Bayern

Nach fünf verlorenen Jahren: Schluss mit Schuldruck - für eine faire und nachhaltige Bildungspolitik!

Der noch amtierende bayerische Kultusminister Spaenle hat sich in den letzten fünf Jahren vor allem als Minister neuer Wortschöpfungen hervorgetan. Damit hat er uns reichhaltig beschert. Er war aber kein Minister einer neuen Politik. Er hat seinen Job auch aus Sicht der CSU nicht erledigt. Es ist ihm nicht gelungen, an der sogenannten Bildungsfront für Ruhe zu sorgen. Die Unzufriedenheit bei SchülerInnen, Eltern und Lehrkräften ist groß.

08.08.2013 Pressemeldung Bündnis 90/Die Grünen

Zwar wurden an allen Ecken und Enden des bayerischen Schulsystems Nachbesserungen vorgenommen, doch die Mängel bleiben bestehen. So ist Bayern bundesweit abgeschlagen auf dem letzten Platz beim Ausbau der Ganztagschulen, das Schulsterben im ländlichen Raum wurde allenfalls verzögert, steht aber bevor. Das G8 steht auch nach dem zweiten Abiturjahrgang in der Kritik, die Lehrerversorgung bleibt unzureichend und der Unterrichtsausfall ist nach wie vor hoch. Der von SchülerInnen und Eltern wahrgenommene Druck im Schulsystem, etwa wegen des Übertritts (Grundschulabitur), nimmt zu.

Wenn etwas von der Ära Spaenle übrig bleibt, dann ist es die Erinnerung am Erfindungsreichtum bezüglich neuer Namen im bayerischen Bildungssystem.

Einige Beispiele:

Aus Hauptschule wurden "Mittelschule". Zur Vorbereitung wurden "Dialogforen" geschaffen, die den Namen Foren nicht verdienen sondern eher an Frontalunterricht erinnerten. Die Mittelschulen schlossen sich zu Mittelschulverbünden" Es hat sich leider gezeigt, dass die Mittelschulverbünde das Sterben der Hauptschulen nicht aufhalten, bestenfalls etwas verzögern können.

Besonders einfallsreich war Kultusminister Spaenle bei dem offenkundigsten Problembereich der "Dreigliedrigkeit" des bayerischen Schulsystems, an der Spaenle unbeirrbar fest hält – beim Übertritt nach Klasse vier. Zwar werden weiterhin entgegen jeglicher kindgerechter Entwicklung zum Stichtag Anfang Mai für alle Viertklässler mit dem Übertrittszeugniss die Weichen für die weiterführende Schule und damit auch für den weiteren Lebensweg gestellt. Aber es gibt jetzt einen "Übertrittskorridor" und vor allem "Gelenkklassen" – ein Begriff der nach vier Jahren an den Schulen mangels Realitätsbezug schon wieder vergessen worden ist.

2012 stand im Zeichen der "Kooperationsmodelle", was konkret heißt, dass Realschulen und Mittelschulen im Nachmittagsbereich kooperieren können, zur Sicherung von Schulstandorten oder gar zur Weiterentwicklung des Schulsystems taugen diese Kooperationsmodelle nicht.

Leider ein Begriff ohne Inhalt ist auch die "Bildungsregion". Lediglich gemeint ist, dass sich in Gebietskörperschaften Arbeitskreise bilden und dann wird vom Kultusminister das vorgebliche Qualitätssiegel "Bildungsregion in Bayern" verliehen. Mehrwert, finanzielle Unterstützung oder zusätzliche Kompetenzen für die Kommunen – Fehlanzeige. Aber es gibt wieder einmal Dialogforen ohne Dialog.

Einfallsreich ist auch die Reihe neuer Begriffe zur Dauerbaustelle G8. Das G8 wird ständig optimiert: neueste Errungenschaft ist das Flexijahr, das zunächst Intensivierungsjahr hieß, dann flexible Lernzeiten und schließlich nun Flexibilisierungsjahr heißt. Das Fazit der Experten: Konzept nicht umsetzbar, faktisch ist es eine Variante des freiwilligen Wiederholens mit neuem Namen, an den Problemen des derzeitigen achtjährigen Gymnasiums änderte das aber nichts. Bei den Haushaltsberatungen legte der Minister besondere Kreativität darauf, Lehrerstellen als neue Stellen zu verkaufen, obwohl es sich lediglich um die Umschichtungen von Stellen im Haushalt handelte und parallel dazu auch noch Stellen gestrichen wurden.

