Zertifikatsinflation: Berechtigung ist nicht identisch mit Befähigung
"In vielen Bundesländern Deutschlands werden – mit dem Ziel einer möglichst hohen Quote – seit vielen Jahren eine Vielzahl mehr Studienberechtigungen und andere Zertifikate vergeben, als durch erworbene Kompetenzen gerechtfertigt ist.
12.03.2012 Pressemeldung Verband Reale BildungStatt bei der Zertifikatsvergabe auf das Entscheidende zu achten, die Qualifikation und damit die Befähigung, geht es in diesen Ländern nur noch um blinde Quotenerfüllung. Diese inflationäre Vergabepraxis ist eine Folge der fortlaufenden Studien, die Chancengerechtigkeit nach dem Kriterium der Vergabe von Zertifikaten bewerten. Längst hat mit dem Dienst für die Quote eine Entkoppelung von Berechtigung und Befähigung, Zertifikat und Kompetenzen stattgefunden. In Bayern zumindest hinterfragen und kritisieren wir diese Maßstäbe. Die hohe Chancengerechtigkeit, die wir in Bayern haben, ist nicht in Abiturientenquoten oder Zugangsberechtigungen zum Gymnasium zu messen. Sie besteht vielmehr darin, dass in Bayern jedes Kind, jede und jeder junge Erwachsene nach seinen individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen gefördert wird. In Bayern ist die Entscheidung zwischen Leistung und Chancengerechtigkeit somit keine vermeintliche Entweder-Oder-Entscheidung, sondern eine für beides. Gerechtigkeit und hoher Kompetenzerwerb – für Bayern zumindest sind das zwei realistische Ziele." Mit diesen deutlichen Worten übt Anton Huber, Vorsitzender des Bayerischen Realschullehrerverbands (brlv), Kritik an den wiederkehrenden Darstellungen vieler Bildungsforscher, die Selbstverständlichkeiten und fragwürdige Messgrößen als neue Erkenntnis verkaufen.
Huber weiter: "Natürlich hat ein Schulsystem, welches einen deutlichen Schwerpunkt auf Kompetenzerwerb legt, damit Berechtigung auch eine Befähigung nachweist, höhere Wiederholerzahlen als Länder, die das Wiederholen abschaffen und den Zugang zum Gymnasium frei geben oder verlosen. Das ist selbstverständlich. Aber Maßstab für Bildungs- und Lebenschancen muss doch vor allem sein, ob mit der Berechtigung auch ein Einstieg in das Beschäftigungssystem gelingt. Da liegt Bayern ganz weit vorne, aber das interessiert viele Wissenschaftler, zumindest die, die nur mehr die Universität als Nabel der Welt sehen, nicht. Bayern erreicht den deutschen Spitzenwert beim Übertritt ins duale System. Wir bilden hoch qualifizierte Fachkräfte aus, vor allem auch über die Realschule, und wir sorgen dafür, dass im MINT-Bereich die Ingenieurslücke geschlossen wird. Dieser Weg über Realschule und Berufliche Oberschule wird erneut ignoriert, weil die Kategorien auch beim Chancenspiegel der Bertelsmann Stiftung teilweise falsch angelegt sind."
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