Gastbeitrag

Vielfalt im Puppenhaus

Um Diversität zu fördern, müssen Vorurteile überwunden werden. Über den Wert von Kinderspielzeug und wie es dabei helfen kann. Von Marisa Balz

23.07.2021 Bundesweit Artikel Meine Kita
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Emil*, vier Jahre alt, läuft quer durch den Gruppenraum und schwenkt dabei stolz eine Handtasche mit Glitzerpailletten hin und her. „Nanu, was hältst du denn in der Hand?“, fragt ihn die pädagogische Fachkraft intuitiv, als sie den Jungen sieht. Sie ist leicht irritiert von dem Anblick, die Folge ist eine unbewusste Reaktion. „Dass auch Jungen Handtaschen tragen, mag ihr fremd erscheinen“, sagt Caroline Ali-Tani, Erziehungswissenschaftlerin und Expertin für inklusive Pädagogik. Sie erkennt in der Reaktion der Fachkraft ein Vorurteil, basierend auf einer stereotypen Erwartungshaltung an Verhaltensweisen. Auch wenn die Fachkraft beiläufig auf Emils Verhalten reagiert, kann ihr Kommentar dazu führen, dass der Junge in seinem Handeln verunsichert wird. „Dabei ist gerade das frühe Alter sehr sensibel“, mahnt Ali-Tani wohlmeinend „denn Kinder beginnen ab circa zwei Jahren Kategorien wie männlich und weiblich zu entwickeln.“ 

Weniger Schubladendenken 

Laut Ali-Tani gehören Vorurteile zur menschlichen Natur: „Wir sind alle, geprägt von einem konstruierten Normalitätsverständnis, sozialisiert worden und sollten uns zugestehen, dass wir mit Einseitigkeiten aufgewachsen sind“, sagt sie. Entscheidend sei, sich der eigenen Denkmuster bewusst zu werden und tradierte Gedankengänge zu hinterfragen. Die Inklusionsforscherin macht deutlich, dass Diversität und Vielfalt überall gegeben sind, aber meist an Kategorien wie Hautfarbe, Geschlecht oder Sprache festgemacht werden. „Eine Kitagruppe ist nicht weniger vielfältig, nur weil sie keine Kinder mit Beeinträchtigung oder mit Migrationshintergrund hat“, erläutert Ali-Tani. Im Gegenteil, sie plädiert dafür, weg vom binären Denken – mit oder ohne Behinderung, mit oder ohne Migrationshintergrund – zu gehen, und alle Unterschiede als gleichwertig anzuerkennen. Ebenso wie Verhaltensweisen. Außerdem sei es wichtig – gerade in der Pädagogik – Kinder nicht ständig miteinander zu vergleichen und sich an einer vermeintlichen Norm zu orientieren. Ali-Tani nennt typische Denkmuster, wie „Dafür bist du noch zu klein“, oder „Du bist schon alt genug“, die es zu überwinden gilt. Sie betont: „Fachkräfte sind hier in der Verantwortung, sich das immer wieder bewusst zu machen, um keinen Druck bei Kindern zu erzeugen.“ 

