Zehn Jahre PISA

Keine Konzepte für die Risikogruppen

(red) Vor zehn Jahren – am 4.12.2001 – wurden die ersten PISA-Ergebnisse veröffentlicht. Und die waren für Deutschland nicht gerade schmeichelhaft. Sind die letzten zehn Jahre genutzt worden, um das deutsche Bildungssystem erfolgreicher zu machen?, fragte [www.didacta-bildungsklick.tv](http://www.didacta-bildungsklick.tv) den Bildungshistoriker Prof. Dr. Heinz-Elmar Tenorth. Hier seine Antworten:

11.10.2011 Artikel
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Positive Entwicklungen - Erstens

Wir haben sie genutzt- und das würde ich ausgesprochen positiv bewerten - indem wir uns gegen den Befund nicht mehr sperren und indem wir akzeptieren, was 2001 ein wenig nationale Kränkung war: Dass dies nicht das beste Bildungssystem der Welt ist, sondern dass es große Schwächen hat. Was viele Experten aus früheren Vergleichsstudien - vor 15, 20 Jahre etwa für Mathematik oder Naturwissenschaften - schon sehr gut wussten. Und ganz viele Experten wussten auch einen zweiten PISA-Befund: Dass die Qualität im System sehr stark variiert und schwankt, dass es sehr gute Gymnasien gibt und sehr schlechte und dass Gesamtschulen nur in ganz wenigen Regionen wirklich akzeptabel sind und so weiter.

Positive Entwicklungen - Zweitens

Ich finde auch die zweite Reaktion so erstaunlich wie gut, dass man sich darauf verständigt hat, Qualitätssicherungsmaßnahmen zu ergreifen. Die wesentliche Maßnahme ist die Einführung der Bildungsstandards. Wir haben damals hier in Berlin daran mitgewirkt und das IQB an unserer Universität gegründet. Das Institut hat im Herbst 2004 seine Arbeit aufgenommen und arbeitet sehr erfolgreich.

Positive Entwicklungen - Drittens

Der dritte Punkt, den ich auch für erfolgreich halte, ist, dass alle Länder - in unterschiedlicher Intensität aber relativ gleichsinnig - Maßnahmen zur Qualitätssteigerung im Bildungswesen vom vorschulischen Bereich bis zum Ende der Sekundarstufe II ergriffen haben. Unter diesen drei Aspekten: Ja.

Die Probleme - Erstens

Man muss die negative Seite, die problematische Seite auch sehen und die besteht darin, dass es natürlich keine koordinierte Politik in einem strategischen und umfassenden Sinne gegeben hat, sondern die Länder haben im Grunde an Einzelmaßnahmen festgehalten über die Zeit hinweg. Sie haben die Einzelmaßnahmen mit unterschiedlicher Intensität bearbeitet, sie haben keine Prioritäten und Schwerpunkte gesetzt. Ein paar Beispiele, was ich vermisse: Das Erste wäre Sprachförderung im Vorschulbereich. Sie ist im Grunde, was die Programme angeht, die Realisierung, die Sicherung der Qualität der Programme, die Kompetenz der Erzieher und der beteiligten Berufe, im Grunde ein Desaster. Man erlaubt sich so viel an Heterogenität bei ungeprüften Programmen und sicheren Erfolgsaussichten - das darf im Grunde gar nicht sein, wenn man weiß, dass das die erste zentrale Schwelle ist. Der Kollege Esser aus Mannheim sagt ja auch ganz lapidar, es sei Geldverschwendung gewesen. Programme die nicht geprüft waren, deren Mechanismen man nicht kannte, deren Effekt man nicht einzuschätzen wusste. Viel Geld wurde in den Markt gepumpt und der beste Effekt bestand dann darin, dass man dafür sensibel geworden ist. Aber dafür ist es viel Geld gewesen, nur um sensibel zu werden, dass man besser werden muss.

Die Probleme - Zweitens

Das Zweite ist: Im Sekundarbereich 1 nimmt man immer noch hin, dass die Gruppe der Risikokinder 20 % umfasst und ich bin überhaupt nicht damit getröstet, muss ich ehrlich sagen, dass sie von 24 % auf 20 % zurückgegangen ist in den letzten 10 Jahren. Dafür gibt es keine guten Programme. Das läuft im Wesentlichen immer noch lokal – mit großem Engagement – aber es ist nicht dauerhaft gesichert. Und in diesen zweiten Komplex der Risikogruppenproblematik gehört auch, dass das Übergangssystem, also der Austritt aus der Sekundarstufe I und der Übergang zum Beruf genauso schlecht organisiert ist. Wir haben 500 000 Jugendliche, die in Übergangssystemen vor sich hinwarten, unqualifiziert wieder entlassen werden und einer Dauerexistenz ohne Beschäftigungschancen entgegensehen.

Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass man 20 % eines Altersjahrgangs abhängen kann. Das ist etwas moralisch Verwerfliches. Man kann doch auch nicht in Ruhe hinnehmen, dass wir dabei immer neu Generationen erzeugen, denen jede Lebensperspektive fehlt. Denn die Menschen können hinterher nicht arbeiten gehen. Sie haben auch keine Weiterbildungsbereitschaft, sie sehen gar nicht mehre ihr eigenes Wertesystem so, dass eigene Anstrengung zu irgendetwas von Bedeutung ist. Das halte ich für moralisch verwerflich, politisch untragbar und schließlich auch für gefährlich. Da kapseln sich wirklich Gesellschaften ab. Also das, was das Bundesverfassungsgericht Aufgabe der Schule definiert hat, dass sich keine Parallelgesellschaften entwickeln dürfen, das kann doch nicht nur in Bezug auf politische Werte gelten. Das muss auch die Pflicht der Schule einschließen, jeden Bildungsgang so zu öffnen, dass er in weitere Lern-, Lebens- und Arbeitsprozesse einmündet. Wenn man die Rechtssprechung des BVG zur Schulpflicht sieht, ist dies das zentrale Kriterium.

Die Probleme - Drittens

Und der 3. Punkt ist das, was man so schön technische Implementation nennt. Dass die entscheidende Ebene erreicht wird bei der Qualitätssicherung und Verbesserung, nämlich die Einzelschule, die Ebene des Unterrichts. Das ist mit den Bildungsstandards bisher nicht richtig gelungen. Manche Länder haben ihre Lehrplanarbeit einfach nur umbenannt und sind gar nicht richtig auf Standards übergegangen. Und vor allem glaube ich, hat man erneut gelernt - leider aus den negativen Erfahrungen -, dass ein solcher Transformationsprozess nicht gelingt, wenn man nicht die Kollegien, die einzelnen Schulen und die Lehrer mitnimmt. In zwei Richtungen: Einmal, dass man ihnen vertraut, ihnen die Erwartung vermittelt, ihr seid kompetent und ihr könnt das. Mit eurer Hilfe wird das nur gelingen. Und dass man sie zweitens da unterstützt, wo sie etwas Neues tun müssen. Da hätte man stärker auf Profession setzen, die Profession stärker stützen und Unterstützungsangebote curricular und in der Weiterbildung machen müssen und nur die Hälfte, allenfalls die Hälfte, wenn nicht nur ein Drittel der Prüfungen, Vergleichsarbeiten und der Messungen durchführen können. Es reichen Outcome-Messungen. Man muss nicht permanent dazwischen immer neu nachschieben. Es gab Schulen, die hatten jede Woche ein Ereignis an Kontrolle und Messung - das geht nicht. Da hat man vielleicht gegenüber dem gemütlichen System vorher, wo man gar nicht beobachtet hat, ein zu rigides System nachher eingerichtet und das Zwischenstück der Unterstützung ignoriert.

Ausblick: PISA 2012

Es wird sich etwas zeigen - wie beim letzten Mal auch. Wenn man genau hingeguckt hat bei PISA 2009 - das war ja fachspezifisch Naturwissenschaften, Mathematik - gab es durchaus eine Veränderung. Ich würde das auch bei Deutsch erwarten. Die Lehrer insgesamt und die Fachdidaktiken insgesamt werden selbstkritischer, forschungsbewusster methodenorientierter, beobachten sich kritischer und von daher würde ich glauben, werden die Effekte in den PISA-Sequenzen zunehmen. Sie sind für mich dadurch erklärbar, dass die Lehrer natürlich kluge Leute sind, die sich nicht immer von außen sagen lassen ´warum arbeitet ihr an so dummen Aufgaben stellt doch mal kluge`. Dann machen sie kluge Aufgaben. Beispiel Berlin: Berlin war in Mathematik in den ersten Tests bei PISA richtig schlecht – vor allem bei problembezogenen Aufgaben. Bei der nächsten Messung war Berlin richtig gut. Einfach zu erklären: Ein kluger Gymnasiallehrer macht andere Aufgaben und eine kluge Fachkonferenz sagt: Das lassen wir uns doch nicht zweimal sagen. Ich glaube, das wird ein flächendeckendes Phänomen werden. Insofern langsamer Anstieg, weil höhere Form der Selbstbeobachtung, Selbstvergewisserung und Selbstkritik und lokal und professionell richtige Antworten.

Ob wir uns aber im Ganzen so gut verbessern, dass wir einen stürmischen Sprung nach oben machen, das glaube ich nicht, weil dafür die Maßnahmen im Bereich der Risikogruppen noch zu punktuell und noch nicht flächendeckend genug sind. Flächendeckend tut sich da noch nichts so richtig, dass man zuversichtlich nach vorn gucken kann. Zumindest nicht so, dass die Leute in dem Bewusstsein arbeiten, das Problem vergeht nicht von selbst demografisch, sondern nimmt demografisch zu. Das heißt:Wir müssen die Strukturen früher erproben und schaffen, bevor uns das Problem quantitativ überwältigt. Das geschieht noch nicht in der richtigen Passung.

Das vollständige Video auf www.didacta-bildungsklick.de


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