Chancengleichheit

Zehn Dimensionen

Allen Kindern einen guten Start ermöglichen unabhängig von ihrer Herkunft. Mit diesem Ziel entwickelt das Centre for Research in Early Childhood in Birmingham seit 30 Jahren wissenschaftlich fundierte Strategien für Kitas und Familien.

03.11.2026 Bundesweit Artikel Meine Kita
  • Zwei Kinder kneten. © www.pexels.com Das Centre for Research in Early Childhood in Birmingham entwickelt seit 30 Jahren wissenschaftlich fundierte Strategien für Kitas und Familien.

Mit rund 1,15 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern ist Birmingham die zweitgrößte Stadt Großbritanniens. Die Metropole blickt auf eine lange Tradition als Industriestandort zurück. Erfinder James Watt stellte bereits im 18. Jahrhundert in Birmingham Dampfmaschinen her. Über die Jahrzehnte entwickelte sich die Stadt zu einer bedeutenden Produktionsstätte für Metall, Werkzeuge und Waffen. Heute hingegen gilt Birmingham als Stadt der Wissenschaft, Forschung, Wirtschaft und Bildung. Neben mehreren Hochschulen und Instituten haben sich hier zahlreiche Einrichtungen etabliert, die sich mit gesellschaftlichen Fragen beschäftigen. Eine davon ist das „Centre for Research in Early Childhood“.

Das CREC arbeitet seit drei Jahrzehnten an der Weiterentwicklung der frühkindlichen Bildung. 1995 haben die britische Frühpädagogikprofessorin Chris Pascal und Bildungsforscher Tony Bertram das CREC gegründet – mit dem Ziel, wissenschaftliche Erkenntnisse über die Entwicklung junger Kinder von der Geburt bis zum Grundschulalter in die pädagogische Arbeit zu integrieren. Gemeinsam mit Pascal und Bertram leiten heute die beiden Forschenden Helen Lyndon und Sean Delaney die Einrichtung. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht weiterhin die Frage, wie sich die Bildungs- und Entwicklungschancen von Kindern bereits in den ersten Lebensjahren verbessern lassen: „Positive Erfahrungen in der frühen Kindheit bilden die Grundlage für die Zukunft eines Kindes“, heißt es im Leitbild des CREC.

Ursprünglich war das CREC auf dem Campus der Universität Worcester knapp 50 Kilometer außerhalb Birminghams angesiedelt. 2000 zog das CREC auf Einladung der Stadt in das St. Thomas‘ Children's Centre im Zentrum Birminghams um. Der Umzug bedeutete einen veränderten Arbeitsansatz: Forschung sollte nicht ausschließlich an Hochschulen stattfinden, sondern dort, wo Kinder lernen, spielen und aufwachsen. Die Zusammenarbeit zwischen CREC und Birmingham entwickelte sich zu einer bis heute bestehenden Partnerschaft, in deren Rahmen das CREC Forschungsprojekte durchführt, die Stadt in Bildungsfragen berät und ihre pädagogischen Fachkräfte qualifiziert. Zu den Kooperationspartnern des CREC gehören auch weitere Kommunen, Hochschulen, Regierungsbehörden sowie Organisationen im europäischen und internationalen Raum – schließlich ist die Gründerin des CREC Chris Pascal Präsidentin der internationalen Forschungsgemeinschaft „European Early Childhood Education Research Association“ EECERA.

Alle Kinder erreichen

Die enge Verbindung zu Birmingham prägt die Arbeit des CREC entscheidend. Birmingham gilt als eine der kulturell vielfältigsten Großstädte Europas. Menschen aus mehr als 180 Nationen leben hier zusammen. Die Stadtteile unterscheiden sich deutlich voneinander. Während einige Quartiere zu den wirtschaftlich stärksten des Landes gehören, weisen andere hohe Armutsquoten und damit erhöhten Unterstützungsbedarf für Familien auf. Die unterschiedlichen Lebensbedingungen innerhalb der Stadt gelten zugleich als Arbeitsauftrag für das CREC: Bildungsangebote so zu gestalten, dass sie allen Kindern unabhängig von ihrer sozialen Herkunft zugutekommen.

Zu den aktuellen Stadtprojekten des CREC gehört die Umsetzung und wissenschaftliche Begleitung der „Best Start in Life Strategy“ für Birmingham. 2025 hat die britische Regierung diese Strategie für Kinder von der Geburt bis zum Schuleintritt beschlossen. Ziel ist es, dass bis 2029 75 Prozent der Fünfjährigen ein hohes Entwicklungsniveau im Sinne der „School Readiness“, also der Schulreife, erreichen. Familien sollen dafür frühzeitig und unkompliziert Zugang zu den unterschiedlichen Bildungs- und Unterstützungsangeboten für ihre Kinder finden – etwa im Gesundheitswesen, in den Kitas, Familienzentren und Sozialdiensten. Das CREC wertet dafür Daten etwa zur sprachlichen, sozialen und körperlichen Entwicklung der Kinderaus, entwickelt Qualitätsstandards und unterstützt Fachkräfte mit Fortbildungsangeboten.

Ein besonderer Schwerpunkt der „Best Start in Life Strategy“ liegt auf den sogenannten „First 1001 Days“, dem Zeitraum von der Schwangerschaft bis zum zweiten Geburtstag eines Kindes. Diese Lebensphase gilt in der Forschung als besonders bedeutsam für die körperliche, sprachliche, soziale und emotionale Entwicklung. Deshalb berät das CREC Birmingham Familien und Kitas auch bei Themen wie Schwangerschaftsbegleitung, frühkindliche Gesundheit, Sprachentwicklung sowie beim Übergang in frühpädagogische Einrichtungen.

Qualität in mehreren Dimensionen

Zeitgleich rollt das CREC sein Weiterbildungsprogramm „EEL – 10 Dimensions of Quality“ aus. Es baut auf das Konzept „Effective Early Learning“ EEL auf und richtet sich an Kitas, die ihre pädagogische Qualität weiterentwickeln wollen. Im Mittelpunkt stehen zehn Qualitätsbereiche, die unterschiedliche Aspekte frühpädagogischer Arbeit erfassen. Dazu gehören unter anderem die Gestaltung der Lernumgebung, die Interaktionen zwischen Fachkräften und Kindern, die Zusammenarbeit mit Familien, Beobachtung und Dokumentation, Teamarbeit, Führung sowie die kontinuierliche Qualitätsentwicklung innerhalb der Einrichtung.

Das EEL-Weiterbildungsprogramm ist ein mehrstufiger Entwicklungsprozess. Die teilnehmenden Einrichtungen beginnen mit einer Selbstbewertung ihrer pädagogischen Arbeit. Anschließend sammelt das CREC eigene Beobachtungen und Daten, wertet diese aus und formuliert gemeinsam mit den Kitas konkrete Entwicklungsziele. Nach der Umsetzung der vereinbarten Maßnahmen erfolgt eine erneute Überprüfung der Ergebnisse. CREC begleitet die Einrichtungen während des Prozesses durch Beratung, wissenschaftliche Begleitung und Fortbildung. Damit wird das Birminghamer „Center for Research in Early Childhood“ auch dem eigenen Leitbild gerecht: „Das Leben von Kindern positiv zu verändern bedeutet, pädagogische Fachkräfte, Familien und Städte zu stärken und ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen zu verbessern.“

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: Magazin Meine Kita, Ausgabe 03/2026, S. 28-29, www.meinekita.de



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