Sitzenbleiber: Thüringer Schülern wird individuelle Förderung vorenthalten
Ein Schuljahr zu wiederholen kostet einen Schüler 12 Monate Zeit – und den Freistaat Thüringen jede Menge Geld. Dabei ist die erzieherische Wirkung heftig umstritten. Seit einem Jahr gibt es in Thüringen bei drei Klassenstufen kein Sitzenbleiben mehr. Jedoch kommt das eingesparte Geld nicht wie versprochen den eigentlich versetzungsgefährdeten Schülern zugute. Rolf Busch, Landesvorsitzender des tlv thüringer lehrerverbandes, hält dies für einen Skandal.
13.03.2013 Pressemeldung thüringer lehrerverbandFür rund 3.500 "Sitzenbleiber" im Schuljahr 2007/2008 gab der Freistaat Thüringen etwa 23,5 Millionen Euro aus. Dies ist eins von vielen Ergebnissen der Studie "Klassenwiederholungen - teuer und unwirksam", durchgeführt im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Thüringen entschied sich 2011 für einen Kompromiss: Seit der Reform der Schulordnung gibt es das Wiederholen der Klassenstufen drei, fünf und sieben nicht mehr.
Der tlv thüringer lehrerverband (tlv) hat nun die Berechnungen der Studie weitergeführt und kommt zu folgendem Ergebnis: "Wir gehen von bis zu 6 Millionen Euro aus, die durch das Abschaffen des Sitzenbleibens und der damit verbundenen geringeren Stundenzuweisungen eingespart werden", erklärt Rolf Busch, tlv-Landesvorsitzender. Diese Summe sollte eigentlich der individuellen Förderung von Schülern dienen, damit es gar nicht erst zur Versetzungsgefahr kommt. "Genau das ist aber leider nicht der Fall", kreidet Busch an. "Offensichtlich ist der Begriff der ´individuellen Förderung` eine leere Worthülse, die nur von ungebremsten Sparmodellen ablenken soll. Als Unterstützung versetzungsgefährdeter Schüler stehen diese Stunden jedenfalls nicht mehr zur Verfügung."
In dieser hochemotionalen Debatte wiederholt der tlv an dieser Stelle seine Position, die er schon bei den heftigen Diskussionen um die Thüringer Schulordnung vor zwei Jahren einnahm: Die individuelle Förderung versetzungsgefährdeter Schüler führt nur dann zum Erfolg, wenn alle Beteiligten gut vorbereitet sind und die notwendigen Gelder zur Verfügung stehen. Die Frage nach dem Sinn und Unsinn des Sitzenbleibens ist nicht einfach mit Ja oder Nein zu beantworten. "Wird das Sitzenbleiben abgeschafft, muss gleichzeitig darüber nachgedacht werden, wie wir stattdessen zukünftig mit betroffenen Schülern umgehen - das ist der Kern des Themas", betont Busch. "Dass die eingesparten Stunden einfach wegfallen oder die eingesparte Summe in andere Projekte fließt, ist schlichtweg ein Skandal."
Weiterführende Informationen:
TV-Beitrag im mdr Thüringenjournal vom 12.03.2013, inkl. Interview mit tlv-Landesvorsitzenden Rolf Busch. Anzusehen in der mdr Mediathek: tinyurl.com/c8jxvhg
"Klassenwiederholungen - teuer und unwirksam. Eine Studie zu den Ausgaben für Klassenwiederholungen in Deutschland", von Prof. em. Dr. Klaus Klemm - Im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Zum Download: tinyurl.com/czsx4ho
Durch das Abschaffen des Sitzenbleibens steigt die Klassenstärke des nachfolgenden Jahrgangs nicht um die Wiederholer an, sondern bleibt gleich. Die Anzahl der Schüler in einer Klassenstufe ist jedoch maßgebend für die Zuweisung von Lehrerstunden, deren Kosten wiederum das Land trägt. Die Anlage 1 (siehe Anhang) der Verwaltungsvorschrift zur Vorbereitung und Durchführung der Schuljahre 2010/11 bis 2013/14 geben u.a. für die Klassenstufen 5 und 6 für Regelschulen und Gymnasien unveränderte Zuweisungszahlen an. In diesen Zeitraum fiel das Sitzenbleiben in Klassenstufe 5 weg.
Anlagen (PDF)
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