Förderprojekt für ausländische Schüler bringt Lehramtsstudenten Praxis
(kg) Sprachdefizite werden Schülern im Unterricht zum Verhängnis. Kommen sie im Alltag mit ihren Deutschkenntnissen noch zurecht, reichen diese für Fachtexte in Biologie nicht mehr aus. Um Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund sowohl beim Spracherwerb als auch beim Lernen fachlicher Inhalte zu fördern, unterstützt die Mercator Stiftung ein bundesweites Bildungsangebot. Unterrichtet werden die Schüler von Lehramtsstudenten, die dabei Praxiserfahrung erwerben.
20.10.2006 ArtikelDass die Zuordnung der richtigen Artikel eine der besonderen Tücken der deutschen Sprache ist, weiß Ebru Özean aus eigener Erfahrung. Obwohl sie in Berlin aufgewachsen ist, hat sie zu Hause nur türkisch gesprochen, auch mit Freundinnen, weil diese ebenfalls aus türkischen Elternhäusern stammen. Um richtig Deutsch zu lernen, nahm sie Nachhilfeunterricht. Heute gibt sie Schülern aus Migrantenfamilien Förderstunden. „Wenn ein Schüler die deutschen Erklärungen nicht versteht, kann ich auf Türkisch weiterhelfen, das ist für die Schüler ein großer Vorteil“, berichtet die 22-jährige Studentin. Als sie an der Freien Universität erfuhr, dass Studenten für ein Förderprojekt gesucht werden, hat sie sich sofort beworben. Ebru Özean bedauert, dass es kaum türkische Lehrer gibt. Schließlich sei sie auch ein Vorbild für die Schüler: „Dass ich als Frau die deutsche Sprache beherrsche, Mathematik und Physik studiere, flößt ihnen Respekt ein. Gleichzeitig sehen sie, wenn ich es geschafft habe, können sie das auch“, sagt die angehende Lehrerin. Bereits nach wenigen Monaten zusätzlicher Förderung würden sich ihre Schüler aktiver am Unterricht beteiligen.
Grammatik, Hör- und Leseverständnis
Seit Februar unterrichtet sie nachmittags gemeinsam mit einem Studenten zweimal wöchentlich zwei Stunden lang sechs Achtklässler der Weddinger Oberschule am Brunnenplatz. Auf dem Programm stehen Nachhilfe sowie Übungen für Grammatik, Hör- und Leseverständnis, Rechtschreibung und Wortschatzerweiterung. „Das ist eine gute Erfahrung, man lernt Zeit und Unterricht richtig zu planen und auch individuell auf Schüler einzugehen“, berichtet Förderlehrer Dirk Hartelt von seinen Erfahrungen. Er kritisiert, dass die Praxis im Studium zu kurz kommt. „Drei vierwöchige Schulpraktika in neun Semestern, von denen wir aber nur in zweien unterrichten, sind viel zu wenig“, sagt der Erdkunde- und Biologiestudent. Die beiden Studenten zählen zu den rund 22 Lehramtsstudenten, die etwa 100 Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 16 Jahren in so genannten Brennpunktkiezen in Berlin-Wedding in Kleingruppen unterrichten.
Der Förderunterricht findet im Rahmen des Projektes „Sprint“ (Sprache und Integration) statt. Ziel ist, Schülern mit Migrationshintergrund die Möglichkeit zu geben, ihre Sprachkenntnisse in Deutsch sowie ihre schulischen Leistungen zu verbessern. Sprachlich gefördert werden die Schüler auch durch Theaterarbeit und das Erstellen einer Schülerzeitung. Die Lehramtsstudierenden werden für ihre Tätigkeit von der Berliner Lehr- und Lernwerkstatt Deutsch als Zweitsprache (DaZ) in Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Erziehungswissenschaften und Psychologie der FU Berlin ausgebildet. Der Fachbereich der Universität übernimmt auch die wissenschaftliche Begleitung des Projekts. „Durch das wegweisende Programm werden Schüler individuell gefördert, gleichzeitig qualifizieren sich zukünftige Lehrer für den DaZ-Unterricht und erwerben notwendige Lehrpraxis“, sagt Herbert Weber von der Regionalen Arbeitstelle für Ausländerfragen, Jugendarbeit und Schule (RAA) in Berlin, die Träger des „Sprint“-Projektes ist, das zunächst für drei Jahre konzipiert ist.
