„Wir müssen die Kinder erreichen, die wir im Distanzlernen zu verlieren drohen“
Um langfristige Folgen des Distanzlernens abzuschwächen, hat der Deutsche Lehrerverband ein Förderkonzept vorgelegt. Präsident Heinz-Peter Meidinger berichtet im Interview, wie das Programm aufgebaut ist und an welche Schülerinnen und Schüler sich die Angebote richten.
20.04.2021 Bundesweit Artikel Sahra AminiWelche Auswirkungen hat die Pandemie auf Schülerinnen und Schüler?
Die Pandemie hat enorme Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche. Auf der einen Seite gibt es Defizite, die auftreten, weil Distanzunterricht nicht dieselbe Qualität erreicht wie Präsenzunterricht. Auf der anderen Seite hat die Pandemie soziale Folgen, weil die Schule als soziale Institution wegfällt und damit Gruppenarbeiten, Gemeinschaftsveranstaltungen, Studienfahrten. Jetzt geht es vor allem darum, die Kinder zu erreichen, die wir im Distanzlernen zu verlieren drohen, Kontakt aufzunehmen, nach Problemen zu fragen. Das Engagement der Lehrkräfte ist derzeit stark gefordert. Sie erleben sowohl eine zeitliche als auch eine psychische Mehrbelastung.
Der Deutsche Lehrerverband hat ein Förderkonzept vorgelegt, mit dem Lernrückstände von Schülerinnen und Schülern ausgeglichen werden sollen. Was schlagen Sie konkret vor?
Zum einen schlagen wir eine Art Zusatzförderung vor, die für die große Mehrheit der Schülerinnen und Schüler in Frage kommt. Für jene, die mit dem Distanzlernen grundsätzlich zurechtkommen, aber ein paar Lücken aufweisen. Hier bräuchten wir begleitende Angebote am Nachmittag, vielleicht auch während der Ferien. Zum anderen gibt es einen Anteil an Schülern, schätzungsweise zwischen zehn und zwanzig Prozent, deren Bildungslücken nach zwei Schuljahren in der Pandemie so groß sind, dass das eben genannte Programm nicht mehr ausreicht. Ihnen müsste man die Chance geben, freiwillig in die vorherige Jahrgangsstufe zurückzutreten, mit einem angepassten Stundenplan. In den Kernfächern, in denen der meiste Bedarf besteht, sollte es eine Zusatzförderung geben und dafür sollte man sich in anderen Fächern etwas zurücknehmen können. Dafür brauchen die Schulen zum einen die Möglichkeit, eigenständig zu handeln, und zum anderen stellt sich die Personalfrage: Wer soll diese Zusatzangebote durchführen? Dafür wollen wir zusätzliche personelle Ressourcen gewinnen. Wir denken an Lehramtsstudierende, denen man diese Unterrichtstätigkeit als Praktikum anrechnen könnte, an pensionierte Lehrkräfte, Dozenten von Volkshochschulen, daran, eine Aufstockung für Teilzeitkräfte attraktiv zu machen.
Wie wollen Sie entscheiden, welche Schülerinnen und Schüler an diesem Programm teilnehmen?
Das ist die große Herausforderung. Das kann in Form einer formalisierten Lernstandserhebung geschehen. Vielleicht ist es aber auch möglich, dass Lehrkräfte selbstständig einschätzen, welche Kinder besonderen Förderbedarf aufweisen und mit ihnen und den Eltern den weiteren Weg abstimmen. Viel Zeit haben wir für solche Entscheidungen nicht, denn die Umsetzung soll im nächsten Schuljahr erfolgen.
Inwiefern haben sich durch die Pandemie auch Vorteile für die Schulen ergeben?
Jede Krise hat ihre Chancen und diese brachte einen riesigen Digitalisierungsschub, der bei weitem noch nicht abgeschlossen ist. Viele Lehrkräfte haben sich in Bezug auf Videokonferenzsysteme, digitale Tools und Plattformen fortgebildet. Uns wird langfristig eine größere Methodenvielfalt erhalten bleiben. An den Schulen herrscht ein neues Selbstbewusstsein. Die Schulleitungen haben gut daran getan, nicht auf die Politik zu warten. Sie haben zusammen mit ihren Kollegen, mit den Eltern und Schülern eigene, passgenaue Lösungen und Hygienekonzepte entwickelt, ihre bisherige Unterrichtsmethodik angepasst. Gleichzeitig ist das Verantwortungsbewusstsein der Kinder und Jugendlichen gestiegen. Sie tragen Masken, weil sie nicht nur für sich selbst Verantwortung übernehmen, sondern für ihre Großeltern, ihre Eltern, auch für ihre Lehrkräfte. Ich hoffe, dass wir auch dieses Bewusstsein in die Zukunft mitnehmen können.
Hier finden Sie das Interview in Bild und Ton:
- Grenzen in der Kita: „Du darfst auch ‚Nein‘ sagen.“
- Kinderrechte: „Es braucht einen Bewusstseinswandel“
- „Wir müssen Technik und Pädagogik zusammendenken“
Keine Kommentare vorhanden