Nach der Geburt zu wenig Betreuung
(bikl/idw) Deutschland verfügt heute über das weltweit dichteste System einer technisch-apparativen Versorgung für schwangere Frauen. Ärzte stufen inzwischen etwa 70 und 80 Prozent aller Schwangerschaften als "kontrollbedürftige Risikofälle" ein und überwachen damit selbst normal verlaufende Schwangerschaften immer intensiver. Demgegenüber sind infrastrukturelle Angebots- und Versorgungsstrukturen für Familien nach der Geburt von Kindern bisher völlig unterentwickelt.
13.06.2005 ArtikelDie von der Arbeiterwohlfahrt in Auftrag gegebene Studie "Gute Kindheit - Schlechte Kindheit" belegt, dass 43 Prozent aller Kinder, die in mindestens zwei zentralen Lebensbereichen (Ernährung, kultureller und sozialer Bereich, Gesundheit) Defizite aufwiesen, keinerlei professionelle Unterstützung im Sinne einer gezielten Frühförderung erfahren hatten. Werden solche Unterversorgungslagen nicht bearbeitet, potenzieren sie sich tendenziell entlang des weiteren Lebensverlaufs. Gerade Kinder aus bildungsarmen Herkunftsfamilien sind bisher durch ein "Zuviel an Familie" und ein "Zuwenig an familien- und kindbezogenen Infrastrukturen" benachteiligt worden.
Kinderinteressen wahrnehmen
So belegen Untersuchungen die überproportionalen Kariesprävalenz- und Übergewichtsraten bei Grundschulkindern aus bildungs- und einkommensarmen Familienhaushalten, Entwicklungsverzögerungen im kognitiven, sprachlichen und motorischen Bereich. Über 30 Prozent dieser Kinder werden deshalb nicht regulär eingeschult. Angesichts dieser Fakten - so schreibt Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe jetzt in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift "UNIVERSITAS. Orientierung in der Wissenswelt", - helfe es nicht weiter, gebetsmühlenartig an die Elternverantwortung zu appellieren, sondern das Kind müsse in den Mittelpunkt gestellt werden. In Familienbildungs- und Kindertagesstätten, später in Schulen und Horten müssten Kinderinteressen wahrgenommen werden.
Ganztagsangebote
Professionell konzipierte Ganztagsschulen, böten - so die Autorin, die an der Justus-Liebig-Universität Gießen die Professur für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwisssenschaften innehat - sowohl für Eltern als auch für Kinder zahlreiche Chancen. Gerade für Kinder aus sozial benachteiligten Herkunftsmilieus leisteten vielfältige und pädagogisch gut ausgestattete Ganztags-Betreuungsangebote einen elementar wichtigen Beitrag zur Chancengerechtigkeit. Allerdings setze das voraus, sich von bestimmten "mittelschichtorientierten" Konzeptionen zu verabschieden, etwa nur dann bei der Erledigung der Hausaufgaben behilflich zu sein, wenn die Schüler danach fragten.
Kinder mit Migrationshintergrund könnten bei Ganztagsbetreuung gemeinsam mit deutschen Kindern ihren Alltag auch jenseits der Schulunterrichts gestalten - mit positiven Wirkungen für den Erwerb der deutschen Sprache. Erfahrungsgemäß seien Kinder und Jugendliche als Akteure in ihren Herkunftsfamilien diejenigen, die neue Erfahrungen und Anregungen in die familiale Alltagsgestaltung einbringen und damit zum "Austausch und der Assimilation von verschiedenen Kulturen" beitragen.
Gut für die ganze Familie
Gefragt sei also ein intelligenter Umgang mit Differenz, anstatt diese Lern- und Lebensorte von Kindern vorschnell zu homogenisieren. Besonders für allein erziehende Mütter und Väter seien verlässliche Ganztags-Betreuungsangebote entlastend, weil Zeitstress abgebaut, eine Erwerbsbeteiligung möglich und soziale Isolation vermieden werde. Aber auch in anderen Familienkonstellationen eröffnen Ganztagsangebote eine verlässliche Zeitstrukturierung und eine befriedigende Work-Life-Balance für alle Familienangehörigen, so dass "Familienzeit", das heißt, die zeitgleiche Anwesenheit von Eltern und Kindern, auch de facto als gemeinsame Zeit genutzt werden könne. Zudem eröffne sich dadurch insbesondere für Mütter die Möglichkeit, einer Existenz sichernden Berufsarbeit entsprechend ihrer Qualifikationen nachzugehen.
Warnung vor Billiglösungen
Unerwünschte Nebenwirkungen würden nur dann eintreten, wenn die Qualität der Ganztagsangebote nicht an modernen Standards der Kindheits-, Familien- und Genderforschung orientiert sei, die fachliche Ausbildung nicht verbessert und erweitert werde oder wenn unter Hinweis auf die Finanzlage von Kommunen "Billiglösungen" gefahren würden.
Weitere Informationen:
www.hirzel.de/universitas
www.kinderuniversitas.de
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