Der Beton bröckelt - Für eine Schulreform aus einem Guss

Die Reaktionen mancher Bildungspolitiker auf die jährliche OECD-Expertise "Bildung auf einen Blick" wirken derzeit angesichts der negativen Resultate für Deutschland wie das Verhalten von Falschfahrern auf der Autobahn: "Da fahre ich neulich auf der Autobahn und 1000 Geisterfahrer kommen mir entgegen!" ("Bildungspolitiker: Alles Quark" fasste der "Weser Kurier" am 15.09. zusammen.)

16.09.2004 Pressemeldung Grundschulverband e.V.

Andreas Schleicher, der die Ergebnisse präsentierte, hat Recht: Der regierungsamtlichen Bildungspolitik in Deutschland fehlen die Visionen. In der deutschen "Kleinstaaterei" fehlt die Bereitschaft zu einer grundlegenden Umsteuerung auf die richtige Straßenseite.

Seit der Feststellung der deutschen "Bildungskatastrophe" von Georg Picht vor mehr als 30 Jahren liegt auf dem Tisch, was geändert werden muss: Das selektive, mehrgliedrige Schulsystem ist historisch überholt und: Es wird zu wenig in Bildung investiert. Vor allem Kindertagesstätten und Grundschulen sind die leidtragenden Institutionen. In keinem anderen Land Europas haben Erzieherinnen nur einen Fachschulabschluss. In kaum einem anderen europäischen Land wird im Vergleich zu anderen Schulformen so wenig in die Grundschule investiert. Und dennoch: Deutsche Grundschulkinder schneiden bei internationalen Vergleichsstudien besser ab als die 15Jährigen! Die Ursache: Die Grundschule ist die einzige "Schule für alle Kinder" in Deutschland!

"Die Grundschule", stellt Horst Bartnitzky, Vorsitzender des Grundschulverbands fest, "ist das Modell für eine wirkliche 'Gemeinschaftsschule' in Deutschland, wie sie jetzt auch Ministerin Bulmahn und andere rot-grüne Politikerinnen und Politiker fordern."

Die Gründe für den Erfolg schulischer Systeme in Ländern wie Schweden, Finnland oder Kanada sind kein Geheimnis: Sie heißen "Eine Schule für alle Kinder", mindestens bis zur 9. Klasse." Und: Jedes Kind gilt als "exceptional", auf jedes Kind kommt es an, kein Kind darf dauerhaft beschämt werden.

Horst Bartnitzky: "In Deutschland werden Schülerinnen und Schüler so rasch wie möglich nach Leistungsniveaus sortiert. Die typisch deutschen Instrumente dafür sind Noten, Klassenarbeiten, Sitzenbleiben, Sonderschul-Überweisungen und in der Sekundarstufe Durchlässigkeit - aber nur nach unten!"

Die Bildungslandschaft in Deutschland erschien lange Zeit wie betoniert. Die Schulstrukturfrage war ein Tabu. Die Landesregierungen flüchteten sich in Einzelmaßnahmen: Hier mal etwas mehr Förderung, da mal etwas mehr Gesamtschule, dort mal zusätzliche Sprachkurse, für alle etwas mehr Ganztagsbetreuung.

Bundesbildungsministerin Bulmahn hat inzwischen verstanden, dass der Schlüssel für das Erkennen und Fördern aller Begabungen eine möglichst früh beginnende und möglichst lang andauernde gemeinsame Bildung und Erziehung aller Kinder und Jugendlichen ist. Andere Politikerinnen und Politiker und zahlreiche Vertreter gesellschaftlicher Institutionen und Organisationen stimmen der Grundidee einer "Gemeinschaftsschule" zu. Der bildungspolitische Beton beginnt zu bröckeln.

Horst Bartnitzky: "Jetzt geht es darum, alle gesellschaftlichen Initiativen zu verstärken, die die Idee einer 'Gemeinschaftsschule' befördern können. Das ist die richtige Vision für unser Bildungswesen. Eine solche Bildungspolitik aus einem Guss nützt allen Kindern und Heranwachsenden."

(Pressetext: Petra Milhoffer / Ulrich Hecker)

Ansprechpartner

Grundschulverband e.V.

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