Bildungssenatorin zeichnet die sechs besten "KESS-4-Schulen" aus
Der Grad der sozio-ökonomischen Belastung oder Privilegierung der Schülerschaft einer Schule lässt keine zwingenden Rückschlüsse auf die Qualität schulischer Ergebnisse zu. Das ist eines der Ergebnisse der Schulleistungsuntersuchung KESS 4 (Kompetenzen und Einstellungen von Schülerinnen und Schülern – Jahrgangsstufe 4) aus dem Sommer 2003, die der Autor der Studie Professor Dr. Wilfried Bos (Universität Dortmund) heute ausführlich vorstellte.
26.10.2005 Hamburg Pressemeldung Behörde für Schule, Familie und Berufsbildung (BSFB)So haben folgende sechs Schulen nach Maßgabe des Sozialindex, in dessen Erstellung die soziale Belastung der Schule im Stadtteil, das ökonomische und kulturelle Kapital der Schülerfamilien, das schulbezogene soziale Kapital im Elternhaus und die ethnische Homogenität berücksichtigt worden sind, im Vergleich zu anderen Schulen mit vergleichbarer sozialer Lage ihrer Schülerschaft im Rahmen der KESS 4-Untersuchung besonders erfolgreich abgeschnitten:
- Schule An der Isebek,
- Schule Appelhoff,
- Schule Eckerkoppel
- Schule Klein Flottbeker Weg,
- Schule Oppelner Straße und
- die Westerschule Finkenwerder.
Bildungssenatorin Alexandra Dinges-Dierig würdigte die Arbeit dieser sechs Schulen und übergab den Schulleitern Büchergutscheine im Wert von jeweils 200 Euro für die Schulbibliotheken.
Bereits die Ergebnisse aus der KESS-4-Kurzfassung vom August 2004 haben gezeigt, dass gegenüber den 1996 im Rahmen der LAU ("Lernausgangslagenuntersuchung") getesteten Schülerinnen und Schülern ein Leistungszuwachs im Lesen von etwa einem halben Lernjahr und in Mathematik von sogar etwa einem Lernjahr zu verzeichnen ist. Die Hamburger Viertklässlerinnen und Viertklässler haben sowohl in diesen beiden Fächern als auch im naturbezogenen Lernen den Bundesdurchschnitt erreicht bzw. überschritten haben. Leicht unterdurchschnittlich war dagegen das Abschneiden im Rechtschreibtest.
Der jetzt vorliegende vertiefende Bericht ergibt weitere wichtige Befunde:
- Die enge Bindung von schulischer Leistung und sozialer Herkunft hat sich deutlich bestätigt. Das Ergebnis zeigt, dass bereits am Ende der Grundschule die Leistungsschere weit geöffnet ist.
- Doch auch bei gleichen kognitiven Fähigkeiten und gleicher Lesekompetenz hat ein Kind aus einer Familie mit einem hohen sozio-ökonomischen Status eine 2,6-fach höhere Chance, eine Gymnasialempfehlung zu bekommen, als ein Kind aus einer Arbeiterfamilie. Kinder aus sozial unterprivilegierten Lagen müssen in Hamburg eine deutlich höhere Schulleistung (in Form eines besseren Notenmittelwerts) erbringen, um eine Gymnasialempfehlung zu erhalten, als Kinder aus sozial privilegierten Lagen, die auch bei unterdurchschnittlichen Leistungen vor allem Schulformen nutzen, die eine Option auf höhere Bildung offen halten.
- Die Schulformwahl hängt in hohem Maß von der sozialen Lage und vom Bruttojahreshaushaltseinkommen der Schülerfamilien ab.
- Erstmalig konnte gezeigt werden, dass ein hoher Zusammenhang zwischen einem schwach ausgeprägten Beziehungsgeflecht und niedrigen schulischen Leistungen besteht. So zeigen sich in allen Kompetenzbereichen ausgeprägte Unterschiede zwischen Kindern, die angeben, dass ihre Eltern ihre Freunde kennen, und Kindern, die dieser Aussage nicht voll zustimmen.
- Geht eine unterprivilegierte soziale Lage mit einem Migrationshintergrund einher, erhöht sich das Risiko, keine Unterstützung durch die Familie in schulischen Belangen zu erhalten, da bei der Gruppe dieser Kinder noch die geringen Deutschkenntnisse hinzukommen. Der Sprachgebrauch und die dadurch fehlende Unterstützung in der Familie hat einen hohen Einfluss auf den schulischen Erfolg der Kinder.
Bildungssenatorin Alexandra Dinges-Dierig: "Die Ergebnisse zeigen eindrucksvoll, wie wichtig die sprachliche Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund und von Kindern in sozial schwacher Lage ist. Kinder, die zu Hause nicht das anregungsreiche Lernmilieu vorfinden, das zur optimalen Entwicklung ihrer Potenziale erforderlich wäre, sind auf eine entspre-chende Unterstützung angewiesen. Das neue Sprachförderkonzept eignet sich hierfür in besonderer Weise und ist in diesem Sinne hochbedeutsam für eine adäquate Steuerung. Wir haben die Sprachförderung so umgebaut und intensiviert, dass sie jetzt vor allem in den sozio-ökonomisch schwächeren Stadtteilen greift. Mit den verpflichtenden Sprach- und Entwicklungsförderkursen für nicht altersgemäß entwickelte Fünfjährige machen wir ab dem kommenden Schuljahr den nächsten entscheidenden Schritt, um so früh wie möglich alles für eine größere Chancengerechtigkeit zu tun.
Durch den bei KESS 4 erstellten Sozialindex sind wir in der Lage, die vorhandenen Ressourcen unter Berücksichtigung der kulturellen, sozialen und ökonomischen Lage der Schülerfamilien gerecht auf die Schulen zu verteilen. Kein anderes Bundesland steuert den Ressourceneinsatz auf so einer fundierten Basis wie Hamburg.
Die Verlängerung der Lernzeit durch die erhebliche Ausweitung des Ganztagsschulangebots in Hamburg wird Schülerinnen und Schülern aus Familien mit schwach ausgeprägten Beziehungsgeflechten helfen, ihre eigene, stärkere soziale Verankerung zu finden: Die Schule als Lern- und Lebensort kann Beziehungsgeflechte aufbauen und stabilisieren helfen.
KESS 4 zeigt uns auch, dass das Bewusstsein der Lehrerinnen und Lehrer für ihre ganz persönliche Verantwortung, die sie für die Lernerfolge ihrer Schülerschaft haben, noch gestärkt werden muss. Daran werden wir unter anderem mit der zum kommenden Schuljahr anstehenden Etablierung der Schulinspektion arbeiten.
Die veröffentlichten Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz für Deutsch und Mathematik für die Grundschule bilden die Grundlage, zusammen mit dem Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen in Berlin (IQB) Vergleichsarbeiten für den Grundschulbereich zu entwickeln, die u. a. einen Referenzrahmen für die Notenvergabe und Empfehlungspraxis darstellen werden."
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