Interview

„Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt.“

Wie wichtig Sprache für einen erfolgreichen Unterricht ist, erklärt der ehemalige Leiter des Studienseminars für das Lehramt an Gymnasien in Koblenz, Prof. Josef Leisen, im Interview.

28.07.2020 Bundesweit Artikel BEGEGNUNG, Martin Stengel
  • © privat / Prof. Josef Leisen

Prof. Leisen, Wissenschaftler der Universität Eichstätt haben in einem Modellversuch herausgefunden, dass Kinder an deutschen Schulen, deren Fachunterricht teilweise in Englisch stattfand, in Mathe und Deutsch besser waren. Woran könnte das aus Ihrer Sicht liegen?
Zuerst einmal ist die kognitive Anregung durch den Fachunterricht in einer Fremdsprache stärker. Zweitens ist die Herausforderung größer und damit auch die Bereitschaft, sich anzustrengen. Drittens zeigt das erworbene Wissen zusätzliche Lerneffekte in anderen Bereichen. Da wirkt das Matthäus- Prinzip: „Wer hat, dem wird gegeben.“ Die Schüler werden also noch mal besser. Hinzu kommt auch der Stolz, besser als andere zu sein. Das spornt an.

Zwischen 2015 und 2019 fand an 21 Grundschulen bayernweit der Modellversuch „Lernen in zwei Sprachen –  Bilinguale Grundschule Englisch“ statt: Mehr als 900 Schülerinnen und Schüler wurden von ihren Lehrkräften im Fachunterricht abwechselnd auf Deutsch und Englisch unterrichtet. Hier finden Sie den Abschlussbericht.

Wie aussagekräftig sind solche Ergebnisse?
Man muss bei Modellversuchen vorsichtig sein. Sie gelingen im Grunde immer, weil sie selektiv sind: Bilingualer Fachunterricht zieht verstärkt Lerninteressierte und sprachlich begabte Schüler aus bildungsnahen Familien an. Da stellt sich die Forschungsfrage, ob die positiven Effekte auch auftreten, wenn der Modellversuch in die Fläche geht. Der weitere Projektverlauf wird also zur Nagelprobe.

Der ehemalige Präsident der Kultusministerkonferenz, Alexander Lorz, sieht wiederum das Beherrschen der „Bildungs sprache Deutsch“ als zentrale Voraussetzung für eine erfolgreiche Schullaufbahn in Deutschland. Wie beurteilen Sie diese Aussage?
Wenn er eine „Bildungssprache in deutscher Sprache“ meint, hat er recht. Die Forscherin Prof. Ingrid Gogolin definiert Bildungssprache als ein Vokabular und eine Art des Sprechens, deren Beherrschung von erfolgreichen Schülerinnen und Schülern erwartet wird. Bildungssprache ist also nicht die deutsche Hochsprache, sondern die Sprache, die im Lehr-Lern-Kontext verwendet wird. Sprachbildung bedeutet dann, den Weg von der Alltagssprache zur Bildungssprache zu finden.

Was kennzeichnet diese Bildungssprache?
Verschiedene Merkmale: sei es der Nominalstil – also die  Anhäufung von Substantiven, eine unpersönliche Ausdrucksweise oder dass sie kontextreduziert ist, Schüler also die Bedeutungen seltener aus dem Kontext ableiten können. All diese Merkmale bereiten Lernenden sprachliche Hürden, weil diese Sprachphänomene in der 
 Alltagssprache so selten vorkommen, dass sie darin nicht geübt sind.

Haben Studentinnen und Studenten heute häufiger Probleme mit der Bildungssprache in Deutsch?
Die Sensibilität für diese Probleme ist heute einfach größer. Früher war angeblich alles besser, aber auch ich habe als Schüler Bildungssprache nicht immer verstanden. Natürlich verändert sich Sprache. Schülerinnen und Schüler können heute besser kommunizieren als frühere Generationen, aber das Sprachweltwissen der Jugendlichen ist nicht mehr das von vor 10, 20 oder 50 Jahren. Ihre Ausdrucksweise und Präzision sind eine andere: Sie neigen dazu, im Bildungsbereich mehr in der Alltagssprache zu sprechen.  Genau da müssen wir ansetzen.

