Demografische Rendite muss im System bleiben
Weniger Geburten bedeuten auf lange Sicht kleinere Schülerjahrgänge – und damit eine historische Chance, die Unterrichtsversorgung dauerhaft zu sichern.
04.11.2026 Bundesweit Pressemeldung Deutscher Philologenverband (DPhV)2025 kamen laut Institut der deutschen Wirtschaft (IW) nur noch 654.000 Kinder zur Welt – der niedrigste Stand der Nachkriegszeit. An den allgemeinbildenden Schulen aber steigt die Zahl der Schülerinnen und Schüler erneut: Im Schuljahr 2025/26 sind es knapp 9 Millionen, rund 84.000 mehr als im Vorjahr, wie aus den Zahlen des Statistischen Bundesamtes hervorgeht. Bei den Einschulungen gibt es zwar ein leichtes Minus: 811.200 Kinder kamen in die erste Klasse, rund zwei Prozent weniger als im Vorjahr. Diese Kinder stammen allerdings noch aus den geburtenstarken Jahrgängen 2018 und 2019 mit jeweils rund 780.000 Geburten – der eigentliche Geburtenknick steht den Schulen erst noch bevor. Er wird die Grundschulen gegen Ende des Jahrzehnts und die Gymnasien in den 2030er-Jahren erreichen. Der Deutsche Philologenverband (DPhV) warnt davor, mit dem heutigen Geburtentief Stellenkürzungen zu rechtfertigen, die den Lehrkräftemangel nur weiter verlängern würden. Er fordert mit Nachdruck, die demografische Rendite vollständig im Schulsystem zu belassen: Die später freiwerdenden Stellen müssen für eine Lehrkräfteversorgung von 130 Prozent genutzt werden, damit endlich 100 Prozent Unterricht für die Schülerinnen und Schüler stattfinden kann. Und zeitgleich kann längst überfällig das seit 100 Jahren für alle Lehrkräfte stetig erhöhte Unterrichtsdeputat gesenkt werden! Diese sich bietende Chance müssen die Länder für gute Bildung jetzt ergreifen.
„Wer das heutige Geburtentief nutzt, um morgen Stellenkürzungen zu rechtfertigen, handelt nicht nur kurzsichtig. Er nimmt sehenden Auges in Kauf, dass der Lehrkräftemangel bestehen bleibt – obwohl er gerade jetzt zur Chance werden könnte“, sagt DPhV-Bundesvorsitzende Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing. „Bei einer Versorgung von rechnerisch 100 Prozent fällt Unterricht bei jeder Klassenfahrt, jedem Projekttag, jeder Schwangerschaft und jeder Erkrankung für Schülerinnen und Schüler aus. Erst mit 130 Prozent Lehrkräfteversorgung sind Vertretung und individuelle Förderung verlässlich möglich. Ebenso braucht es eine Absenkung des Stundendeputats, um Unterricht gut durchführen, vor- und nachbereiten zu können und Lehrkräfte gesund im Dienst zu halten – eine gute Versicherung gegen den Lehrkräftemangel. Beides ist jetzt planbar und wir fordern die verbindliche Zusage und Planung der Bildungs- und Finanzministerinnen und -minister der Länder!“
Eine Trendwende bei den Geburten ist nicht in Sicht, denn die Zahl der potenziellen Mütter dürfte laut IW bis 2035 um rund zehn Prozent sinken. Die Schülerjahrgänge werden damit dauerhaft kleiner. Zugleich bringt Zuwanderung junge Familien nach Deutschland, die die kleineren Jahrgänge teilweise ausgleichen und die Schülerzahl auch künftig steigen lassen können. Beides spricht gegen Stellenkürzungen: Sinken die Zahlen, sind die freiwerdenden Stellen die Chance auf eine bessere Versorgung. Steigen sie, fehlt jede gestrichene Stelle doppelt – denn Lehrkräfte lassen sich nicht kurzfristig ausbilden. Wie dringend schon heute jede Stelle gebraucht wird, zeigen die Zahlen des Statistischen Bundesamtes schwarz auf weiß: 64.900 junge Menschen haben die allgemeinbildende Schule 2025 ohne Ersten Schulabschluss verlassen. Gerade sie brauchen individuelle Förderung, für die bei einer Versorgung auf Kante keine Zeit bleibt. Hinzu kommt an den Gymnasien der Mehrbedarf durch die Rückkehr zu G9 in einigen Ländern.
„Jahr für Jahr wird die Unterrichtsversorgung auf Kante genäht, und Jahr für Jahr zahlen die Schülerinnen und Schüler mit ausgefallenem Unterricht dafür“, so Lin-Klitzing. „Wer jetzt kürzt, statt umzusteuern, verlängert diese Schieflage mit Ansage. Damit muss Schluss sein.“
Der DPhV fordert daher:
- die demografische Rendite vollständig im Schulsystem zu belassen – freiwerdende Stellen bleiben an den Schulen,
- eine Lehrkräfteversorgung von 130 Prozent, damit 100 Prozent Unterricht, verlässliche Vertretung und individuelle Förderung möglich sind,
- eine Senkung des Deputats und attraktive Altersteilzeitmodelle, damit die Lehrkräfte, die jetzt an den Schulen sind, spürbar entlastet und gesund bis zum regulären Ruhestandsalter im Dienst gehalten werden,
- die vorhandenen, voll ausgebildeten Gymnasiallehrkräfte einzustellen; Quer- und Seiteneinstieg nur mit anspruchsvoller Nachqualifizierung,
- kleinere Klassen.
„Die geburtenschwachen Jahrgänge sind keine Sparchance, sondern eine Qualitätschance“, betont Lin-Klitzing. „Wenn die Länder die freiwerdenden Stellen im System halten, können sie in wenigen Jahren einlösen, was Schülerinnen und Schülern längst zusteht: Jede Unterrichtsstunde findet statt, und Schülerinnen und Schüler können auch individuell gefördert werden. Das ist eine Frage der Chancengerechtigkeit – und des politischen Willens in den Landeshaushalten.“
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