Unterricht trotz einem Meter Neuschnee

(bikl/wa) Alberta ist die westlichste Prärieprovinz Kanadas. Mit 661 000 qkm fast doppelt so groß wie Deutschland, leben hier allerdings nur etwa 3,1 Millionen Menschen. Die Hälfte des Landes besteht aus Wald, einzelne Dörfer liegen oft meilenweit auseinander. Für Naturliebhaber mag das ein Paradies sein, für Kinder, die zur Schule gehen müssen, nicht.

14.12.2004 Artikel

In Kanada ist es deshalb seit langem üblich, dass Schüler auch zu Hause lernen können. Diese Möglichkeit kommt den Kindern und Jugendlichen entgegen, da sie auf diese Weise nicht täglich kilometerweit zu einer Schule fahren müssen. Auch für die Provinzen ist es gut, weil sie nicht verpflichtet sind, in jedem Dorf eine Schule zu unterhalten. Sogar etliche Familien, die in der Nähe von Schulen leben, nehmen dieses Angebot in Anspruch: Ihre Kinder haben gesundheitliche Probleme, wollen einfach lieber unabhängig vom Lerntempo der Mitschüler lernen oder die Eltern stimmen nicht mit den sozialen Wertvorstellungen der öffentlichen Schulen überein.

Laut Schulgesetz haben alle Eltern die Möglichkeit, "Home-Learning" zu beantragen und ihre Kinder selbst zu unterrichten. Lehrer müssen nicht anwesend sein. Lehrunterlagen können die Eltern sich besorgen, spezielle Lehrpläne benötigen sie nicht. Ob sie eine Reise machen, um die Erdkundekenntnisse zu festigen, oder im Wald Bäume für den Biologieunterricht untersuchen, ist gleichgültig. Hauptsache, die Kinder bestehen ihre Prüfungen am Ende des Schuljahrs, und die dürfen sie nur an öffentlichen Schulen ablegen.

20 Online-Schools in Alberta

Das "Home-Learning"-System wurde im Computer-Zeitalter immer weiter ausgebaut. Seit einigen Jahren gibt es in Alberta sogar virtuelle Schulen, so genannte Online-Schools. Für deren "Besuch" benötigen Schüler lediglich einen Computer. Und anders als in Deutschland ist es in Kanada üblich, dass bereits Grundschulkinder einen eigenen PC besitzen.
Es gibt insgesamt 20 virtuelle Schulen in Alberta, an denen rund 8000 Schüler lernen. Das bedeutet, dass etwa 1,4% der Schüler in Alberta virtuell unterrichtet werden. Die Kinder sind über das Internet miteinander und mit den Lehrern verbunden. So können sie Informationen austauschen und interaktiv lernen. Teilweise funktioniert das zeitgleich, sodass per Chat direkt mit dem Lehrer kommuniziert werden kann (synchrones Lernen). Auch Telefonate zwischen Lehrern und Schülern, die insbesondere notwendig werden, wenn Probleme auftauchen, sind Bestandteil des synchronen Lernens.

Parallel dazu gibt es das asynchrone Lernen. Dabei halten Lehrer und Schüler über E-Mail oder Foren Kontakt, bekommen aber meist zeitversetzte Antworten. Asynchrones Lernen hat den Vorteil, dass sich die Schüler ihre Zeit und ihre Arbeitsweise selbst einteilen, ihre Aufgaben jederzeit lösen und die Ergebnisse an den Lehrer mailen können. Unterstützt wird das Online-Learning in der Regel von einer eigenen Software der Schule. Materialien können direkt von den Schulen bezogen oder auf deren Websites bestellt werden.

Damit virtuelles Lernen erfolgreich verläuft, wird die Hilfe der Eltern benötigt: Nicht jedes Kind besitzt von Anfang an die Selbstdisziplin, die Online-Learning erfordert. Es liegt an den Eltern aufzupassen, dass ihre Kinder die Lernziele einhalten und kontinuierlich jeden Tag lernen. Unterstützt werden die Eltern vom jeweiligen Lehrer, mit dem sie ebenso wie ihre Kinder in Kontakt stehen. Bei gravierenden Problemen oder nicht bestandenen Prüfungen machen die Lehrkräfte auch Hausbesuche, um zu sehen, wo die Schwierigkeiten liegen.

Föderales Bildungssystem

In Kanada gibt es - ebenso wie in Deutschland - kein einheitliches nationales Bildungssystem. Jede der insgesamt zehn Provinzen ist für ihr System selbst verantwortlich. Das Schulsystem von Alberta unterscheidet sich nicht nur in puncto E-Learning ganz erheblich von den Regelungen der deutschen Bundesländer: Die Provinz unterhält grundsätzlich Ganztags- und Gesamtschulen. Das Lernen geht schon im Kindergarten los, der fester Bestandteil des Bildungssystems ist. Die anschließende Grundschulphase dauert sechs Jahre. Die siebte bis neunte Klasse verbringen die Schüler an einer Gesamtschule. Danach geht der Bildungsweg in der Regel zweizügig weiter - je nach Interesse und Leistung des jeweiligen Schülers. Ein Weg führt über die Highschool an die Universität, der andere zu einer Ausbildung an das Community College, eine technische Studieneinrichtung, oder direkt in die Arbeitswelt.

Prüfungen werden in Alberta generell von den Schulen entwickelt und auch an ihnen abgelegt. Sitzen bleiben gibt es nicht: Wer Schwierigkeiten hat, bekommt Förderunterricht. Ähnliche Ansätze finden sich in den neuen deutschen Bildungsplänen.
Ein großer Unterschied zwischen der Provinz Alberta und Deutschland liegt in der Bereitstellung öffentlicher Mittel für das Bildungssystem: 26% der staatlichen Ausgaben Albertas, also mehr als ein Viertel des Haushalts, fließen in die Bildung. In Deutschland sind dies laut OECD-Studie lediglich 9,7%.

Auch beim Thema E-Learning schneidet Deutschland im internationalen Vergleich schlecht ab: Hier reicht es, so die Studie "2003 E-Learning Readiness Ranking", gerade mal für Platz 17, während Kanada nach Schweden auf Rang 2 liegt. Vom Siegertreppchen wird den nordamerikanischen Staat so schnell auch keiner holen können, da Kanada seine E-Learning-Aktivitäten kontinuierlich ausbaut.

Fazit

In Alberta gehen 8000 Schüler nicht zur Schule, sondern werden online unterrichtet. Für jeden, der an das deutsche Bildungssystem gewöhnt ist, klingt das unglaublich, aber es funktioniert: Alberta läge bei der PISA-Studie noch vor dem Sieger Finnland.

Ansprechpartner

Bildungsministerium Alberta
Pressestelle
7th Floor, Commerce Place
10155, 102 Street
Edmonton, Alberta
T5J 4L5 Canada
Telefon: 001-780-422-4495
Fax: 001-780-422-1263
www.learning.gov.ab.ca/


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