Statt neuer Worte – für einen neuen Politikstil und eine neue inhaltliche Ernsthaftigkeit in der bayerischen Bildungspolitik:

Neuer Politikstil heißt:

  • weg von den ideologischen Frontstellungen,
  • weg von der Top down Politik des Kultusministeriums,
  • weg von der "alles ist Spitze" und "Ruhe" Rhetorik, die jede Diskussion ersticken soll.
  • für einen echten Dialog mit der ganzen Schulfamilie,
  • für faire Gespräche auf gleicher Augenhöhe mit der kommunalen Ebene über eine Neuaufstellung der Zuständigkeiten und Finanzierungsverantwortung von Land und Kommunen,
  • für eine Politik der Ermöglichung, die von Staatsseite die Handlungsspielräume für Schulen erweitert,
  • für verlässliche finanzielle Rahmenbedingungen und eine transparente Haushaltspolitik

Schwerpunktprojekte im Dialog vorantreiben

Beispiel: Ganztagsschulen – mehr Qualität und Quantität

Trotz aller von Minister Spaenle propagierten Dynamik ist Bayern bei den Ganztagsschulangeboten auf dem letzten Platz. Laut der jüngsten Studie der Bertelsmann-Stiftung besuchen 11,4 Prozent der bayerischen Schülerinnen und Schüler ganztags eine Schule. Im Nachbarland Sachsen sind es dagegen 78 Prozent. Das zeigt auch die Bandbreite in Deutschland: Bayern hat die geringste Zahl der Ganztagsschulplätze und Sachsen die höchste.

Eine gebundene Ganztagsform besucht gerade einmal jeder zwanzigste Schüler in Bayern. Die Bertelsmann-Stiftung sieht erheblichen Handlungsbedarf und empfiehlt den Ländern, einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz einzuführen.

Für uns Grüne steht fest: Mit qualitativen Verbesserungen wird es einen Sprung in der Entwicklung geben. Denn ansonsten wird Bayern auch weiterhin noch lange auf dem letzten Platz in Deutschland bleiben. Wir Grüne fordern eine bessere Ausstattung mit Lehrerstunden und mehr finanzielle Mittel, um, entsprechend dem Profil der Schule, gutes außerschulisches Personal gewinnen können. Wichtig ist eine Angleichung der unterschiedlichen Ganztagessysteme, so dass es nur noch zwei Modelle gibt: offene und gebundene Ganztagsschulen. Und es muss zur Regel werden, dass eine ganze Schule zu einer Ganztagsschule (pädagogisch sinnvoll) werden kann.

Wir führen den Dialog mit den kommunalen Spitzenverbänden über eine sachgerechte und faire Aufteilung der Ganztagsschulfinanzierung Beispiel Inklusion - Kein Ausruhen auf dem Konsens!

In der 16. Legislaturperiode gab es beim Thema Inklusion eine interfraktionelle Zusammenarbeit. Der Landtag hat damit deutlich gemacht, dass es beim Thema Inklusion keinen Platz gibt für Egoismen.

Fazit: Erste wichtige Schritte (z.B. Schulen mit dem Profil Inklusion) waren möglich, und die Ernsthaftigkeit und Glaubwürdigkeit einer gemeinsamen Bildungspolitik wurde erkennbar. Allerdings sind auch die Grenzen dieser gemeinsamen Arbeit deutlich geworden: Das Thema Inklusion konnte im Kultusministerium nicht in der Breite verankert werden. Das Thema muss aber von allen mit dem entsprechenden Gespür kommuniziert und behandelt werden. Auch im Landtag blieb das Thema ein Nischenthema. Eindeutig festzustellen war dies bei den Haushaltsberatungen. So wurden auch im Nachtragshaushalt keine zusätzlichen Mittel für die Inklusion investiert.

Im interfraktionellen Antrag (Drs. 16/17615) von SPD, FW und Bündnis 90/Die Grünen wird aufgezeigt, wie der Prozess der inklusiven Schulentwicklung mit Nachdruck voranzutreiben ist.

Dazu sind u.a. folgende Maßnahmen nötig:

  • Einrichtung eines Stellenpools Inklusion für zusätzliche Lehrkräfte, die eingesetzt werden z.B. zur Bildung kleinerer Klassen, als Zweitlehrkräfte, als Heilpädagogen;
  • Erarbeitung eines Fortbildungsplans (mit Angeboten zur Entwicklung inklusiven Unterrichts und Angeboten für spezifische Förderbedarfe) für Lehrkräfte aller Schularten und die Bereitstellung der dafür notwendigen Haushaltsmittel;
  • Verankerung des Themas Inklusion in der Lehrerbildung aller Schularten und Sicherung der entsprechenden Mittel für die Umsetzung an den Hochschulen;
  • Überarbeitung des Aufgabengebietes und Regelungen zur Qualifikation, Rolle, Anstellung und Vergütung von Schulbegleiterinnen und -begleitern;
  • Einrichtung einer Stabsstelle Inklusion im Staatsministerium für Unterricht und Kultus;
  • Öffnung von Förderschulen zu inklusiven Schulen; Die Staatsregierung wird aufgefordert, einen Zeit- und Finanzierungsplan zur Umsetzung dieser Maßnahmen vorzulegen.

Dialog mit den Kommunen über die Kosten der Inklusion. Ermittlung der Kosten für Inklusion in einem transparenten "open book Verfahren" und Entwicklung von Regelungen unter Beachtung des Konnexitätsprinzips für Inklusionsleistungen wie Schulbegleiter, Schülerbeförderungen, inklusive Nachmittagsangebote und Baumaßnahmen.