Finanziert wird es von der Essener Stiftung Mercator und aus Mitteln des Programms „Soziale Stadt des Quartiermanagements“. Das Projekt kooperiert mit neun Schulen des Bezirks Wedding und ist Teil des bundesweiten Programms „Förderunterricht für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund“ der Mercator Stiftung. Mercator Stiftung sorgt für kostenfreien Unterricht Bereits seit einem Jahr nutzen Schüler von zwölf weiteren Berliner Schulen, darunter Haupt- und Realschulen sowie Gymnasien, das Bildungsangebot der bundesweiten privaten Initiative. In Kooperation mit der Senatsbildungsverwaltung wird an Schulen der Förderbedarf ermittelt, anschließend werden die Eltern über das zusätzliche Angebot informiert, diese können ihre Kinder dann für den kostenfreien Unterricht anmelden.
„Auf Grund von Sprachdefiziten schneiden Gymnasiasten mit Migrationshintergrund zwei bis drei Punkte schlechter ab, Schüler, die mit Zahlen im Mathematikunterricht zurecht kommen, scheitern an den Textaufgaben“, sagt die Lehrerin Barbara Hecke, die in der Berliner Senatsschulverwaltung für das Mercator-Projekt zuständig ist.
Angebot eher für leistungsstärkere Schüler
Insgesamt ist das Modellprojekt der Mercator Stiftung bundesweit an 35 Standorten vertreten. Göttingen kam in diesem Jahr als letzter Standort hinzu. „Damit haben wir unser Ziel nach fünf Jahren Aufbauarbeit erreicht“, berichtet Doreen Barzel von der Mercator Stiftung. Die Resonanz des Projektes sei so groß, dass weitaus mehr Standorte hinzukommen könnten. Die Mercator Stiftung finanziert den Förderunterricht für Schüler der Sekundarstufe I mit 6,6 Millionen Euro. Über 5 200 Kinder der Klassen fünf bis zehn nutzen derzeit die Sprachförderung. Das Angebot richtet sich eher an leistungsstärkere Schüler, die auf Grund ihrer Sprachdefizite ihre Fähigkeiten nicht voll ausschöpfen können. „Für diese Schüler gibt es bislang wenige Fördermöglichkeiten, die Politik unterstützt vor allem Grundschüler“, sagt Doreen Barzel. Der Mercator-Förderunterricht basiert auf der Verbindung von sprachlicher und inhaltlicher Förderung. Über Konzeption, Methodik und Zusatzangebote wie Theatergruppen und Sommercamps, entscheiden die Partner des jeweiligen Standortes. Realisiert wird das Projekt durch eine Hochschule und meist mehrere Kooperationspartner, beispielsweise RAAs (Regionale Arbeitsstellen für Ausländerfragen), Vereine oder Stiftungen. Die beteiligten Studenten werden an den kooperierenden Universitäten zu Förderlehrern ausgebildet.
Ausweitung des Projektes im Herbst
Ab Herbst stellt die Mercator Stiftung den Förderunterricht an den 35 Standorten auch Schülern der Sekundarstufe II zur Verfügung. Die Ausweitung des Projektes finanziert die Stiftung mit 3,4 Millionen Euro. „Gerade bei ausländischen Abiturienten und Berufsschülern, die kurz vor ihrem Abschluss stehen, ist eine gezielte außerschulische Sprach- und Fachförderung wichtig, um gegenüber deutschen Mitschülern keine sprachlich bedingten Nachteile zu haben“, so die Projektleiterin der Mercator Stiftung. Mit den Stiftungsmitteln werden vor allem die Honorare der zurzeit über 900 Förderlehrer bestritten. Ziel der Initiative ist, dass die Standorte nach dreijähriger Projektförderung das Bildungsangebot weiterführen. In Essen ist das bereits gelungen: Durch eine Kooperation mit der Stadt, Sponsoren und anderen Stiftungen kann der Förderunterricht für 750 Schüler weiterhin angeboten werden.
Entwickelt wurde das Konzept des Mercator-Projekts an der Universität Essen am Institut für Migrationsforschung, interkulturelle Pädagogik und zweisprachliche Didaktik. Evaluiert wird es vom Europäischen Forum für Migrationsforschung an der Universität Bamberg. Die ersten Ergebnisse sollen Ende des Jahres vorliegen.
Bildunterschrift: Schüler mit Migrationshintergrund werden sowohl beim Spracherwerb als auch beim Lernen fachlicher Inhalte durch das neue Bildungsangebot gefördert.
Erstveröffentlichung: Klett Themendienst
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