Was bedeutet es, sprachsensibel zu unterrichten?
Sprachsensibler Fachunterricht pflegt einen bewussten Umgang mit Sprache als einem Medium. Er ist sich der störenden Wirkung nicht funktionierender Sprache bewusst und nimmt diese störende Variabel aus der Lerngleichung. Dazu muss die Lehrkraft für die Sprachhürden sensibel sein, die ihren Schülerinnen und Schülern das Fachlernen verstellen. In diesem Zusammenhang möchte ich den Philosophen Ludwig Wittgenstein zitieren: „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt.“ Daraus folgt, dass Sprachlernen auch Welt- und Denkerweiterung ist, und das ist die vornehmste Pflicht aller Schulen. Damit ist jeder Unterricht sprachbildend.

Worauf sollten Lehrkräfte beim Fachunterricht in einer Fremdsprache besonders achten?
Aufgabenstellungen dürfen sprachlich weder über- noch unterfordern. Die Schülerinnen und Schüler gehen sonst in den Standby-Modus, schalten ab und warten, bis die Stunde rum ist. Die Grundidee des Lehrens muss lauten: „Ich unterstütze meine Lernenden mit Methoden-Werkzeugen wie Wortlisten, Bildfolgen oder Redemitteln so, dass sie mit Anstrengung Erfolg haben.“ Dabei müssen die Lernenden aber nicht zwingend fehlerfrei sprechen, lesen oder schreiben können. Fehlerfreiheit darf nicht das Ziel sein. Zum Lernen gehören Fehler und die Erfolge, Aufgaben doch zu meistern.

Prof. Josef Leisen ist Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen und ehemaliger Leiter des Studienseminars für das Lehramt an Gymnasien Koblenz sowie Professor für Didaktik der Physik an der Universität Mainz.

Geht durch den Fokus auf eine Fremdsprache nicht Zeit für die eigentlichen Fachinhalte verloren?
Wenn Fach- und Sprachlernen untrennbar verbunden sind, kann keine Zeit verloren gehen. Ein nicht sprachsensibler Unterricht vergeudet Zeit, weil die Lernenden Inhalte nicht verstehen. Sie müssen zeitraubend wiederholt werden. Mein Argument: Die Zeiträuber sitzen im nicht sprachsensiblen Unterricht. 

Wo liegen die Grenzen sprachsensiblen Fachunterrichts?
Alle Fächer sind dafür geeignet, weil dieselben Grundprinzipien gelten. Aber die Fachlehrkraft muss in jedem Fach didaktisch anders vorbereitet sein. Die Schwierigkeiten der einzelnen Fächer liegen auf verschiedenen Ebenen. Zum Beispiel benötigen Geschichte und Erdkunde ein breites Welt- oder Kulturwissen. Wenn das den Lernenden nicht zur Verfügung steht, wird es schwierig. Die Naturwissenschaften sind wiederum durch ihre Anschaulichkeit prädestiniert für sprachsensiblen und bilingualen Unterricht. 

An Deutschen Auslandsschulen findet der Fachunterricht oft bilingual statt. Welche Bedeutung messen Sie dem bei?
Die Vielfalt der Sprachen ist heute auch in Deutschland eine Alltagserscheinung und prägt die schulische Wirklichkeit. Die entscheidende Frage ist: „Wie gelingt es Schule, diese sprachliche Vielfalt zu nutzen, um bei den Lernenden Mehrsprachigkeit zu erzielen?“ Wie lässt sich also aus sprachlicher Vielfalt mehrsprachliche Kompetenz entwickeln? Wir beschäftigen uns im Wissenschaftlichen Beirat der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen sehr intensiv mit dieser Frage und entwerfen derzeit ein Gesamtkonzept sprachlicher Bildung und Mehrsprachigkeit für die Deutschen Auslandsschulen. Ich denke, wir haben es hier mit einer Ressource zu tun, die vielerorts großes Potenzial bietet, sowohl in Deutschland als auch an den Auslandsschulen. Die Nutzbarmachung dieser Ressource erproben wir daher aktuell an einigen Referenzschulen. Es geht darum, Lern- und Lehrprozesse in unterschiedlichen Sprachen und zu unterschiedlichen Zeitpunkten so zu gestalten, dass sie sich wechselseitig unterstützen und  Synergien frei werden. 

Hier finden Sie weitere Informationen zum sprachsensiblen Fachunterricht.

Dieser Beitrag wurde zuerst in der Zeitschrift "BEGEGNUNG – Deutsche schulische Arbeit im Ausland" 3-2019 veröffentlicht.



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