Medien sind mehr als Zeitstaubsauger
Medien gehören originär zur kindlichen Lebenswelt: Bereits die Hälfte der 5- bis 6jährigen in Deutschland hat Umgang mit dem Computer. Bücher spielen aber in diesem Alter noch eine wesentlich größere Rolle; entgegen landläufiger Meinung kommen Jungen sogar genauso lesemotiviert in die Grundschule wie Mädchen.
16.03.2006 Pressemeldung Gemeinnützige Stiftung Ravensburger VerlagDie Familie allein kann Medienkompetenz nicht vermitteln, aber 50 % der Erzieherinnen in Kindergärten sind in Sachen Medienpädagogik verunsichert und wünschen sich praxisnahe Fortbildung. Zu diesen ersten Ergebnissen gelangt die dritte der Ravensburger Jugend-Medienstudien zum Thema "Medienerziehung in der Frühförderung", die die Stiftung Ravensburger Verlag am Donnerstag (16.3.2006) im Rahmen der Leipziger Buchmesse öffentlich vorstellte.
Das Forschungsprojekt
Internationale Vergleichsstudien wie PISA haben zu einer Neubesinnung in Sachen Bildung geführt. Im Fokus der deutschen Öffentlichkeit standen dabei vor allem die erkennbaren Lesedefizite der 15jährigen. Es schien pädagogisch nahe liegend, die Jungen und Mädchen von den TV-Soaps und PCs weg und hin zum Buch führen zu wollen. Die Ergebnisse der ersten beiden Ravensburger Jugend-Medienstudien (2003 und 2004) machten jedoch deutlich, dass bildungsbürgerliche Medienvorbehalte der Alltagswelt der Jugendlichen nicht gerecht werden. Ihr Fazit lautete: Bildung sollte mit den Mediengewohnheiten gefördert werden, nicht gegenläufig.
Medienumgang ist ein Bildungsfaktor
"Die Einführung von Bildungsstandards in den Bundesländern und die Bildungspläne für die Kindergärten werden allgemein die Schulfähigkeit verbessern. Auch der Medienumgang der Kinder und Jugendlichen stellt einen wichtigen Bildungsfaktor dar, der noch stärker berücksichtigt werden sollte", begründet Dorothee Hess-Maier, Vorsitzende der Stiftung Ravensburger Verlag, das Engagement der Stiftung. "15jährige fallen nicht vom Himmel", schlussfolgerten ihrerseits die wissenschaftlichen Projektleiter Professorin Dr. Gudrun Marci-Boehncke (Literaturwissenschaft, Didaktik) und Professor Dr. Matthias Rath (Pädagoge und Medienethiker). Sie begannen deshalb in einer dritten Studie, die Mediennutzung im Vorschulalter und die Medienbiografien von Eltern und Erzieherinnen unter die Lupe zu nehmen.
Kinder auf die Spuren bringen
"Medien sind mehr als nur Zeitstaubsauger. Die Kinder haben kreativ die Medien für sich entdeckt und in ihr eigenes Spiel und ihre eigenen Interessen integriert", erklärt Professor Rath den Ausgangspunkt. Ein Jahr lang untersuchte das Team der Forschungsstelle Jugend – Medien – Bildung an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg die Medienwelt von 80 Vorschulkindern in fünf Kindergärten einer Kleinstadt in Baden-Württemberg. Das Projekt "Kinder auf die Spuren bringen – Medienerziehung in der Frühförderung" ist ein "interventives Forschungsprojekt", das heißt, neben der Datenerhebung steht gleichberechtigt die Förderung des eigenständigen und kreativen Medienumgangs der Kinder. Auch diese medienpädagogische Intervention wird wiederum wissenschaftlich begleitet, die Ergebnisse an die Erzieherinnen zurückgemeldet, damit diese sie für ihre tägliche Arbeit im Kindergarten nutzen können.
