Modernes Bildungssystem durch unmoderne Bildungspolitik?
"Wenn die Landesregierung vollmundig ankündigt, in NRW das modernste Bildungssystem Deutschlands schaffen zu wollen, muss man sich fragen, wo sich das in den schwarz-gelben Eckpunkten widerspiegelt", erklärt Udo Beckmann, Vorsitzender der Lehrergewerkschaft Verband Bildung und Erziehung (VBE NRW). "An manchen Punkten gewinnt man fast den Eindruck, das hier zugrunde liegende Verständnis von einem modernen Bildungssystem sei zumindest schon älter als das Land NRW."
19.01.2006 Pressemeldung Verband Bildung und Erziehung, Landesverband NRWDer VBE begrüßt die erklärte Absicht, 4000 neue Lehrerstellen schaffen zu wollen, falls es dabei bleibt, dass nicht gleichzeitig Demographiegewinne aufgrund rückläufiger Schülerzahlen zur Haushaltssanierung genutzt werden. Auch den Stellenzuschlag für die Umwandlung von Hauptschulen in Ganztagsschulen sowie die zusätzlichen Stellen für Ganztagsgrundschulen erkennt der VBE als positive Signale an.
Um in Nordrhein-Westfalen das modernste Bildungssystem Deutschlands zu etablieren, braucht man allerdings wesentlich mehr. Beispielsweise vermisst der VBE in Bezug auf die Grundschulen eine deutliche Erklärung zur Verbesserung der sozialpädagogischen Förderung.
In dem von den Fraktionen von CDU und FDP gemeinsam vorgelegten Eckpunktepapier wird darüber hinaus viel Wert auf die Ankündigung gelegt, die individuelle Förderung von Schülerinnen und Schülern verbessern zu wollen. Diese Erklärung findet grundsätzlich die Zustimmung des VBE. Allerdings reicht es nicht, das Recht auf individuelle Förderung nur festschreiben und die Durchlässigkeit des Schulsystems verbessern zu wollen, wenn nicht auch die strukturellen und institutionellen Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass dies auch Realität werden kann.
"Wer Kinder im Alter von künftig neun Jahren aufgrund einer angeblich erkannten "Begabungsstruktur" bestimmten Bildungsgängen zuweist, macht überkommene Vorstellungen aus den 50er Jahren zur Grundlage seiner Bildungspolitik", so Beckmann weiter. "Er macht damit eine noch schärfere und frühere Selektion zur Grundlage der Arbeit in den Schulen. Das hat mit individueller Förderung wenig zu tun."
Dem entspricht auch die Ankündigung, das Schulsystem "schulformbezogen mit präzisen Bildungsaufträgen für die einzelnen Schulen" gliedern zu wollen. Hier wird halsstarrig an Schulstrukturen festgehalten, die ihrem Grundprinzip nach aus dem 18. Jahrhundert stammen. Offensichtlich verwechselt Schwarz-Gelb hier Politik mit der Modebranche, in der jederzeit Dinge wieder für modern erklärt werden können, die es Jahrzehnte zuvor schon einmal waren.
Der VBE ist mit den Fraktionen von CDU und FDP dahingehend einer Meinung, dass die Durchlässigkeit unseres Schulsystems erhöht werden muss. Auch hält der VBE die enge Koppelung von Bildungschancen und sozialer Herkunft, die auch die Ergebnisse des internen Ländervergleichs PISA 2003-E bestätigt haben, für nicht hinnehmbar.
"Wir lesen zwar im Eckpunktepapier die erklärte Absicht beider Fraktionen, die Durchlässigkeit insbesondere im Sinne eines "Aufstiegs" erhöhen zu wollen, finden aber keinerlei konkrete Hinweise darauf, wie das denn bewerkstelligt werden soll", so Beckmann weiter. "Man fragt sich, wie beispielsweise eine als Konsequenz des früheren Einschulungsalters noch frühere Auslese oder die angestrebte Abschottung des Gymnasiums von den anderen Schulformen zur höheren Durchlässigkeit beitragen soll. Das modernste Bildungssystem Deutschlands kann man nicht schaffen, wenn man an diesen Ansätzen festhält."
Der VBE hat mit dem Modell der Allgemeinen Sekundarschule bereits im Mai vergangenen Jahres ein Strukturmodell vorgelegt, das sowohl der demographischen als auch der gesellschaftlichen Entwicklung Rechnung trägt und sowohl wirkliche Durchlässigkeit als auch gezielte individuelle Förderung garantieren kann. Dieses Modell ist die Basis für ein wirklich modernes Bildungssystem.
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