwindigkeit in Baden-Württemberg tendenziell stärker als in Sachsen.
- In den Klassenstufen 6 bis 8 liegen die Leistungen beim englischen Hörverstehen an den baden-württembergischen Schulen deutlich über denen in Sachsen.
- Schülerinnen und Schüler der Real- und Hauptschulen aus Baden-Württemberg haben in allen Klassenstufen höhere Werte bei fachbezogenen motivationalen Indikatoren als die Schülerinnen und Schüler aus Sachsen. Insbesondere in der Hauptschule zeigt sich eine ausgeprägtere Bereitschaft zu Anstrengungen als in der Realschule und der Mittelschule. Dies betrifft vor allem das Fach Deutsch, aber auch Englisch und Mathematik. Damit werde auch deutlich, erklärt Stoch, dass die kritische öffentliche Diskussion über die Hauptschule in Baden-Württemberg weder im Hinblick auf die Leistungen noch bei Interessen und Anstrengungsbereitschaft starke negative Auswirkungen auf die betroffenen Schüler hat.
- Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass die Unterschiede zwischen Sachsen und Baden-Württemberg nicht auf schulstrukturelle Unterschiede zurückzuführen sind, sondern fachbezogen analysiert werden müssen. Bereits der IQB-Ländervergleich lässt vermuten, dass in Baden-Württemberg der Anteil der fachfremden Lehrkräfte in Mathematik und Naturwissenschaften deutlich höher ist als in Sachsen. Die in Baden-Württemberg besonders im Bereich der Haupt- und Werkrealschulen vorhandenen vergleichsweise kleineren Schuleinheiten machen es besonders schwierig, die Fachlichkeit des Unterrichts zu gewährleisten. Das ist wiederum für die regionale Schulentwicklung in Baden-Württemberg bedeutsam. So hatte bereits der Expertenrat Herkunft und Bildungserfolg um Professor Jürgen Baumert erklärt: "Der Expertenrat rät dem Land, keine Schulstandorte als selbstständige Organisationseinheiten zu führen, in denen aufgrund zurückgehender Betriebsgrößen die Fachlichkeit des Unterrichts und die Qualität der pädagogischen Arbeit nicht mehr gewährleistet werden können."
Die Ergebnisse der TRAIN-Studie und des kürzlich veröffentlichten IQB-Ländervergleichs 2012 werden in beiden Bundesländern gegenwärtig ausgewertet, etwa in Bezug auf die Lehrerausbildung, den Einsatz von Fachlehrern oder den Bildungsplan. Sachsen und Baden-Württemberg haben sich auf einen systematischen Austausch verständigt, um Ansatzpunkte für die Verbesserung im eigenen Land zu identifizieren. "Wir werden uns dieser Herausforderung stellen, die Ursachen ermitteln, von den Stärken des jeweils anderen Landes lernen und umsteuern", unterstrich Stoch.
Keine Kommentare vorhanden