Leben in der Informationsgesellschaft:

(md) Elektronische Medien gehören in allen Altersklassen zum Alltag und junge Menschen wachsen ganz selbstverständlich in die Welt von Web 2.0 hinein. In den Schulen haben sich elektronische Medien jedoch noch immer nicht flächendeckend durchgesetzt: Im Durchschnitt teilen sich elf Schüler einen Computer. Das Problem ist aber nicht nur die fehlende Ausstattung.

06.10.2006 Artikel

In den Tageszeitungen wird sehr oft über Pilotprojekte berichtet, die zum Ziel haben, Schulen mit PCs auszustatten oder Schüler mit elektronischen Lernmedien zu versorgen. Vom intranet-ähnlichen Portal auf lokalen Netzwerksystemen bis zu internet-basierten Lösungen für Schüler und Lehrer gibt es inzwischen eine große Vielfalt an Angeboten. Durch die Anzahl der Meldungen entsteht der Eindruck, dass inzwischen jede Schule über Computerräume verfügt und das elektronisch gestützte Lernen zum Schulalltag gehört. Tatsächlich handelt es sich aber zumeist um Modellprojekte mit begrenztem Wirkungskreis, von flächendeckenden Angeboten oder Standards kann keine Rede sein.

In manchen Bundesländern gibt es ein großes Engagement im Bereich der digitalen Bildung und die Qualität der Projekte kann sich durchaus sehen lassen: Vor allem die Länder Nordrhein-Westfalen, Berlin, Baden-Württemberg und Hessen sind sehr aktiv und haben eine Reihe von Modellprojekten initiiert. Allerdings handelt es sich häufig um Modellprojekte mit begrenzter Laufzeit. Eine Lösung zur Überführung in den Regelbetrieb und damit für eine nachhaltige Entwicklung steht noch aus. Insgesamt sind die realisierten Projekte nur punktuell wirksam und die meisten Schüler müssen sich ihre Medienkompetenz bisher auf eigene Faust erwerben. Der Erwerb dieser Kulturtechnik, die eine überaus wichtige, wenn nicht sogar entscheidende Basis für die Berufsfähigkeit der deutschen Schüler darstellt, wird faktisch ins Elternhaus verlagert. Praktisch bedeutet das, dass das Phänomen der digitalen Spaltung, von der man bisher nur in Hinsicht auf Schwellenländer oder der dritten Welt spricht, auch in Deutschland bereits beobachtet werden kann.

Wo liegen die Ursachen des Problems?

Mit den Bildungsstandards hat die Kultusministerkonferenz 2004 festgelegt, über welche Kompetenzen Schülerinnen und Schüler verfügen sollen. Das Thema Medienkompetenz bleibt hier allerdings unerwähnt. Damit wird die Verantwortung auf Grund des deutschen Bildungsföderalismus auf die Landesebene verwiesen. So erklärt sich, warum einige Bundesländer in der Umsetzung von Pilotprojekten sehr aktiv sind, während andere das Thema bislang nicht oder nicht ausreichend auf der Agenda haben. Die Kompetenztrennung im deutschen Bildungssystem behindert ein ganzheitliches Konzept für E-Learning in Schulen: Die Kultusministerien und das pädagogische Personal sind für Bildungspläne verantwortlich, während Schulträger für Infrastruktur und Ausstattung der Schulen zu sorgen haben. Eine verbindliche Verankerung von Mediendidaktik in den Bildungsplänen durch die Kultusministerien erfordert in der praktischen Umsetzung eine Verbesserung der Ausstattung an den Schulen – und zwar aus den Töpfen der Kommunen und Landkreise. Dieser Interessenkonflikt führt bei fehlenden ganzheitlichen Strategien zwangsweise ins Dilemma.

