Genaues Hinschauen offenbart Mängel im Schulsystem

"Die im Ländervergleich erzielten PISA-Ergebnisse der Thüringer Schulen basieren auf der engagierten Arbeit von Lehrerinnen und Lehrern, die trotz schwieriger Bedingungen ganze Arbeit leisten. Leider findet das in der Politik und in der Öffentlichkeit zu wenig Anerkennung", sagte Jürgen Röhreich, Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Thüringen.

03.11.2005 Thüringen Pressemeldung GEW Thüringen

"Die Thüringer Pädagogen haben mehr verdient als einen dürren Dankessatz in der Pisa-Pressemitteilung des TKM." Anerkennenswert sind vor allem die seit dem ersten Pisa-Test 2000 erzielten Verbesserungen. Bei aller Euphorie, die das Kultusministerium verbreitet, dürfen Realitäten nicht verdrängt werden. Da werden mal schnell die Ausfallstunden unter den Teppich gekehrt, da wird gar nicht mehr davon gesprochen, dass Thüringen seit mehr als 10 Jahren in der Spitzengruppe der Länder liegt, die jährlich mehr als 11 % der Schüler ohne Abschluss von der Schule schicken. Die Verlierer des Schulsystems werden in Warteschleifen wie Berufsvorbereitungsjahr an berufsbildenden Schulen "geparkt". Der konstant hohe Prozentsatz an Förderschülern in Thüringen (rund 7 %) weist darauf hin, dass die anderen Schularten ihrem Förderanspruch nur bedingt gerecht werden können. Eine nüchterne Analyse des heute vorgelegten Berichts des deutschen Pisa-Konsortiums macht deutlich, wo auch in Thüringen noch dringender Handlungsbedarf besteht. So erreichen 19,6% der Thüringer Schüler in der Lesekompetenz nach wie vor nur Stufe I oder liegen sogar darunter (9,8%). Das heißt, sie können nicht oder kaum lesen! Bei der mathematischen Kompetenz zeigt der thüringeninterne Schularten- Vergleich, dass rund 50% der Regelschüler die selbe Kompetenzstufe erreichen wie die Schüler am Gymnasium. Diese Schüler wären in der Lage, ein Gymnasium zu besuchen, werden aber vorher aussortiert. Das ist ein gravierender Mangel des Schulsystems und damit der Schulstruktur.

Zweifelhaft bleibt der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen bzw. Bildungsergebnissen. Auch wenn Thüringen, laut vorgelegtem Bericht, die geringste soziale Streuung aufweist, so ist die Chance eines Kindes aus reichem Elternhaus (je nach Berechnungsmodell) zwischen 3,5 und 5 mal höher ein Gymnasium zu besuchen, als bei Kindern aus armen Elternhäusern. Dieser systembedingte Skandal kann nur durch eine System- und Strukturveränderung beseitigt werden, wenn man ihn beseitigen will.

Zweifellos sind in Thüringen Leistungsverbesserungen erreicht und es sind auch Schritte in die richtige Richtung eingeleitet worden, z.B. die Hinwendung zu frühkindlicher Bildung, die Stärkung der Eigenverantwortung von Schule, der Aufbau von Unterstützungssystemen für Schulentwicklung, die Schuljugendarbeit, um einige zu nennen. Leider gibt es aber aktuelle Entwicklungen, die diese Bemühungen wieder zunichte machen werden, wie die Kommunalisierung (oder besser Abkoppelung) der Grundschulhorte, die faktische Beseitigung der Schuljugendarbeit oder die Verschlechterung der Kita-Finanzierung zeigen. "Bleibt zu hoffen, dass Kultusministerium und Landesregierung sich nicht nur an den Erfolgen berauschen, sondern auch die noch immer existierenden gravierenden Mängel im Thüringer Bildungssystem beseitigen. Dabei darf es keine Tabus geben. Der heute vorgelegte Länderbericht macht vor allem Defizite bei der Chancengleichheit und der individuellen Förderung jedes einzelnen Schülers deutlich. Bis zu den internationalen Spitzenplätzen ist es noch weit. Aus dem Bericht ist auch keineswegs die Überlegenheit des gegliederten Schulsystems ablesbar. Entgegen der Auffassung des TKM, wird das gegliederte Schulsystem durch PISA-E nicht heilig gesprochen", so Röhreich abschließend.

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GEW Thüringen

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