Jürgen Rüttgers

"Einheitsschule bedeutet Gleichmacherei"

(red) Die größte Bildungsmesse im europäischen Raum findet in diesem Jahr in Köln statt. Wir haben den Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen, Jürgen Rüttgers, nach seinen bildungspolitischen Zielsetzungen gefragt.

12.03.2010 Artikel

Herr Ministerpräsident, ab 2013, so das Ergebnis des "Krippengipfels", haben alle unter dreijährigen Kinder einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz. 23 Städte und Kreise aus Nordrhein-Westfalen haben Ende des vergangenen Jahres Verfassungsbeschwerde beim Landesverfassungsgericht in Münster eingelegt. Das Land müsse die nach Abzug der Bundesmittel entstehenden Kosten übernehmen, verlangen sie. Müssen Eltern in NRW nun um diesen Rechtsanspruch bangen?

Jürgen Rüttgers: Seit 2005 hat die nordrhein-westfälische Landesregierung 74.000 zusätzliche Kindergartenplätze für unter dreijährige Kinder geschaffen. 2010 kommen nochmals 26.000 dazu. Bei dieser Dynamik bin ich sehr zuversichtlich, dass wir 2013 den Rechtsanspruch erfüllen werden. Bei der Klage geht es im Übrigen um die Frage, ob das Land die Kommunen beim U3-Ausbau noch stärker als bisher unterstützen muss, also um das "Wie" der Finanzierung, nicht um das "Ob". Für die Eltern gibt es deshalb allen Grund zu Optimismus.

Als eines der wenigen Bundesländer hält Nordrhein-Westfalen am sogenannten dreigliedrigen Schulsystem fest. Allerdings wird es ländlichen Gemeinden zukünftig erlaubt sein, Haupt- und Realschulen unter einem Dach zu einer Verbundschule zusammenzulegen. Kommt jetzt doch Bewegung in die traditionelle Schulstruktur?

Jürgen Rüttgers: Einheitsschule bedeutet Gleichmacherei und ist die falsche Antwort. Was wir geschaffen haben, ist die Möglichkeit, Grundschulen zu Grundschulverbünden, Hauptschulen und Realschulen zu Verbundschulen zusammenzufassen. Damit stellen wir ein ortsnahes Schulangebot mit Blick auf sinkende Schülerzahler sicher. Mit einer grundlegenden Veränderung unserer Schulstruktur hat das nichts zu tun. Solche Debatten führen auch zu nichts. Wichtiger ist es, Schule "von innen" zu reformieren, wie wir es in Nordrhein-Westfalen getan haben. "Individuelle Förderung" ist das Schlüsselwort. Diese Ausbildung von individuellen Kompetenzen ist nur dort möglich, wo es ausreichend Lehrpersonal gibt. Hier haben wir den Schwerpunkt gelegt und in fünf Jahren über 8.000 neue Lehrerstellen geschaffen. Damit haben wir den Unterrichtsausfall in Nordrhein-Westfalen halbiert. 2009 hatten wir zudem den niedrigsten Stand an Sitzenbleibern und beim Abitur das beste Ergebnis seit Beginn der Statistik.

450 Grundschulleiter aus Nordrhein-Westfalen haben sich im Februar in einem Appell für längeres gemeinsames Lernen eingesetzt. Kann diese Initiative Anlass für die Landesregierung sein, über eine sechsjährige Grundschule nachzudenken?

Jürgen Rüttgers: Ich halte eine solche Verlängerung nicht für zielführend. Es gibt auch keine wissenschaftlichen Belege für die These, dass längeres gemeinsames Lernen zu effizienten Ergebnissen führt. Ein gerechtes Schulsystem muss vielmehr das Prinzip der Durchlässigkeit nach oben beachten. Hier haben wir viel erreicht. Ganz abgesehen davon würde eine Verlängerung der Grundschulzeit auf sechs Jahre zu erheblichen Kosten bei den Kommunen führen.

Nordrhein-Westfalen hat im vergangenen Jahr den Modellversuch "Ganztagsberufsschule in der gesunden Schule" beendet, bei dem sich der Berufsschulunterricht auf einen Tag mit zehn Unterrichtsstunden konzentriert und sich dadurch die Anwesenheitszeiten der Jugendlichen in den Betrieben erhöht. Ziel ist unter anderem, die Attraktivität der dualen Ausbildung für die Betriebe zu erhöhen. Wird dieser Modellversuch in die Fläche gehen?

Jürgen Rüttgers: Der Modellversuch zeigt die Innovationskraft, die von den Berufskollegs ausgeht. Das Schulministerium hat wegen der positiven Erfahrungen entschieden, das Modell ab dem nächsten Schuljahr als Regeloption für den Unterricht in den Fachklassen des dualen Systems aufzunehmen. Durch einen entsprechenden Erlass haben wir Anfang 2010 die Voraussetzungen geschaffen, dass an weiteren Berufskollegs Fachklassen als Ganztagsberufsschule geführt werden können.

Der nordrhein-westfälische Wissenschaftsminister setzt sich bereits seit Langem für ein nationales Stipendienprogramm ein. In diesem Semester hat Nordrhein-Westfalen in Eigenregie ein Programm mit 1400 Stipendien gestartet. Mit welchen Ergebnissen und Erfahrungen?

Jürgen Rüttgers: Die Resonanz auf das neue Stipendienprogramm ist überragend. Die Nachfrage der Hochschulen und der privaten Geldgeber zum Wintersemester 2009/2010 war so hoch, dass die ursprünglich 1.200 vorgesehenen Stipendien bereits weit vor Semesterstart komplett vergeben waren. Das Innovationsministerium hat deshalb 200 weitere Stipendien zur Verfügung gestellt. Der Erfolg unseres Stipendiensystems zeigt sich auch daran, dass die Bundesregierung in Berlin be-schlossen hat, ein bundesweites Stipendiensystem nach dem Vorbild Nordrhein-Westfalens einzuführen.

Die landesweite Initiative "Komm mit!" soll zur Verringerung der Sitzenbleiberquote beitragen. Lehrerverbände begrüßen diese Initiative, kritisieren aber, dass der Fortbildungsbedarf der Lehrer im Bereich Fördermöglichkeiten und Diagnosekompetenz derzeit kaum befriedigt wird. Steckt das Land also zu wenig Geld in die Lehrerweiterbildung?

Jürgen Rüttgers: Nein. Die Lehrerverbände "begrüßen" nicht nur die Initiative "Komm mit!" Sie sind sogar Kooperationspartner. Der Sachetat für die umfangreichen Fortbildungsangebote steigt in diesem Jahr um mehr als 5 Millionen Euro. Insgesamt stehen für die Lehrerfortbildung dann 65 Millionen Euro zur Verfügung. Das dokumentiert die Bedeutung des Themas für die Landesregierung.

Der komplette Themendienst 3 zur didacta 2010 kann als PDF-Datei heruntergeladen werden. Alle Texte können kostenfrei für die Berichterstattung genutzt werden.


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