Mehr Spielzeugvielfalt 

Vielmehr sei es von Bedeutung, die Kinder in ihren Persönlichkeitskompetenzen zu stärken undauf die individuelle Vielfalt von Kindern einzugehen. Kinderspielzeug oder Materialien in der Kita bieten sich laut Ali-Tani gut dafür an. „In Bilderbüchern ist die Prinzessin häufig blond und hat eine helle Haut“, stellt sie fest. „Nicht selten ist die Folge, dass Kinder mit dunkler Haut dann versuchen, sich ihre Hautfarbe abzuwaschen.“ Da fehle es an Identifikationsmöglichkeiten. Auch das Puppenhaus oder Geschichten, die ein klassisches Bild vermitteln, bei der die Familie im Einfamilienhaus wohnt und der Vater morgens zur Arbeit geht, führen an der Realität vorbei: „Kinder, die in einem Wohnblock leben oder nie in den Urlaub fahren, sind in der Lern- und Spielumgebung kaum repräsentiert“, sagt Ali-Tani. Sie schlägt vor, die Lernraumumgebung, beispielsweise alle Spielmaterialien, zu analysieren, um dem entgegenzuwirken. Fachkräfte können danach schauen, wer die Helden in den Kinderbüchern sind und welche Spielfiguren oder Puppen in der Kita vorhanden sind. Das solle nicht heißen, dass gezwungenermaßen alle Sachen ausgetauscht werden müssen. Sie können laut Ali-Tani auch einen Anlass bieten, die vielfältigen Lebenssituationen in der Gruppe zu besprechen. „Schließlich gibt es auch die Patchwork-Familie oder Alleinerziehende – erst durch den Austausch lernen die Kinder zu reflektieren, was wiederum ihre emotionale Intelligenz steigert“, sagt sie. 

Selbstreflexion ist alles

Damit Diversität in der Gesellschaft gelingt, dürften laut Ali-Tani Vorurteile idealerweise erst gar nicht mehr entstehen. Dann müssten Erwachsene nicht mehr den Rückschritt zu Selbstreflexion machen und vorurteilsbehaftete Denkmuster durchbrechen. Je früher diese herzbildenden Fähigkeiten erlernt würden, desto besser, denn „Kinder bieten die Chance zur Gesellschaftsveränderung“, so ihre Hoffnung, „indem sie von Beginn an eine Selbstverständlichkeit für Diversität entwickeln."

*Name von der Redaktion geändert

Vielfalt in der Kita: Ein Veränderungsprozess

Die deutsche Kinder- und Jugendstiftung hat in dem Projekt „Vielfalt in Kitas – Inklusive Bildung im Sozialraum“ herausgearbeitet, dass es sich bei Inklusion um einen Entwicklungsprozess handelt. Die wesentlichen Erkenntnisse wurden in einer Handreichung zusammengetragen: 

  1. Ein gemeinsamer Prozess: Ein erfolgreicher Veränderungsprozess setzt voraus, dass alle im Team beteiligt sind und Vorbehalte und Ängste offen ansprechen können. Die Kitaleitung und Träger nehmen dabei eine Schlüsselrolle ein. 
  2. Auf einer Ebene anfangen: Viele Ebenen – Fachkraft, Team, Leitung, Träger, Eltern – tragen zum Prozess bei. 
  3. Ziele setzen: Gemeinsame Vereinbarungen und Ziele formulieren – und diese regelmäßig überprüfen und anpassen.
  4. Transparenz schaffen: Es ist wichtig, Prozesse und Schritte regelmäßig in Teamrunden zu thematisieren. 
  5. Umwege in Kauf nehmen: Veränderungsprozesse verlaufen meist nicht gradlinig und Stolpersteine tauchen auf. Daher braucht es Zeit und Geduld. 
  6. Organisationsentwicklung gehört dazu: Neben jedem Einzelnen, der Vielfalt anerkennt und eine inklusive Haltung zu entwickeln beginnt, gehen auch Veränderungen in der gesamten Organisation mit einher.
  7. Vielfalt im Umfeld nutzen: Die Zusammenarbeit mit Partnern – wie Grundschulen, Frühförderstellen oder Ehrenamtlichen – ermöglicht ein breites Handlungsspektrum, um Inklusion zu leben.
  8. Externe Unterstützung und Input: Fortbildungen und Projekte, wie Vielfalt in Kitas, schaffen zusätzliche Reflexionsräume und stellen kritisch-aktivierende Fragen, die eine Basis für die Auseinandersetzung mit konkreten Fachthemen sein können.

Mehr Infos unter www.dkjs.de

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: Meine Kita – Das didacta Magazin für die frühe Bildung, Ausgabe 1/2021, S. 8-9, www.meine-kita.de.


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