Fünfjährige spielen am liebsten draußen
Fünf- und Sechsjährige spielen und toben am liebsten draußen mit ihren Freunden (82,5 % der Jungen, 47,5 % der Mädchen) und geben sich kreativ-produktiven Spielen (z. B. Rollenspiele) hin (75 % der Mädchen, 60 % der Jungen). Die Computernutzung im Vorschulalter (22,5 % Jungen, 7,5 % Mädchen) liegt leicht unter der von klassischen Brett- und Kartenspielen (27,5 % Jungen, 15 % Mädchen). Bücher nehmen mit 30 % Nutzung immerhin einen mittleren Platz unter den Lieblingsbeschäftigungen bei beiden Geschlechtern ein.
Jungen mögen Bücher genauso wie Mädchen
Wie die Forscher festgestellt haben, ist die Lebenswelt der Vorschulkinder bereits "medial durchwoben". Bereits 57,5 % der Jungen und 42,5 % der Mädchen nutzen im Elternhaus Computer. Über 80 % aller Kinder sehen regelmäßig fern und ebenso viele lassen sich Bücher vorlesen oder schauen selbst Bilderbücher an. Bei der Frage nach ihrem Lieblingsmedium liegt das Schwergewicht eindeutig beim Fernsehen (Jungen 42,5 %, Mädchen 47,4 %), bei den Hörmedien wie z. B. Märchenkassetten (Jungen 20 %, Mädchen 31,6 %) und dem Buch (Jungen 22,5 %, Mädchen 13,6 %). Professorin Marci-Boehncke: "Für uns sehr überraschend: Anscheinend kommen Mädchen und Jungen zunächst nicht unterschiedlich lesemotiviert in die Grundschule."
Eltern beobachten kaum Angst und Aggression
Vorschulkinder nutzen die diversen Medien vor allem am Nachmittag und am frühen Abend (höchste Nutzung zwischen 18 und 20 Uhr). Nicht bestätigt hat sich – eines der besonders auffallenden Ergebnissen der Untersuchung – die Vermutung, dass Vorschulkinder durch Mediennutzung (vor allem Fernsehfilme und Computerspiele) ängstlich oder aggressiv werden. Die befragten Eltern nannten diese Faktoren nur mit 8 % (ängstlich) und 5 % (aggressiv).
Kinder reagieren stark auf Konsumangebote
Beide Geschlechter zeigen die stärksten Reaktionen in Richtung auf einen kreativ-spielerischen Umgang mit Medienangeboten (Jungen 70 %, Mädchen 81 %), indem sie z. B. Medienthemen malen, Szenen nachspielen und die Mediensprache verwenden. Auf der anderen Seite steht eine starke, von den Medien vermittelte Konsumorientierung (Jungen 86 %, Mädchen 62 %). Kindergartenkinder haben offenbar schon stark ausgeprägte Kaufinteressen, die von der Medienindustrie aufgegriffen und von den Eltern bedient werden. Die Palette der Merchandisingprodukte für Kinder reicht von Puppen und Plüschfiguren über Bettwäsche, Sammelkarten, Aufkleber, Bekleidung, Taschen, Spielfiguren bis zu Nahrungsmitteln.
Mehr Medienfortbildung für Erzieherinnen
Professorin Marci-Boehncke: "Diese Ergebnisse sprechen unbedingt für eine kreativ-produktive Medienerziehung im Kindergarten, um damit ein Gegengewicht zu den vorwiegend passiven Mediennutzungsformen am Nachmittag zu bieten und um Kindern eine kritische Haltung zu Medieninhalten zu ermöglichen." Die Familie allein könne Medienerziehung nicht leisten. Medienerziehung sei angesichts der medialen Verfassung der heutigen kindlichen Lebenswelt unverzichtbar. Die Bildungsinstitutionen seien auf breiter Basis gefordert, hier aktiv zu werden, dabei dürfe die Vorschule nicht zurückstehen. Allerdings ergab die Befragung der Erzieherinnen, dass mehr als 50 % von ihnen unsicher sind, wie sie Vorschulkindern Medienkompetenz vermitteln können. Sie haben ein starkes Fortbildungsbedürfnis und wünschen sich "problem- und themenorientierte Fortbildungsangebote, z. B. von Hochschulen, die berufsbegleitend, konkret und praxisrelevant Qualifizierung ermöglichen."
Ansprechpartner
Gemeinnützige Stiftung Ravensburger VerlagPostfach 1860
88188 Ravensburg
Web: http://www.stiftung.ravensburger.de
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