Beispiel: Wir lassen die Schule im Dorf – kurze Beine kurze Wege

Wir wollen dem Schulsterben auf dem Land gegensteuern. Wir wollen Grundschulen bei der derzeitigen Finanzierung der Schulen pro Kopf mit einer "Landkinderregelung" unterstützen, damit kleine Grundschulen nicht länger auf Kosten großer Schulen erhalten werden müssen und daher irgendwann geschlossen werden.

Dramatisch ist die Zukunftsperspektive vieler Mittelschulen. Die Namensänderung der Hauptschule führt nicht zu steigenden Schülerzahlen. Wenn der Kultusminister sagt, der Schülerrückgang ist nicht so stark wie prognostiziert, dann redet er die Situation der Mittelschulen schön. Wir wollen auch Schulstandorte an denen heute Mittelschulen sind, die nur eine Klasse für jeden Jahrgang aufweisen, in der Region erhalten. Wir setzen uns dafür ein, dass Gemeinden künftig beantragen können, Gemeinschaftsschulen einzurichten. Dort werden die Kinder über die vierte Klasse hinaus gemeinsam unterrichtet, wie es in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen bereits mit Erfolg praktiziert wird.

Der Erhalt von Schulen im ländlichen Raum ist eine der zentralen Herausforderungen des demographischen Wandels und eine entscheidende Maßnahme zur Stärkung des ländlichen Raums. Kommunen verlieren mit Schließung ihrer Schule erheblich an Attraktivität für Familien mit Kindern und damit an Entwicklungsmöglichkeit.

Wir Grüne wollen das Wohl der Kinder und unserer Gemeinden zum Maßstab der Politik machen. Deshalb wollen wir die Schule im Dorf lassen und die Kommunen beim Erhalt ihrer Schule unterstützen.

Wir nehmen Bildungsregionen ernst, indem kommunale Bildungslandschaften gestaltet werden, als Dialog in den Regionen und Entscheidungen über die regionale Schulentwicklung.

Beispiel: Druck raus, Lernen verbessern – keine Schnellschüsse, sondern für eine nachhaltige Reform des Gymnasiums

Das Gymnasium muss von einer "Prüfschule" zu einer Schule werden können, die Denk- und Sichtweisen vermittelt, statt "Bulimielernen" zu fördern. Dafür müssen die Lehrpläne und die Prüfungskultur modernisiert werden. Die Fächer müssen für interdisziplinäres Lernen vernetzt und die Chancen einer Zusammenarbeit der Lehrkräfte im Team genutzt werden.

Das Gymnasium muss Defiziten wie auch besonderen Stärken der SchülerInnen flexibel begegnen können – dafür müssen Lehrkräfte fortgebildet werden und Schulleitungen mit genügend Lehrerstunden in der Lage sein können, flexibel Gruppen (zur Förderung der unterschiedlichen SchülerInnen) bilden zu können.

Damit die SchülerInnen das Lernen und mehr selbständiges Arbeiten lernen, ist Methodentraining in der Unterstufe nötig. Und weil Lernen Zeit für Beziehung braucht, fordern wir die Klassenlehrerstunde, um die Lernbedingungen in der Klasse verbessern zu können.

Die Mittelstufe muss entsprechend der betroffenen Schülerschaft umgestaltet werden: durch Reduktion des Stoffdruckes, durch mehr fächerübergreifendes Lernen, durch Projektlernen, durch Konzentration auf die wesentlichen Kompetenzen und Anschluss an die Fragen und Lebenswirklichkeit der Jugendlichen. Dann wird aus weniger Stoff im Lehrplan mehr Lernen, das nachhaltig ist.

In der Oberstufe plädieren wir für die Wiedereinführung von Leistungskursen, um die Studierfähigkeit des Abiturienten zu verbessern und Stärkere in ihren Schwerpunkten besser fördern zu können.

Da das Gymnasium viel Arbeit auf den Nachmittag verlagert (Nachmittagsunterricht, häusliches Arbeiten, Nachhilfe) müssen Ganztagsschulangebote schnell ausgebaut werden.

Und nicht zuletzt muss die Ressourcenausstattung verbessert werden. Die nach dem letzten G9 Jahrgang gestrichenen Stellen (ca. 1800) fehlen heute für die notwendige Qualitätsverbesserung des G8.

Nach der Landtagswahl werden wir eine Gymnasialkonferenz einberufen, mit allen Verbänden, mit Vertretern von SchülerInnen, Eltern, Lehrkräften und mit WissenschaftlerInnen, mit einem Dialog und dem Suchen nach einem Konsens über einen zeitgemäßen Bildungsauftrag des Gymnasiums, die Verbesserung der Lernbedingungen, die inhaltliche Reform und die Dauer des Bildungsganges.

http://www.gruene-fraktion-bayern.de


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