Von der Risikogruppe zur Unterschicht?

„Hinsichtlich der aktuellen Debatte über die so genannte neue Unterschicht sei an die Ergebnisse der PISA-Studien erinnert, die Deutschland einen so engen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen bescheinigt haben wie keinem andern Land“, erklärt Udo Beckmann, Vorsitzender der Lehrergewerkschaft Verband Bildung und Erziehung (VBE NRW). „Die im Jahr 2000 getesteten Schülerinnen und Schüler sind inzwischen erwachsen. Es ist mehr als fraglich, ob die von PISA ermittelte Risikogruppe von 24% auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen konnte.“

18.10.2006 Pressemeldung Verband Bildung und Erziehung, Landesverband NRW

PISA hätte den Ausschlag geben müssen für eine Umwandlung des Schulsystems hin zu mehr Integration statt zu früher Auslese. Das ist nicht geschehen.

„Die PISA-Studien haben auch wiederholt auf die differenziellen Entwicklungsmilieus hingewiesen, die die einzelnen Schulformen produzieren, und damit Kindern Chancen nehmen. Dennoch hält auch die nordrhein-westfälische Landesregierung starr daran fest und koppelt das Gymnasium noch stärker von den anderen Schulformen ab. Damit verhindert sie Durchlässigkeit im Schulsystem, statt sie zu erhöhen.“

In der aktuellen Debatte um eine „neue Unterschicht“ wird immer wieder darauf hingewiesen, dass unsere Gesellschaft an Durchlässigkeit verloren hat. Unser Schulsystem als Abbild der Gesellschaft spiegelt diese Situation. Hauptschülerinnen und –schüler bekommen spätestens dann häufig genug zu spüren, dass sie in diesem System die Verlierer sind, wenn sie sich um einen Ausbildungsplatz bewerben.

„Immer wieder wird in Sonntagsreden betont, dass Bildung der Schlüssel zum beruflichen Erfolg, aber auch zur demokratischen Teilhabe ist“, so Beckmann weiter. „Trotzdem wachsen weitere Generationen heran, die schon in ihrer Schulzeit die Erfahrung machen müssen, dass das Schulsystem ihnen die Integration versagt. Diese jungen Menschen werden voraussichtlich die Unterschicht von morgen sein, denn soziale Auslese ist eine Folge der Auslese im Bildungssystem.“

Ein Zeichen für Chancenungleichheit ist auch der in NRW boomende Nachhilfemarkt. Eltern mit den entsprechenden finanziellen Möglichkeiten können ihre Kinder mit privater Nachhilfe unterstützen, damit diese in einem Schulsystem bestehen könne, das auf Auslese statt auf Integration setzt. Hartz IV- oder Sozialhilfeempfänger können das aber nicht. So setzen sich Ungleichheiten von Generation zu Generation über ungleiche Bildungschancen fort. Ziel eines öffentlichen Bildungswesens muss aber sein, diese Ungleichheiten aufzubrechen.

„Als Konsequenz aus den PISA-Studien hat die nordrhein-westfälische Landesregierung damit angefangen, Hauptschulen in Ganztagsschulen umzuwandeln. Das kann den Kinder helfen, die diese Schulform zurzeit besuchen“, so Beckmann abschließend. „Die von PISA festgestellten differenziellen Lernmilieus werden aber damit nicht aufgehoben.“

Darüber hinaus postuliert die Landesregierung immer wieder die Notwendigkeit der Frühförderung schon im Kindergarten. Gleichzeitig hat sie sich aber der Co-Finanzierung der Elternfreibeträge für die Kindertageseinrichtungen zurückgezogen. was in vielen Kommunen zu einer Erhöhung der Beiträge geführt hat. Eltern, die sich diese Beiträge nicht mehr leisten können, melden ihre Kinder folglich ab. Häufig sind das aber die Kinder, die eine frühe Förderung am dringendsten bräuchten. Sie hat darüber hinaus die Einführung von Studiengebühren beschlossen, was ein soziales Ausschlusskriterium hinsichtlich des Universitätsstudiums gleichkommt. Die Zahl der Einschreibungen ist in diesem Semester bereits um mehr als 5% gesunken. Selbst der Wissenschaftsminister wollte nicht ausschließen, dass es hier einen Zusammenhang gibt.


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