Lehrerqualifizierung auf freiwilliger Basis

Auch die Aus- und Fortbildung der Lehrer ist bisher nicht verbindlich geregelt: Wenn der Lehrplan den Erwerb der Medienkompetenz nur punktuell vorschreibt, besteht auch wenig Notwendigkeit diesen Aspekt in der Ausbildung der Lehrer mit besonderem Nachdruck zu behandeln. Dies gilt noch viel mehr, wenn Medienkompetenz im Schulalltag der Lehrer eine nachgeordnete Rolle spielt. Weiterbildungen sind selten verbindlich vorgeschrieben und eher vom persönlichen Interesse der Lehrer abhängig. So können sich zwar Lehrkräfte in Baden-Württemberg im Rahmen der „Medienoffensive Schule“ zum Multimediaberater weiterbilden lassen und das Angebot wurde bisher von über 30.000 Lehrern angenommen. Die Qualifizierungsmaßnahme beruht aber auf freiwilliger Basis und eine Integration dieses Wissensbereiches in die Lehrerausbildung ist nach Aussage des Kultusministeriums bisher nicht vorgesehen.

Die zögerliche Etablierung der elektronischen Medien im Lernalltag der deutschen Schüler lässt sich auf ein grundlegendes Problem zurückführen: Obwohl Bund, Länder und Schulen das Thema Medienkompetenz ernst nehmen und mit Modellprojekten vorantreiben wollen, wurde bisher kein gemeinsames Ziel formuliert. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat in einer Studie zur IT-Ausstattung und -nutzung der bundesdeutschen Schulen im Herbst 2005 festgestellt, dass im Durchschnitt für elf Schüler ein Computer zur Verfügung steht und dass damit die Vorgaben des Aktionsplanes E-Learning, den der europäische Rat vorgelegt hat, mehr als erfüllt sind. Der fordert nämlich nur eine Relation von 15:1. Solange sich Erfolge und Zielerreichungen an bloßen Ausstattungsquoten fest machen, bleibt die eigentliche Frage unbeantwortet: Wie kann die grundsätzliche Befähigung der Schüler mit elektronischen Medien umzugehen und der selbstverständliche Einsatz des Mediums Computer im Schulalltag erreicht werden?

Lösungsansätze aus der Wirtschaft

Auch die Unternehmen, die für geeignete Angebote sorgen sollen, stehen vor dem Problem, dass die Entwicklungen für neue und schultaugliche Produkte bei den derzeitigen Absätzen kaum rentabel sind. Das gilt sowohl für die IT-Ausstattung als auch für die elektronischen Lernmedien. Vielversprechende Ansätze gibt es aber dennoch: In diesem Frühjahr ist auf Initiative von Microsoft ein neues Produkt auf den Markt gekommen, das eine Perspektive für schulisches E-Learning aufzeigt: Der Origami. Was zunächst nach Bastelspaß klingt, ist ein so genannter UMPC, ein ultramobiler Personal Computer. Das Gerät misst gerade mal 23 mal 15 Zentimeter, das Display ist sieben Zoll groß, das Gewicht liegt bei 900 Gramm. Zu bedienen ist es manuell über integrierte Eingabeknöpfe, per Stift über das Display oder über eine separate Tastatur – ein Mittelding zwischen Notebook und Handheld. Sollte das Gerät tatsächlich zum angestrebten niedrigen Preis und in großen Stückzahlen Absatz finden, könnte ein günstiges, schultaugliches Endgerät in den Schulen Einzug halten.

Fazit

Produkte wie der Origami sind natürlich keine Universallösung für die drohende digitale Spaltung an deutschen Schulen. Aber sie könnten zumindest eine einheitliche Ausstattung der Schüler ermöglichen und das wäre wohl die wichtigste Basis für die Etablierung mediengestützten Lernens, um Schüler adäquat auf das Berufsleben vorzubereiten. Nötig ist eine umfassende Strategie, die die verbindliche Qualifizierung der Lehrkräfte, die Etablierung curricularer Vorgaben, die Entwicklung von Finanzierungsmodellen zur Überwindung der Kompetenzaufteilung zwischen Ländern und Kommunen und ein Angebot von lehrplankonformen digitalen Lernmedien gleichermaßen umfasst.

Erstveröffentlichung:

Klett-Themendienst


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