didacta-Themendienst

„Im internationalen Vergleich sind wir nicht gut aufgestellt.“

Mit dem Digitalpakt sollen Schulen fit für die Zukunft gemacht werden. Doch wie lässt sich die Digitalisierung sinnvoll gestalten? Im Interview spricht Prof. Dr. Christoph Meinel über Chancen und Herausforderungen in einem föderalen Bildungssystem.

18.02.2020 Bundesweit Artikel Stefany Krath
  • © Messe Stuttgart

Herr Prof. Meinel, wie ist der Stand der Digitalisierung an deutschen Schulen?
Im internationalen Vergleich sind wir noch nicht gut aufgestellt. Das bezieht sich auf vier Bereiche: Es fängt bei der Hardware-Ausstattung an, hier soll der Digitalpakt helfen. Schülerinnen und Schüler brauchen natürlich Geräte, wenn sie digitale Inhalte benutzen wollen. WLAN und ein Internetanschluss sind notwendig. Wenn die Hardware-Infrastruktur steht, braucht es zweitens eine Software-Infrastruktur. Dabei handelt es sich um eine digitale Arbeitsumgebung, in der Schülerschaft und Lehrkräfte ihre Daten ablegen, Texte, Vorträge, Präsentationen erstellen und sich austauschen können. So können beispielsweise Schüler ihre Hausaufgaben digital der Lehrkraft zukommen lassen, die wiederum Aufgaben zurücksendet. Dann kommt die dritte Ebene, die Lernsoftware. Das sind Vokabeltrainer, Mathematik­programme oder elektronische Experimente und Lernplattformen, die es gibt. Viele dieser interaktiven Systeme funktionieren nur, wenn sie den Nutzer kennen. Das bedeutet, dass Daten protokolliert werden: Was hat der Betreffende gestern gemacht? Welche Frage konnte er nicht beantworten? Wo müssen wir wieder ansetzen? Die Programme müssen mit personenbezogenen Daten umgehen und das ist datenschutzrechtlich immer ein Problem. Schließlich folgt die vierte Ebene: die Umsetzung. Welche Stellen im Unterricht sind für digitale Inhalte geeignet, welche eher nicht? Gibt es didaktisch Erfahrungen, wann welches System besonders gut einsetzbar ist? Diese vier Aspekte müssen berücksichtigt werden, damit digitaler Unterricht an Schulen funktioniert.

Warum hinken wir in Deutschland so hinterher?
Einer der Gründe ist sicherlich die europäische Datenschutzverordnung. Es gibt bereits gute Systeme im Internet, beispielsweise Google Classroom oder andere, aber sie können natürlich in deutschen Schulen nicht verwendet werden.

Inwiefern behindern Governance-Strukturen den Digitalisierungsprozess?
Wir haben gerade im Schulbereich eine ganz schwierige Gemengelage mit vielen Beteiligten und Entscheidern. Da sind die Bundesländer, da Schule Länderkompetenz ist. Da sind die Schulträger, die verantwortlich für die Hardware-Ausstattung der Schulen zeichnen. Dazu gehören die Schulen selbst und schließlich auch noch die externen Experten, die sich bei allen Hardware- und Software-Komponenten auskennen. In einem solchen Kontext sind Entscheidungen nur schwerfällig zu treffen. Bei der Digitalisierung schlägt das besonders negativ zu Buche, denn hier geht es um Schnelligkeit und Skalierbarkeit, also ein rasches Wachstum. Wenn es schnell viele Nutzer gibt, kann der Hersteller noch mehr Ressourcen investieren. Dann gibt es keine Schnittstellenprobleme, sondern dann kann jeder in Deutschland umziehen und trotzdem seine digitale Arbeitsumgebung weiter nutzen. Die Governance-Struktur ist denkbar ungünstig, um hier eine gute Position einzunehmen.

Wie müssten sich die Organisationsstrukturen ändern, um dem Bildungssektor den Einstieg in die Digitalisierung zu erleichtern?
Bei der Hardware braucht es keinen extra Stecker für jedes Bundesland. Genauso braucht es nur eine Software-Infrastruktur für alle Länder, in der man Daten und Text erstellen und sicher ablegen, Informationen zwischen Lehrer und Schüler austauschen und Teams gemeinsam Präsentationen erstellen lassen kann. Die ganze Welt hat sich ja schließlich auf ein oder zwei Office-Systeme geeinigt. Es braucht da keine 16 verschiedenen Lösungen wie die Schul-Cloud in 16 Bundesländern. Bei der Auswahl der Lernsoftware, da kommt der Föderalismus dann wirklich zum Tragen. Welche Lernsoftware kommt wo und wann zum Einsatz? Da sollte es sehr viel Variabilität und Gestaltungsraum geben, dort kann und sollte lokal entschieden werden. Bei allen Fragen der Infrastruktur wird das viel zu kleinteilig, extrem teuer und ineffektiv.

Was erwarten Sie von der didacta – die Bildungsmesse 2020?
Das ist für mich eine Art Familientreffen, bei dem sich alle Beteiligten im Bildungsbereich austauschen – vom Software-Entwickler bis zum Schulbuchanbieter. Die didacta ist weltweit eine der größten Bildungsmessen. Beim Rundlauf kommt man mit Dingen in Berührung, von denen man noch gar nicht wusste, dass sie existieren. Die didacta ist ein wichtiger und beeindruckender Treffpunkt für die vielfältigen Stakeholder, die im Bildungsbereich aktiv sind.

Information für Redaktionen: Interviews, Texte und Zitate aus diesem Themendienst können gerne zur redaktionellen Berichterstattung verwendet werden. Beim Bildmaterial beachten Sie bitte die Nutzungshinweise am jeweiligen Bild. Über ein Belegexemplar an info( at )bildungsklick.de freuen wir uns.

Quellenangabe: Dieser Beitrag erschien zuerst im didacta Themendienst.

Der Themendienst im Überblick: Weitere Artikel und Interviews finden Sie im Dossier auf www.bildungsklick.de.



Mehr zum Thema


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden